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Experten-Tipp des Tages
07. Dezember 2017

Trau Dich!

Wer kann sich nicht an den ersten schlimmen Sturz seines Sprösslings erinnern? Wir erwarteten kreidebleich und selbstschuld-überschüttend die Ohnmacht. Doch was geschieht? Nichts!
Stolz robbt der Nachwuchs über den gefliesten Boden, erwischt ein Bein, krallt sich in den Stoff der Hose, mit aller Anstrengung zieht sich der kleine Wurm hoch, wir beobachten die Szenerie gespannt und staunend, wollen unterstützend eingreifen, drehen uns im falschen Moment und er oder sie kracht mit einer Pirouette auf die Erde. Um die Dramaturgie vollends zu verfeinern geschieht dies mit einer 180-Grad-Drehung und nach einem kurzen heftigen Aufschrei erwarten wir kreidebleich und selbstschuldüberschüttend den raschen Verfall in die Ohnmacht.

Doch was geschieht? Nach 180 Dezibel aus dem einem 70x20x15 Zentimeter kleinen Resonanzkasten passiert - nichts! Keine Ohnmacht, keine bleibenden Schäden, noch nicht mal eine Beule (passiert dieses allerdings täglich kann man den platten Hinterkopf nicht mehr der Tatsache des Rückenschlafens in die Schuhe schieben). Das allein schlimmste an diesem Erlebnis ist: Wir sind Schuld. Das hat der Wurm spätestens nach einer Minute wieder vergessen, aber uns nagen die Selbstzweifel. Wie konnte so etwas passieren?

Es muss so etwas passieren! Das eben Geschilderte heißt nicht, dass wir unsere Kinder absichtlich einer Gefahr aussetzen, aber probieren geht über studieren. „Learning by Doing“ heißt das auf Neudeutsch. Und da bleiben ein paar Schrammen nicht aus. Am Anfang rennt man panisch zum Kinderarzt und hofft, dass man das scheinbar zerbrechlichste Wesen dieser Welt nicht beschädigt hat. Aber mehr und mehr staunt man über die Robustheit der Marke Eigenbau. Wir Männer setzen doch keine qualitativ mangelhaften Nachkommen in die Welt!

Mit der Zeit werden wir mutiger und starten die ersten aktiven Experimente. Wie weit können wir gehen? Das Kind - und ich? Kinder sind Entdecker und zeigen uns Erwachsenen, hart gesottenen Ahnungslosen den Weg. Wir lassen sie gewähren. Dabei achten wir darauf, dass sie sich so die Schnauze polieren, dass sie nicht die Lust am Probierten verlieren und es nochmals versuchen. Stets haben wir ein waches Auge und beobachten jeden Schritt. Dabei müssen wir Bewegungen antizipieren und anhand der Erfahrungsmuster Ereignisse vorweg nehmen. Wir wägen Gefahr und Schmerz ab und greifen regulierend ein. So lernt nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern.


Das neueste Buch von Frank Busemann, "neun Monate", beschreibt amüsant und informativ, wie er die Schwangerschaft von Frau Katrin erlebt. Verlag hellblau, ISBN: 978-3-937787-21-3 16,90 Euro.
Frank Busemann
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Zur Person

Frank Busemann
Experten - Tipp des Tages

Alter: 34
Wohnort: Dortmund
eigene Kinder: 1 Sohn
Mehr über mich:
Olympiazweiter im Zehnkampf 1996 und Sportler des Jahres - inzwischen Autor mehrerer Bücher und bekenndener Vater.

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