03.10.2011 33. Woche
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Indian Summer

Karate Kid; Schlange im Postamt; Besuch bei McDonald's; Matheclub; Schulen über Schulen.
Hier ist am Freitag der Hochsommer ausgebrochen oder der „Indian Summer“ wie die Briten das nennen. Bei selbigem handelt es sich nicht etwa um einen „Indischen Sommer“, sondern um einen „Indianischen“ – vermutlich eine Formulierung, die irgendwann aus den ehemaligen, nordamerikanischen Kolonien über den atlantischen Ozean geschwappt ist. In Deutschland heißt es doch „goldener Oktober“, wenn ich mich recht erinnere. Also wie auch immer man das Wetter nennt, es ist wirklich herrlich. Ich sitze sogar im Garten des Cafés, was ich eigentlich nur mache, wenn es super-schön ist, denn es mir hier draußen oft zu laut. Ich komme ja schließlich nicht zum Vergnügen hierher ….

Apropos Vergnügen: Gestern war ein Tag des Vergnügens. Josh ging mit Sue zum Karate-Unterricht in London Fields und war total begeistert. All die High-Kicks und was weiß noch alles, was dort gelehrt wird. Jetzt träumt der Kleine schon vom schwarzen Gürtel. Allerdings muss man erstmal abwarten, wie lange die Begeisterung anhält, denn wie das bei Kids eben so ist, entpuppen sich solche Leidenschaften ja mitunter als Strohfeuer.

Finns Leidenschaft für McDonalds ist dagegen kein Strohfeuer, sondern dauert schon seit einigen Jahren an. Ich bin grundsätzlich gegen einen Besuch bei der US-Billig-Fast-Food-Kette, weil ich der Ansicht bin, dass solche Konzerne nur Unheil stiften. Den Kunden minderwertigen, überteuerten Fraß andrehen, die eigenen Mitarbeiter ausbeuten bis zum geht nicht mehr, dabei noch den Planeten zerstören, nur damit einige Aktionäre ordentlich Kasse machen? Nein, danke! Ihr seht schon, ich mag McDonald’s nicht. Finn mag den Laden dafür umso mehr, und weil er ohne das richtige Outfit (er hat noch keines) nicht zum Karate gehen wollte, musste er diese Woche dem Kampfsport fernbleiben. Darüber war er sehr betrübt und so bot ich ihm an, dass wir doch zu McDo gehen sollten. Er nahm freudestrahlend an und so würgten wir denn zusammen einige Burger runter. Finn war im siebten Himmel. Ich bin immer wieder erstaunt, wie voll diese Läden sind. Kein Wunder, dass solche Konzerne so viel Asche machen.

Finn macht übrigens weiterhin, gute Fortschritte was das Bettnässen betrifft. Diese Woche ist er wieder mehrere Tage „trocken“ gewesen, und er ist unglaublich stolz. Ich auch, denn ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde. Vielleicht können wir demnächst seine Windeln ganz weglassen?

Übrigens gingen Finn und Sue heute morgen in die Kirche, während Josh und ich zuhause blieben und brav waren. Ich machte Hausarbeit und Josh Hausaufgaben. Sehr vorbildlich! Dabei hätte ich mich auch mal in der Kirche blicken lassen müssen, denn da unsere Kinder auf eine Kirchenschule gehen (und wir zum Zeitpunkt der Einschulung nur einen Platz bekamen, weil wir uns verpflichteten in den Gottesdienst zu gehen), sollte ich mich auch ab und zu sehen lassen – oder hatte ich das schon geschrieben? Es ist schwierig, sich nach mehr als 30 Blogeinträgen noch an alles zu erinnern, was man so im Laufe der Monate von sich gegeben hat. Aber vielleicht ist das wie mit der Popmusik und der Mode. Irgendwie wiederholt sich alles irgendwann, die Hauptsache ist nur, dass ihr es nicht merkt ;-))

Dabei musste ich unseren Pfarrer Andrew doch neulich um einen Gefallen bitten. Am 23. Oktober wird nämlich meine Patennichte getauft und der örtliche Pfarrer in Deutschand meinte, ich solle eine Bescheinigung mitbringen laut der ich Mitglied einer Kirche in England bin (der Amtsschimmel wiehert!). Nun gibt es aber eine derartige Mitgliedschaft in englischen Kirchen nicht. Man kann also hier nicht in die Church of England eintreten, dementsprechend kann ich auch keine diesbezügliche Bescheinigung anbringen. Nun ja, unser Pfarrer erklärte sich bereit mir etwas schriftlich zu geben und in der Hoffnung, dass der Kirchenmann in Deutschland nicht so gut Englisch spricht, werde ich schon damit durchkommen.

