23.05.2011 17. Woche
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Time flies when you're having fun!

Kindergeburtstag im Bowling-Center; zu Bett gehen in Rekordzeit; Grillfest bei uns; Videospielen bei Ethan; Finns Autismus verunsichert Eltern
Uff, endlich Sonntag. Man sollte meinen sonntags könnten wir die Füße hochlegen, aber es haut nie hin. Gestern war großer Kindergeburtstagsparty in einem Bowling-Center. Am Morgen besuchten wir meinen Freund Breanainn und seinen Sohn Patrick, der in Finns Klasse geht. Eigentlich sollten wir um 10 Uhr dort sein, aber wir kamen einfach nicht in die Gänge. Außerdem brauchten wir alle ein Bad und das kann bei Finn und Josh seine Zeit dauern. Um 11 Uhr trafen wir schließlich bei Breanainn ein, der das aber ziemlich gelassen hinnahm, denn er ist Grundschullehrer und kennt die Fisimatenten mit dem Nachwuchs.

Breanainn stammt aus Belfast, und ich frage ihm meistens Löcher in den Bauch, weil mich die politische Situation in Nord-Irland interessiert. Aber auch die menschliche Seite ist spannend, denn immerhin ist Nord-Irland ein zweigeteiltes Land. Breanainn besuchte zum Beispiel eine irische Grundschule und manche Eltern seiner Klassenkameraden waren mit Sicherheit in der IRA aktiv.

Umgekehrt fragen mir die Briten auch oft Löcher in den Bauch über meine Kindheit in Deutschland, meine Großeltern, den Krieg und die DDR. Da ich öfter für die Jüdische Allgemeine in Berlin schreibe, hatte ich auch schon ein spannendes Gespräch mit einer israelischen Nachbarin, die früher dort in der Armee diente. So etwas geht natürlich nie ohne Fettnäpfchen ab, aber es macht mir großen Spaß.

Nach einer Session an den Videospielgeräten gingen die Jungs in einen nahegelegenen Park und spielten Fußball. Anschließend kochte Breanainn Rühreier und dann machten wir uns auf den Weg zu Rowan’s Bowling-Center in Finsbury Park. Das Wetter war herrlich. Sonnenschein, blauer Himmel und eine Brise wie sie in London eigentlich immer geht. Wir irrten zunächst eine Weile umher. London ist ein riesiges Labyrinth von Straßen und Sträßchen in den man sich nur allzu leicht verirrt. Vor allem ist die britische Metropole voller viktorianischer Häuserreihen, die für einen Kontinentaleuropäer alle gleich aussehen.

In meinen ersten Monaten in London hatte ich Probleme den Weg zum Supermarkt und zurück zu finden. Es kam nicht selten vor, dass ich mich auf dem Weg zur Arbeit total verfuhr. Aber auf diese Weise lernte ich wenigstens die Stadt kennen. Londoner Black Cab Fahrer müssen zwei Jahre lang das Straßennetz studieren, bevor sie zum berühmten Test „The Knowledge“ zugelassen werden. Erst wenn sie den bestanden haben, bekommen sie eine Lizenz für die schwarzen Taxis.

Nach einigen Wendemanövern kamen wir schließlich an. Breanainn und die Jungs gingen bowlen, während ich das Auto parkte. Außerdem mir waren noch einige andere Väter dort. Barney und Winston, um genau zu sein, die gleich beschlossen in den Pub um die Ecke zu gehen, und die Kids mit ihren Bowlingkugeln alleine zu lassen. Ich wäre gerne mitgegangen, aber Finn wollte zunächst nicht kegeln und ich wusste, dass wenn ich ihn allein ließe, er sich vermutlich in eine Ecke verkriechen würde und von der Party nichts mitbekäme. Also beschloss ich dort zu bleiben und nach ein bisschen gut zureden beschloss er mitzukegeln. Was soll ich sagen? Er hatte großen Spaß und kehrte jedes Mal voller Stolz von der Bahn zurück, wenn er einige Kegel erwischt hatte.

Ich glaube dies war die längste Geburtstagsparty auf der ich je gewesen bin. Wir kamen um 16.30 Uhr an und waren um 20 Uhr immer noch dort. Nach dem Kegeln gab es nämlich Hamburger mit Pommes zu essen und dann durften sich die Kids noch eine Weile in der Spielearkade des Bowling-Centers austoben. Dort war Finn natürlich in seinem Element, denn er liebt nichts mehr als Videospiele. Gegen 19.30 Uhr kamen die anderen Dads aus der Kneipe zurück. Wir beschlossen, alle gemeinsam zu gehen, denn auf diese Weise war es leichter die Kids aus dem Bowling-Center herauszukriegen.

Das klappte auch alles prima und eine halbe Stunde später waren wir endlich Zuhause. Um 21 Uhr bemerkte ich voller Schrecken, dass „Wallander“ auf BBC4 lief also mussten die Jungs sich binnen zehn Minuten umziehen, waschen und die Zähne putzen. Es dauert sonst länger, die Kleinen ins Bett zu kriegen. Wie lange dauert eigentlich bei Euch die „bed time routine“ wie die Briten das nennen? Wir schaffen es selten unter einer Stunde (inklusive Lesen).

Ich war heilfroh als ich mich dann endlich mit einer Zigarette vor den Fernseher pflanzen konnte bis ich bemerkte, dass wir die Folge von „Wallander“ schon gesehen hatten. So ein blöder Mist!

