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Seitenhieb vom 11. Oktober 2018

Friedhof der Schmusetiere

Schmusetiere sind schön, helfen beim Einschlafen und sind die beste Beruhigungstablette. Wenn sie denn aufzufinden sind!
Tobias Bücklein - Friedhof der Schmusetiere
Illustration: Michael Luz
Wenn ich einem frischgebackenen Vater einen guten Rat geben möchte, dann diesen: Verhindern Sie unbedingt, dass Ihr Kind irgendetwas zum Einschlafen benötigt, was nicht entweder angewachsen oder in jedem Drogeriemarkt der Welt zu kaufen ist. Natürlich sollen Kinder individuelle Vorlieben entwickeln. Natürlich ist es wichtig, dass sie bereits in frühestem Alter ihren eigenen Geschmack ausbilden. Aber am Bettgitter hört der Spaß auf! Spätestens dann, wenn das ganz persönliche Lieblingstier oder die heiß geliebte Schmusedecke verloren sind. Ich spreche aus Erfahrung.

Es begann damit, dass meine Mutter von einer Pilgerfahrt durch die Wüste Gobi ein etwa 60 x 60 cm großes, einfaches, weißes Baumwolltuch mitbrachte. Sie hatte es einem freundlichen Beduinen zwischen zwei Oasen abgekauft. Es war sehr hübsch und sehr weich, mit kleinen Troddeln an den Rändern.

Elise war damals ein halbes Jahr alt und liebte dieses Stück Stoff sofort. Wir freuten uns, denn kaum drückten wir ihr dieses Wundertuch in die Hand, schon schlief sie selig ein. Egal wo. Im eigenen oder fremden Bett, in Hamburg und Berlin, in der Kneipe und im Konzert, im Liegen und im Stehen. Das „Schmusetuch“ garantierte uns beschwerdefreie Reisen, unterhaltsame Theaterabende und vieles mehr.

Kurz nach ihrem zweiten Geburtstag jedoch hatte Elise den Baumwollstoff Faser um Faser „abgekuschelt“. Erst gab es einen kleinen Riss, dann einen großen, etwas später ein Loch. Einige Monate schlief Elise noch mit einem immer kleiner werdenden Baumwoll-Fragment bis schließlich auch dieses eines Tages in einer Parkettritze auf Nimmerwiedersehen verschwand.

Wir versuchten es mit einem anderen weißen Tuch. Wir präparierten verschiedene Baumwollstoffe mit Troddeln, wuschen sie mehrmals, nähten sie um, so dass sie in Größe und Form dem Original zum Verwechseln ähnlich waren. Elise fand das nicht.

Wir ließen mehrere Muster aus dem Nahen Osten importieren. Keine Chance. Das einzige echte Schmusetuch war hinüber und ebenso unsere Nachtruhe. Der Familienfrieden, meine Ehe stand auf dem Spiel. „Deine Mutter…!“, pflegte meine Frau zu sagen. „Sie hat uns die Suppe eingebrockt, soll sie sie auch wieder auslöffeln.“

Meine Mutter benötigte mehrere Wochen, um den Beduinen wieder zu finden. Seither schicken wir sie einmal im Jahr in die Wüste und schlafen wieder vorzüglich.

Als unser Sohn Oskar zur Taufe ein wunderbar weiches Stoff-Eselchen geschenkt bekam, bestellte meine Frau umgehend bei der Herstellerfirma in Taiwan einen Karton identischer Tiere. Diese liegen nun neben unserer Lebensversicherungs-Police im Tresor. Taiwan ist schließlich weit. Und die Post hierher braucht länger als man wach bleiben kann …
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Tobias Bücklein

Tobias Bücklein lebt als Musiker, Entertainer und Moderator mit seiner Familie in Konstanz. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift "Paps". Sein aktuelles Kabarettprogramm heißt "Testosteron - Der Stoff aus dem die Männer sind". Für private Auftraggeber entwickelt er mit seiner "Show-Manufaktur" individuelle Unterhaltungskonzepte.
Eigene Homepage www.testo-tobi.de

Die Seitenhiebe sind auch als Buch erschienen:
Die Seitenhiebe von Tobias Bücklein
Preis: 5,80 Euro (zzgl. Versand)