Bevor Finn und ich zu McDo gingen, mussten wir einen neuen Ausweis für den Jungen beantragen, denn wir reisen ja in drei Wochen nach Deutschland und sein alter ist abgelaufen. Wie zu erwarten, war die Schlange beim Postamt lang, aber nicht ganz so lang wie ich befürchtet hatte. Sie war jedenfalls länger als wir das Postamt verließen. Jetzt hoffe ich nur, dass mit dem neuen Ausweis alles klar geht, denn die Beamtin versuchte mir etwas zu verklickern, was ich aufgrund ihres starken Akzents absolut nicht verstehen konnte. Angeblich hatte meine Frau etwas falsch ausgefüllt, was ich mir allerdings nicht vorstellen kann, denn Sue ist eigentlich recht gut im Ausfüllen von solchen Formularen. Im Vertrauen darauf, dass meine Ehegattin keine Fehler gemacht hat, schickten wird das Formular ab. Wenn es Probleme geben sollte, dann könnte es knapp werden, und ich habe wirklich keine Lust auf ein Last-Minute-Drama mit enormen Gebühren. Man kann in Großbritannien auch innerhalb eines Tages einen neuen Ausweis bekommen, nur kostet das horrende Summen. Finn war sehr brav beim Postamt und schon deswegen hatte er sich einen Besuch bei McDonald’s verdient (hatte ich schon erwähnt, das ich eine tiefe Abneigung gegen den Laden habe?).

Am Montag muss Finn übrigens das erste Mal in den Matheclub nach der Schule gehen. Aus irgendeinem Grund müssen alle Schüler in der sechsten Klasse diesen Club besuchen. Ich vermute, es dient der Vorbereitung auf die weiterführende Schule. Finn ist gar nicht glücklich darüber. Zum einen bleibt niemand gerne nach dem Unterricht in der Schule, zum anderen macht er sich Sorgen, dass er mit den anderen nicht mithalten kann. Das ist wirklich ein kritisches Thema. Auf der einen Seite wollen wir, dass er so viel im Unterricht mitnimt wie möglich, andererseits wollen wir ihn auch nicht quälen. Was tun? Naja, mal sehen wie er die erste Stunde im Maths Club verkraftet. Danach können wir uns immer noch umentscheiden.

Apropos weiterführende Schule: Am Montag schauten wir uns noch eine Gesamtschule an. Das sah alles nicht schlecht aus, die Schüler machten einen guten Eindruck, es wurde leise Jazzmusik von einer kleinen Combo gespielt und die Räume schienen aufgeräumt und ordentlich. Ich erinnere mich aber sehr genau, dass die Schüler von dieser Lehranstalt früher in den Bus einstiegen, den ich zur Arbeit nahm. Von schlechtem Benehmen kann ich hier schon gar nicht mehr sprechen. Das war mit das Schlimmste was ich an Schülerverhalten je gesehen habe. Laut, aggressiv und völlig außer Kontrolle, so würde ich die Kinder beschreiben. Damit war dann auch klar, dass wir Finn und Josh sicher nicht auf diese Schule schicken werden.

Das war es mal wieder für diese Woche. Ich hoffe, dass es bei euch auch einen „Indian Summer“ gibt und verbleibe mit vielen Grüßen von der Themse,

Frank

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Tagebuch Frank H. Diebel

Frank H. Diebel
Alter: 44 Jahre
Wohnort: London
Beruf: Journalist
Familienstand: verheiratet
Geburtstag Kind: Finn: 23.10.00; Josh: 2.9.02
Letzter Eintrag: 19.12.2011

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