25.07.2011 23. Woche
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Hurra, die Ferien sind da!

Kopf unter der Bettdecke; Ferienbeginn in England; leben autistische Kinder in einer anderen Welt?; wie schmeckt chinesisches Essen?; Strandurlaub, ade
Gerade stecke ich meine Nase ins Wohnzimmer und sehe Finn unter einer Decke auf dem Sofa sitzen: „Was machst du denn unter der Decke“, frage ich. „Mich ausruhen“, antwortet Finn. Der Junge ist nämlich erkältet und da wird es ihm öfter zuviel mit der Welt, obwohl heute bislang noch wenig passiert ist. Das sich unter einer Decke verstecken ist auch eines seiner autistischen Symptome. Er muss sich ganz von der Welt zurückziehen, das schließt auch und vor allem den Kopf ein. So versteckt er sich manchmal tagsüber unter seiner Bettdecke. Vermutlich hat das etwas damit zu tun, dass er stärker auf Sinnesreize reagiert als andere Kinder und dann einen „sensual overload“ erlebt, wie das die Briten nennen. Ganz klar, eine der besten Maßnahme dagegen ist, sich eine Decke über den Kopf zu ziehen. Wer würde das nicht gerne öfter tun …

Die Erkältung stammt übrigens von meiner Frau, die seit Ferienbeginn (an ihrer Schule fangen die Ferien etwas früher an, Privatschulen machen da ihren eigenen Kram in Großbritannien), erkältet ist. Kaum war die Schulzeit zu Ende, wurde sie krank und die Erkältung schleppt sie schon seit mehr als einer Woche mit sich herum. Komisch, oder?

Inzwischen habe ich mich auf den Weg ins Büro nach Soho gemacht, aber weil heute (Sonntag) strahlend schönes Wetter ist, lege ich einen Zwischenstopp an der St. Paul’s Kathedrale ein. Dort gibt es ein Café mit Wifi, von dem aus man einen herrlichen Blick auf das Gebäude hat. Außerdem kann ich im Fenster sitzend gut arbeiten. Eigentlich ist das unlogisch, denn die Menschenmassen drängeln sich auf dem Bürgersteig vorbei, es herrscht reger Straßenverkehr, in dem Café ist viel los und es wird Musik gespielt. Trotzdem kann ich gut schreiben. Verstehe das, wer will.

Am Donnerstag um 13.30 Uhr war es soweit, liebe Leser: In Großbritannien brachen die Sommerferien an (oder aus, wie man’s nimmt …). Meine Kids konnten sich seit Wochen vor lauter Aufregung kaum einkriegen, aber ich? Einerseits ist es schön, wenn sie zuhause sind. Aber es heißt für mich, dass ich täglich zum Arbeiten in die Stadt fahren muss, weil ich Zuhause einfach nichts geregelt kriege. Im Prinzip gehe ich gerne in die City, weil es dort viel zu sehen gibt, aber es ware auch schön, mit Finn, Josh und Sue im Garten zu sitzen. Obwohl es hier bislang nur sehr, sehr wenig Sonne gab. Heute ist der erste Tag seit Wochen an dem es schön warm und sonnig ist. Wie so oft ist der Sommer auf der Insel ins Wasser gefallen und das verregnete Frühjahr geht fließend in einen verregneten Herbst über. Natürlich ist Sue in den Ferien Daheim – eine große Entlastung für mich. Die letzte Ausgabe des Motorradmagazins war anstrengend, weil ich viel abends und nachts arbeiten musste und das stresst doch ziemlich.

In der letzten Woche vor den Ferien nehmen es die Lehrer mit dem Unterricht nicht mehr so genau, insbesondere nach der Zeugnisausgabe. Das war schon zu meiner Schulzeit so. Da gab es an der St. John of Jerusalem einen Sport-Tag, einen Fun-Tag und was weiß ich noch alles. Josh war extrem aufgeregt, Finn betrachtete die Sache mit Distanz. Er sorgt sich stärker darum, ob er ab und zu Süßigkeiten kaufen kann, was es zum Mittagessen gibt und ob er Wii spielen darf. Versteht mich bitte nicht falsch: Auch er freut sich auf die Ferien, aber er erlebt es anders als sein kleiner Bruder.