Der Sonntag war nicht weniger hektisch. Sue hatte für 13 Uhr diverse Freunde zum Grillen eingeladen: Jess und ihre Kinder Milo, Gusta und Lorcan und Olli und Claire und ihren Sohn Sam. Das Wetter sah leider nicht vielversprechend aus. 18 Grad, es blies eine steife Brise und es war zeitweise bedeckt. Kein ideales Wetter zum Grillen, aber die Engländer sind abgehärtet, denn im Sommer ist es auf den britischen Inseln oft unbeständig und wenn man nicht einen Großteil des Sommers in seinen vier Wänden verbringen will, dann muss man sich damit arrangieren. Man muss dann eben eine Jacke anziehen. Zum Glück regnete es aber nicht.

Sue ging morgens zu Tesco und kaufte ein, während ich aufräumte, saugte und versuchte das Haus einigermaßen vorzeigbar zu machen. Finn und Josh halfen überhaupt nicht. Hm, ich glaube wir müssen hier unsere Strategie ändern und die Jungs stärker zum Aufräumen anregen. Wie haltet Ihr das? Räumen Eure Kinder ihre Zimmer selbst auf? Ich muss gestehen, dass ich es oft mache, wenn die Jungs in der Schule sind, weil es schneller geht. Das ist natürlich nicht gut, denn sie sind inzwischen alt genug, ihren Krempel selbst wegzuräumen. Ich glaube, ich führe diese Regel lieber ein, bevor es zu spät ist.

Jetzt muss ich gerade nachdenken, was wir letzte Woche noch gemacht haben. Sue arbeitete von Montag bis Donnerstag, so dass ich wieder viel Zeit mit den Buben verbrachte. Wir gingen auch jeden Tag am nachmittags von der Schule zu Fuß nach Hause und die Jungs spielten auch meistens noch ein Stündchen im Park. Zum Glück hatte ich nicht so viel Arbeit, so dass ich mich ein bisschen mit den Rabauken beschäftigen konnte.

Montag war die übliche Routine. Wir kamen gegen 17 Uhr nach Hause, ich kochte und die Jungs schauten Fernsehen. Dann baden, lesen und Licht aus. Finn und Josh waren sehr aufgeregt, denn am Dienstag stand ein Besuch bei ihrem Freund Ethan ins Haus. Das war auch gut für mich, den ich wollte in mein neues Büro in Soho gehen. Das ist nicht immer möglich, denn wenn ich die Kids um 9 Uhr in der Schule ablade und um 15.30 Uhr wieder abholen muss, dann lohnt es sich oft einfach nicht in die Stadt zu fahren.

An diesem Dienstag lohnte es sich aber und ich konnte ordentlich was wegschaffen. Die Jungs hatten großen Spaß bei Ethan und seine Eltern hatten angekündigt, dass ich die Racker nicht vor 20.30 Uhr abholen musste. So etwas lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Ich hatte glaube ich schon erwähnt, dass Ethans Eltern es mit den Altersbeschränkungen bei Videospielen und Filmen nicht so genau nehmen, was natürlich mit ein Grund ist, warum Finn und Josh dort so gerne hingehen.

Mir macht das nichts aus, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Kinder auf die schiefe Bahn geraten, weil sie einmal im Monat zwei Stunden lang ein Ballerspiel spielen. Außerdem laden Ethans Eltern Finn und Josh immer zusammen ein, was sehr gut und nicht bei allen Eltern der Fall ist. Manche Eltern sind unsicher wegen Finns Autismus und haben Angst, dass er ihnen nicht gehorcht. Obwohl Finn eigentlich gut hört. Man muss nur manche Dinge öfter sagen als bei anderen Kindern, weil bei ihm die Mühlen etwas langsamer mahlen. Trotzdem jagt das manchen Eltern Angst ein. Um 21 Uhr kamen wir schließlich Zuhause an. Dann hieß es sofort Schlafanzug an, Zähne putzen und ab ins Bett.

Inzwischen ist es Sonntagabend, 23 Uhr und ich muss ins Bett gehen, auch wenn ich gerne noch weiter schreiben würde. Und wieder ist eine Woche wie im Flug vergangen. Naja, es ist halt so wie die Briten sagen: „Time flies when you’re having fun!“

Tschüß liebe Leser und bis nächste Woche.

Frank

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Kommentare von Lesern:

 
Frank, London:
31.05.2011 18:56
Vielen Dank, es freut mich, wenn euch das Tagebuch gefällt.

Ach ja, das leidige Aufräumthema. Meistens räumen wir auch selbst auf, weil es schneller geht...:-)
Klingone, Northeim:
29.05.2011 11:30
Immer wieder schön, von Dir zu lesen, Frank! Die Kindergeburtstage sind auch bei uns ein schwieriges Terrain, seit Sohnemann aus dem Schatzsuche-Alter heraus ist. Bowling waren wir schon, im Wellenbad, in der Soccer-Halle - und dann fällt uns kaum noch was ein. Schließlich will er Action und nicht Kuchen essen. Falls jemand eine Idee hat, bitte ich um Rückmeldung.
Vollzeitvater:
27.05.2011 19:10
Meine Mutter hat damals einfach einen großen, blauen Müllsack genommen und alles, was auf dem Boden lag entsorgt. Danach habe ich zumindest immer grob Ordnung gehalten.
Gerd, Norddeutschland:
24.05.2011 20:24
Hallo,
für`s Zubettgehen brauchen wir bei unserer Großen auch etwa eine Stunde, in der sie sich aber auch teilweise alleine beschäftigt.
Und Aufräumen? Ich glaube, das ist überall gleich. Eigentlich sollten es die Kleinen selbst machen und ganz selten tun sie es auch mal. Aber meistens macht man es selber, weil es schneller geht und besser wird.

Tagebuch Frank H. Diebel

Frank H. Diebel
Alter: 44 Jahre
Wohnort: London
Beruf: Journalist
Familienstand: verheiratet
Geburtstag Kind: Finn: 23.10.00; Josh: 2.9.02
Letzter Eintrag: 19.12.2011

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