Seitenhieb vom 19. August 2017

Ichrufnochmalan!

Kommunikationsfähigkeit gehört zu den weiblichen Kernkompetenzen. Ausgebildet wird sie spätestens ab dem siebten Lebensjahr, vorzugsweise am Telefonhörer.
Tobias Bücklein - Ichrufnochmalan!
Illustration: Michael Luz
Irgendein kluger Mensch hat einmal ausgerechnet, dass die Kosten für die Aufzucht eines einzigen Kindes bereits dem Gegenwert eines Einfamilienhaus entsprechen. In dieser Summe können jedoch die Telefonrechnungen, die ein weiblicher Nachkömmling etwa ab seinem siebten Lebensjahr verursacht, nicht mit inbegriffen sein Gemeinhin wird weiblichen Erdenbürgern ja eine gewisse Affinität zum Telefon nachgesagt. Dabei ist jedoch nur der Drang zum Telefon in der weiblichen Genetik angelegt, nicht aber die Eloquenz. Diese wird erst in stetigem Üben - und unter Verursachen hoher Telefonrechnungen - Schritt um Schritt erworben.

Bei uns beispielsweise spielt sich jeden Mittag dieselbe Szene ab: Kaum ist meine achtjährige Lieblingstochter Elise aus der Schule nach Hause gekommen und hat sich an den gedeckten Tisch gesetzt, klingelt mein Telefon. Ich gehe ran, und am anderen Ende der Leitung meldet sich wahlweise eine Nina, Jana, Jala, Janina oder aber Diana. In ganz seltenen Ausnahmefällen auch mal ein Jan.

„Kannichelisesprechen?“ nuschelt nun also diese Kinderstimme in den Hörer. Elise hat meinem begeisterten Gesichtsausdruck bereits entnommen, dass das Gespräch für sie ist. Sie legt den Löffel beiseite und reißt mir den Hörer aus der Hand.

„Hallojanina“ ruft sie ins Telefon – und schweigt.

„Hastduheutmittagzeit?“, höre ich einige Sekunden später die Stimme auf der anderen Seite sagen. Nun schweigen beide. Nein, Janina wohnt nicht im Hinteren Orient und auch nicht in Amerika. Es handelt sich nicht um Verzögerungszeiten in der Telefonleitung, sondern die beiden Mädchen befinden sich in einem Training, das ihnen später einmal ein ausdauerndes und wortreiches Telefonieren ermöglichen soll. Später einmal.

„Mama, hab ich heute Nachmittag Zeit?“ fragt meine Lieblingstochter nach einer längeren Pause – „Deine Klavierstunde geht bis um drei Uhr“, erwidert meine Lieblingsgattin geduldig, „danach hast du Zeit.“ –

„Abdrei“, sagt meine Tochter in den Hörer.

„Sollichkommen-oderkommstdu?“ Einige Minuten später – vermutlich muss die Klassenkameradin den Einwortsatz erst decodieren – erwidert diese: „IchfragmalmeineMama.“

m Normalfall ist diese Mama gerade in den Keller, zum Blumengießen oder Einkaufen gegangen. Meistens jedenfalls endet das Gespräch an dieser Stelle ergebnislos. Nach einer längeren Sprechpause sagt eine der beiden „Ichrufnochmalan!“ und legt auf.

Diese Drohung wird meist wahr gemacht und der Hintere Orient klingelt kurze Zeit später wieder, so dass nach dem Abtragen der kalt gewordenen Hauptspeise auch der Nachtisch von der Organisation nachmittäglicher Aktivitäten bestimmt wird. Nach einem Hin und Her mehrerer Telefonate wird das Treffen dann aus aktuellem Anlass – ein Onkel von Janina ist unerwartet zu Besuch gekommen – auf den nächsten Donnerstag verschoben.

Gegen die Ausbildung weiblicher Kernkompetenzen ist im Grunde nichts einzuwenden. Nur das mit dem Einfamilienhaus schmerzt ein wenig. Schließlich werden Telefongespräche nach Zeit und nicht nach der Zahl der Worte berechnet.
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Tobias Bücklein

Tobias Bücklein lebt als Musiker, Entertainer und Moderator mit seiner Familie in Konstanz. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift "Paps". Sein aktuelles Kabarettprogramm heißt "Testosteron - Der Stoff aus dem die Männer sind". Für private Auftraggeber entwickelt er mit seiner "Show-Manufaktur" individuelle Unterhaltungskonzepte.
Eigene Homepage www.testo-tobi.de

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Die Seitenhiebe von Tobias Bücklein
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