Man sagt ja, dass autistische Kinder in einer anderen Welt leben. Ich bin nicht ganz sicher, ob das so richtig ist. Finn nimmt sehr wohl war, was um ihn herum vorgeht, er nimmt eben nur nicht alles wahr oder er beurteilt das Wahrgenommene anders als sein Bruder. Zum Beispiel schließt er andere Kinder nicht so stark in sein Denken ein, wie Josh, der sich öfter fragt, ob es seinen Freunden gut geht. Trotzdem ist es keineswegs so, dass Finn sich gar nicht um andere kümmern würde. Besonders in letzter Zeit erzählt er öfter von seinen Schulkameraden und will sie nach dem Unterricht besuchen. Trotzdem ist er in dieser Hinsicht weniger emotional als Josh, was zumindest zum Teil auch eine Charaktersache sein könnte.

Heute ist Josh übrigens mit seinem Freund Sam unterwegs, ich habe aber vergessen, wen sie besuchen. Eine Freundin von Sams Mutter, glaube ich. Finn wird später mit Sue und einer ihrer Freundinnen nebst Anhang Chinesisch essen gehen. Der Kleine erzählt mir schon seit Tagen, wie sehr er sich auf das Essen freut. „Oh Papa, am Sonntag gehen wir Chinesisch essen. Was soll ich nur essen? Ente? Du isst doch manchmal Ente, oder? Wie schmeckt Ente denn? Schmeckt das gut? Oder soll ich etwas anderes essen?“ Fragen über Fragen. Typisch Finn eben.

Urlaub haben wir noch keinen gebucht. Zum einen sind wir pleite, zum anderen habe ich viel Arbeit (beim Drüberlesen merke ich gerade, dass sich das schräg anhört – ich schreibe oft von viel Arbeit und wir sind trotzdem pleite, komisch …) Ja, es ware schön irgendwo ein oder zwei Wochen am Strand die Sonnenliegen mit unserem Besuch zu beehren, aber es ist eben nicht immer drin. Außerdem will Sue nächste Woche ihre Eltern besuchen, und dann kommen meine alten Herrschaften zu Besuch. All zu viel Zeit bleibt da nicht mehr. Mal sehen, vielleicht machen wir eine Woche spontanen Kurzurlaub irgendwo wo es warm ist und die Sonne scheint. Ich halte euch auf dem Laufenden …

Ich muss mich heute kürzer fassen, aber es würde mich brennend interessieren, wohin ihr mit euren Kids in den Urlaub fahrt. Wo kann man gut mit Kindern urlauben wo nicht? Also, bitte zahlreiche Zuschriften zum Thema der Stunde.

Eine schöne Woche wünscht,

Frank

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Kommentare von Lesern:

 
Frank, London:
31.07.2011 19:06
Hallo,

vielen Dank für eure Kommentare. Meine Frau würde sofort campen gehen, aber mir ist das ein Gräuel. Auch und vor allem, weil ich im Sommer starken Heuschnupfen kriege und es dann einfach keinen Spaß macht, Tag und Nacht draußen zu verbringen.
johannes, Ennepetal:
29.07.2011 14:29
Die Krankheit Deiner Frau nennt sich "open-window-Symptom"... Plötzlicher Streßnachlasse, der Körper entspannt u. die Viren haben freien Zugang...

Zum Thema Urlaub: Wir waren im Mai mit unserer Tochter auf Sylt, nächstes Jahr geht es im März in die Türkei...
Anna, Kalifornien:
27.07.2011 19:04
Wir haben das Glueck, fuer ein paar Jahre in Kalifornien zu wohnen. Wir packen häufig Kind und Kegel ein und gehen campen. Das geht sogar mit Baby gut. Campen ist ueberall schoen, auch in Europa!
Gerd, Norddeutschland:
25.07.2011 20:46
Na ja, da sich unsere Kinder eh immer streiten und ich nicht einsehe, dafür auch noch im Urlaub viel Geld auszugeben (und wir ohnehin pleite sind), bleiben wir einfach zu Hause. Hier kann man auch das ein oder andere machen (Zoos, Bauernhöfe, Kanufahren etc.) und es kostet einfach viel weniger als beim Wegfahren. Und hier haben wir auch alles, was wir brauchen.

Macht das Spaß? Nö.
Yvonne,Berlin:
25.07.2011 17:33
Aufgrund unserer Nähe zum Norden fahren wir oft mit dem Auto nach Dänemark. Bornholm ist sehr schön, leider aber auch ganz schön teuer. Deutschland ist doch im Gegensatz zu England sehr preisgünstig und hier gibt es auch viele schöne Ecken! Außerdem könnten deine Kinder so Deutsch üben!

Tagebuch Frank H. Diebel

Frank H. Diebel
Alter: 44 Jahre
Wohnort: London
Beruf: Journalist
Familienstand: verheiratet
Geburtstag Kind: Finn: 23.10.00; Josh: 2.9.02
Letzter Eintrag: 19.12.2011

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