zur Druckansicht

Das ist schon cool, was ihr beiden da macht!

Warten auf die Fähre
Bild: Jörg Künstle, Markus Schmidt


„Darf ich fragen, was Sie hier machen?“
„Mein Sohn wollte die Schiffe sehen“, antworte ich wahrheitsgemäß.
„Papa hat einen Führerschein dafür“, sagt Paul.
Der Beamte schaut streng. Er lässt uns die Helme abnehmen, umkreist das Motorrad skeptisch und brummt: „Schranken ignorieren, soso! Es ist ihnen schon klar, dass dies hier Wasserschutzgebiet ist, oder?“
Ich blicke zu den Kühltürmen des Kernkraftwerks Hanau. Sie sind nur 200 Meter entfernt. Und ich blicke in die Augen des Beamten. Der dreht sich um, schaut auch auf die Kühltürme.
„Was ist ein Wasser-Schmutzgebiet?“ will Paul wissen.
„Gut“, sagt der Beamte ernst und hebt den Zeigefinger, „diesmal bleibt es bei einer mündlichen Verwarnung.“

Am Abend finden wir ein Zimmer am Rand des Vogelsbergs. Hinter den Hügeln verschwindet die Sonne, flutet den Horizont mit goldenem Licht. Paul spielt mit den Kindern des Gastwirts Verstecken, ich sitze mit zwei Gipsern aus Sachsen am Tisch. „Euer Motorrad erinnert mich an unsere Simson Schwalbe“, freut sich der dickere der beiden und schwelgt in Erinnerungen. „Damals, in der DDR, war das mit den Kindern auf den Mopeds ganz normal, es gab sogar Kindersitze als Originalzubehör. Man musste ja mobil sein.“
„Trotzdem“, fügt der andere hinzu, „das ist schon cool, was ihr beiden da macht.“

Cool? Ich erzähle von meinen Ängsten und davon, wie pedantisch ich die Reisevorbereitungen ausgeführt habe. Extrasitz, Navigation, Gegensprechanlage, Spielzeug für unterwegs, Reiseapotheke, Schutzkleidung. Letztlich vertrauen wir zwei kleinen Reifen, deren Aufstandsflächen so groß sind wie eine Briefmarke, meiner Umsicht und Erfahrung. Ein Wespenstich könnte das Ende der Reise bedeuten. Oder eine Magenverstimmung, Grippe, extremes Wetter. Ganz zu schweigen von einem Unfall.

„Wer nur hadert und deshalb nie etwas unternimmt, verharrt in seiner Angst und erlebt nichts“, sinniert der Dicke. „Meine beiden Söhne hängen ständig an ihrer Spielkonsole“, sagt sein Kollege. „Die hätten gar kein Interesse an solch einer Tour. Darüber hinaus hätte meine Frau das auch nie erlaubt.“ An der Wand der Gaststube, schräg gegenüber, hängt ein Schild: Leben ist eine Reise, kein Ziel.

Über den letzten Satz des Gipsers muss ich am Folgetag beim Fahren viel nachdenken. Zeigt er doch letztlich auf, wie viel Vertrauen mir Pauls Mutter entgegenbringt. Und meine Mutter.
„Papa, wo kommen die Flüsse her, wo fließen sie hin?“
„Sie fließen ins Meer und entstehen aus Regentropfen, die aus den Wolken fallen.“
„Und wie kommen die Tropfen in die Wolken?“
„Papa, wo kommen die Flüsse her, wo fließen sie hin?“
Ich sehe die Umgebung mit den Augen eines Vierjährigen

Henne oder Ei – die Zeit zwischen unseren Pausen, den Minuten, in denen unsere Räder stoisch dem Ziel entgegen rollen, der Auspuff sein sonores, mattes Bollern in die Weite entlässt, wird von kurzweilig Gesprächen zermahlen. Ich erlebe die Umgebung anders als sonst. Sehe sie mit den Augen eines Vierjährigen, der exakt das beobachtet und an mich weiterträgt, was ich schon lange übersehen habe. Warum bricht sich der Vogel nicht die Beine, wenn er vom Himmel auf den Acker stürzt? Warum ist die Zeit in der Uhr gefangen? Wie kommen die Fotos in die Kamera? Ist die Frau vielleicht so traurig, weil sie kein Kind hat?

