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Seitenhieb vom 18. Januar 2019

Der Marathonpaps

Moderne Väter brauchen Zeit für ihre Familie. Und wollen daher gern auf ein wenig Arbeit verzichten. Das wäre schön – wenn die Familie mitspielen würde!
Tobias Bücklein - Der Marathonpaps
Illustration: Michael Luz
Gehören Sie zu diesen gefühlsverwirrten Menschen, die jedes Mal an Sylvester pünktlich um 23.59 Uhr von der Hoffnung befallen werden, „im nächsten Jahr wird alles besser“? Die Aktienkurse werden steigen, die Deutsche Bahn kommt pünktlich und die Moderatoren der „Tagesthemen“ werden sich nur noch in jedem dritten Satz versprechen?

Oder sind Sie gar einer dieser willensschwachen Selbstbetrüger, die sich regelmäßig zum Jahreswechsel etwas „vornehmen“? Um nach kurzer Zeit von ihren eigenen Versprechungen etwa soviel halten zu können, wie ein durchschnittlicher Politiker nach der Wahl?

Ja, ich gebe zu: Auch ich durchstöbere regelmäßig in den ersten Tagen des Jahres die Kleinanzeigen nach Yoga-Lehrern, zähle Kalorien und lasse mich hier und da zu einer Spende für die Rettung des Regenwaldes hinreißen. Und nach ein paar Wochen ist dann der Elan verpufft, die Ringe am Bauch sind immer noch da und der Regenwald wird weiter gerodet.

Aber dieses Mal wird alles anders. Ehrlich. Ich habe mir nämlich vorgenommen, nächstes Jahr ein besserer Papi zu werden: Ich werde nicht mehr so viel arbeiten! Nachmittags und am Wochenende will ich was mit meinen Kindern unternehmen. Und abends lese ich, statt Bilanzen zu wälzen, endlich einmal all die Erziehungsratgeber, die mir meine Lieblingsehefrau schon vor Monaten auf den Nachttisch gelegt hat.

„Aber deine Karriere?“, wirft mein Freund ein, als ich mein Vorhaben bei einem familiären Abendessen öffentlich mache. „Findest du nicht, dass dich die Firma jetzt ganz besonders dringend braucht?“ Und mein Eheweib ergänzt kopfnickend: „Schließlich haben wir doch gerade den Kredit für das Haus aufgenommen!“

„Nein“, sage ich standhaft. „Gerade jetzt ist für Oskar doch ein männliches Vorbild wichtig, an dem er sich orientieren kann. Und bei Elise beginnt bald die Pubertät. Da kann sie einen Vater gebrauchen, der sie und ihre Bedürfnisse Ernst nimmt.“

„Du solltest nicht alles glauben, was in Erziehungsratgebern steht“, meint mein Eheweib schnippisch. Und meine Tochter fügt hinzu: „Außerdem bin ich nachmittags sowieso meistens bei meinen Freundinnen.“

„Aber Oskar…“, bringe ich die Rede auf meinen Jüngsten. „…kommt nächste Woche in den Kindergarten und wird ganztags betreut.“, ergänzt meine Frau. „Das kostet schlappe 120 Euro im Monat.“ - „Na, die verdienst du doch in zwei Stunden“, grinst mein Freund kauend.

Ich habe es mir überlegt. Für nächstes Jahr bleibe ich dann doch noch mal bei meiner 120-Prozent-Wochenarbeitszeit. Dafür habe ich mich für den Berlin-Marathon angemeldet. Könnte sein, dass es der erste gute Vorsatz seit Jahren ist, den ich erfüllen werde.
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Tobias Bücklein

Tobias Bücklein lebt als Musiker, Entertainer und Moderator mit seiner Familie in Konstanz. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift "Paps". Sein aktuelles Kabarettprogramm heißt "Testosteron - Der Stoff aus dem die Männer sind". Für private Auftraggeber entwickelt er mit seiner "Show-Manufaktur" individuelle Unterhaltungskonzepte.
Eigene Homepage www.testo-tobi.de

Die Seitenhiebe sind auch als Buch erschienen:
Die Seitenhiebe von Tobias Bücklein
Preis: 5,80 Euro (zzgl. Versand)