Seitenhieb vom 14. November 2017

Wenn die Wand siegt

Was hat die Erziehung von Jungen mit einer Schlagbohrmaschine zu tun?
Tobias Bücklein - Wenn die Wand siegt
Illustration: Michael Luz
Als ich kürzlich im Kinderzimmer meines Sohnes versuchte, einen 14er Dübel an der dafür vorgesehenen Stelle in der Wand zu versenken, stand ich wieder einmal vor der berühmten Heimwerker-Frage: „Wer entscheidet, wo das Loch hinkommt? Ich oder die Wand?“

So ähnlich geht es mir manchmal auch mit Oskar. Je stärker der Kraftaufwand und je größer die eingesetzten Mittel, desto sicherer scheint hinterher alles daneben zu gehen.

Früher war Elise unser einziges Kind und die Welt übersichtlich: Es gab „Mädchen-Eltern“ (= Freunde) und „Jungen-Eltern“ (= frühere Freunde). Die ersteren ließen ihre Töchter zu selbstbewussten Erdenbürgerinnen heranwachsen. Die zweite Sorte dagegen hatte ihre kleinen testosteronverseuchten Bestien nicht im Griff!

Erziehung war ein Kinderspiel: Schon mit eineinhalb Jahren konnte Elise ihre Kinderliederkassette „Wer sagt dass Mädchen dümmer sind, der spinnt!“ auswendig. Und kaum hatte sie ein Vierteljahr lang im Selbstbehauptungskurs für Mädchen „Wir sind stark und mutig!“ gebrüllt, konnten wir sicher sein, dass sich aus ihr eine moderne, durchsetzungsstarke und gesellschaftsfähige weibliche Erdenbürgerin entwickeln würde.

Aber erziehen Sie mal einen Jungen! Wissen Sie überhaupt was „Grandiosität“ ist? Als Oskar mit zehn Monaten unbemerkt die oberste Sprosse einer herumstehenden Leiter erklommen hatte, wusste ich es. Oder wenn er jetzt schnurstracks auf den Kühlschrank zusteuert: „Papa, was für ein Eis darf ich?“ – (Er hat bereits die Türe geöffnet und besteigt einen Stuhl) - „Oskar, vor dem Abendessen darfst du gar keins mehr.“ – (Er öffnet ungerührt das Eisfach) - „Ich frage: WAS FÜR eins?!!“

Es ist diese Atem beraubende Zielstrebigkeit meines Dreijährigen, die mich immer wieder fassungslos macht. Woher hat er nur diese Wand-Qualitäten? Und woher kommt seine zunehmende Tendenz, Diskussionen durch das Applizieren von Sandeimern auf den Kopf seiner Mitbewerber zu beenden? Von mir kann er das nicht haben. Ich gebe mir wirklich Mühe:

Oskar nennt eine politisch völlig korrekte Auswahl von Puppen und Püppinnen sämtlicher Hautfarben sein eigen. Er kocht abends auf seinem Spielherd begeistert „Nudelsuppe“. Und er sortiert völlig freiwillig herumliegenden Müll in die dafür vorgesehenen Abfallbehälter! Dennoch lassen sich gelegentlich gewisse Reste genetischen Materials seiner urmenschlichen Vorfahren nicht verleugnen.

Apropos Neandertaler: Als neulich wieder einmal die Wand siegte, mir der 14er-Bohrer zum dritten Mal abrutschte und einen weiteren hässlichen Krater in der Zimmerwand hinterließ, warf ich den Bohrhammer voller Wut auf den Boden und zertrümmerte das zur Aufhängung vorgesehene Regal mit Händen und Füßen.
Gott sei Dank war Oskar im Kindergarten. Ich meine: Wegen des Rollenvorbildes…
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Tobias Bücklein

Tobias Bücklein lebt als Musiker, Entertainer und Moderator mit seiner Familie in Konstanz. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift "Paps". Sein aktuelles Kabarettprogramm heißt "Testosteron - Der Stoff aus dem die Männer sind". Für private Auftraggeber entwickelt er mit seiner "Show-Manufaktur" individuelle Unterhaltungskonzepte.
Eigene Homepage www.testo-tobi.de

Die Seitenhiebe sind auch als Buch erschienen:
Die Seitenhiebe von Tobias Bücklein
Preis: 5,80 Euro (zzgl. Versand)