Am Morgen unseres fünften und letzten Reisetages sitzt Paul im Bett und zweifelt.
„Papa, jeden Tag sagst du, wir sind bald da. Ich will jetzt endlich da sein.“
„Nur noch ein Mal tanken. Dann sind wir da“, sage ich.
Wir frühstücken, haben kaum einen Kilometer zurückgelegt, da meint er: „Halt mal, hier ist eine Tankstelle. Lass uns schnell tanken, dann sind wir bei Oma.“

Es ist Freitagmittag, als wir Kassel erreichen. Nieselregen hängt in den Häuserschluchten wie eine Decke, das Navi führt uns durch die Stadt. Seit gestern nachmittag haben wir uns gegenseitig ständig mit denselben Fragen genervt:
„Paul, ist dir kalt?“
„Papa, wann sind wir da?“
Zeichen dafür, dass diese Reise bald enden sollte. Unser Ziel ist knapp 50 Kilometer entfernt.

„Warum haben die hier Zugstrecken auf der Straße?“
„Das sind Gleise für die Bahn, damit die über die Straße fahren kann. Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht fallen, denn die sind bei Nässe glatt.“
„Genau. Und wenn wir hinfallen, sind wir tot und kommen in eine Erdhöhle. Das will ich aber nicht. Ich muss doch die Welt noch sehen.“
„Das wirst du auch. Ich passe schon auf. Aber weißt du, es gibt Menschen, die werden die Welt nie sehen und freuen sich trotzdem. Deine Oma zum Beispiel hat fast ihr ganzes Leben in dem kleinen Dorf verbracht.“
Paul lässt sich ein Weilchen Zeit für den Kommentar, meint dann: „Das ist gut, dann hat sie da bestimmt ganz viele Freunde.“

Es war das größte und schönste Abenteuer meines Lebens.
Vater und Sohn steuern zusammen
Bild: Jörg Künstle, Markus Schmidt
Auf den letzten Kilometern überflutet mich eine emotionale Woge aus Glück und Stolz. Fünf Tage, wie wir sie intensiver noch nie miteinander verbracht haben, liegen hinter uns. Weit über 650 Kilometer ebenfalls. Wir haben der Weite gelauscht, strömendem Regen getrotzt, uns gegen Windböen gestemmt, gemeinsam geschwitzt. Und soviel gelacht. Es war das größte und schönste Abenteuer meines Lebens. Und das, obwohl ich mit dem Motorrad Afrika, Asien und Australien im Alleingang durchquert habe. An einem Feld pflücken wir Blumen, die Paul seiner Oma unbedingt überreichen möchte.

Die ist überglücklich, uns gesund in ihre Arme zu schließen. Wie gern würde ich jetzt wissen, was für ein Gefühl es ist, seinen Sohn und dessen Sohn zu umarmen. Mit Tränen in den Augen fragt sie Paul, wie es ihm gefallen hat.
„Spitze. Nächstes Mal fahre ich selber. Aber vorher muss mir die Polizei noch ein Papier dafür schreiben.“

Wir genießen eine hausgemachte Rindfleischsuppe á la Muttern, die beste Suppe der Welt. Drei Generationen. Drei Leben, wie sie unterschiedlicher nicht sein und trotzdem enger nicht miteinander verknüpft sein können.
Zwei Tage später sitze ich im ICE Richtung Süden. Drei Stunden, sieben Minuten bis Stuttgart. Paul ist geblieben, wird noch eine Woche bei seiner Oma verbringen. Draußen, an den Scheiben, rauscht die Welt vorbei. Autoschlangen wie Glühwürmchen, Nebel wie Erinnerungsfetzen. Der Sonnenaufgang bestreicht die Straßen mit einer Silberlasur, mir gegenüber starren Schlipsträger stumm in ihre Computer. Nie habe ich einen Menschen stärker vermisst, als in diesem Moment.
TEIL 3

Kommentar zu diesem Thema schreiben:

Name, Ort:
Mein Kommentar:

Kommentare von Lesern:

 
Lilli, Wolfsburg:
23.03.2012 07:04
Unser Sohn ist grad mal zwei Monate alt und ich bin dem Motorradfahren ansich schon sehr skeptisch, aber unter solchen Umständen wie der Vater sie hier getroffen hat, würde ich mir eine solche Reise (200km) für meine beiden Männer überlegen. Wirklich sehr rührend.
  unmöglicher Beitrag? Bitte melden!
Kathi, Berlin:
22.03.2012 22:55
Da geht einem ja echt das Herz auf ....
Weiter so ...
p n schildt:
22.03.2012 08:54
das Abenteuer deines Lebens, obwohl du die Kontinente durchquert hast... wie wahr, wie wahr.
das ist eine richtig richtig gute Geschichte, die Freude macht zu lesen und mich mitfühlen lässt ! ich danke von herzen für den Mut es zu tun und darüber zu schreiben !
ich werde an euch denken, wenn ich mit meinem kurzen losfahren werde !
kurz
ich danke
für menschen wie sie !
patrick nilssen schildt
Jasmin, Solingen:
21.03.2012 20:25
Danke, dass Du deine Erlebnisse mit uns teilst. Schön, dass Du dich für das Vertrauen deiner Ex-Frau bedankst. Ohne ihre Erlaubnis, hättet ihr zwei nie solche schönen Momente erleben können.
Toni Bammer, Lenggries:
21.03.2012 19:36
Superschöner Bericht! Danke dafür! Ich wünsch euch allzeit gute Fahrt!
Nicole - Mühlenbeck:
21.03.2012 13:37
Hoffe ihr habt seitdem noch mehr Touren unternommen!
Danke fürs niederschreiben!!;-)
GilmoreGirl:
05.02.2012 18:53
...und wir albernen Frauen denken immer, keiner könnte sein Kind so sehr lieben wie eine Mama. Nach dem Lesen deines Textes bin ich da nicht mehr ganz so sicher.
Marc:
24.10.2010 19:04
Toller Reisebericht. Hat mir wirklich gefallen.
Ich hoffe selbst mal so ein Erlebnis mit meinem Sohn zu haben und wünsche noch eine gute Zeit!!
Florian,:
23.07.2010 18:43
Ich habe immer noch Gäsnehaut...und beneide Euch beide sehr um das Erlebnis.

Ich lebe in gleicher Trennung, habe aber leider nicht die Möglichkeiten, eine vergleichbare Erfahrung mit meinem Sohn (6) zu machen. Schade.

Alex:
23.07.2010 16:57
super Bericht!
Dennis Lepahn:
13.07.2010 22:07
Hallo,
hast du einen kindersitz oder wie funktioniert das mit dem Festhalten deines sohnes ?

Gruß dennis

Regionale Infos für Väter

Bitte wählen:





TEIL 3

Der Autor

Rolf Henniges, 44, arbeitet für die Fachzeitschrift MOTORRAD. So ist es kaum verwunderlich, dass sein Sohn Paul, schon früh mit dem Thema Zweirad Kontakt bekam. Zu diversen Vorbereitungen für die hier von ihm beschriebene Tour zählten auch Tagestouren, die Vater und Sohn vor Reisebeginn unternahmen, um zu prüfen, ob sie sich gemeinsam auf den weiten Weg machen können.

Das Fahrzeug

Die Honda ANF 125 Innova zählt zur Familie der Honda Cub (steht für Cheap Urban Bike) und wird derzeit in 160 Ländern der Erde verkauft. Mit über 60 Millionen Exemplaren seit 1958 ist sie weit vor dem VW Käfer das meistverkaufte Motorfahrzeug der Welt. Und zudem eins der günstigsten: Neupreis 1850 Euro, Verbrauch nur 1,7 Liter Normalbenzin auf 100 Kilometer.

Andere Erfahrungsberichte von Vätern


Wenn der Mobilitätszwang Familienleben nur am Wochenende ermöglicht - Fernbeziehung mit Kind

Ich bin Deine Welt - Erfahrungen aus zwei Jahren Teilzeitvater
zur Druckansicht