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"Männer machen das Gleiche, aber anders”


Männer in Kitas -“Männer machen das Gleiche, aber anders”Bild: © micromonkey-fotolia.com

Nur fünf Prozent der Fachkräfte in deutschen Kitas sind Männer. "Mehr davon" rufen Fachleute - und vor allem die Kinder. Was aber machen Männer anders? Wie unterscheiden sich Erzieherinnen und Erzieher in ihrem Umgang mit Kindern? Das erforschte fünf Jahre lang der Psychologie-Professor Holger Brandes im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Interviewt hat ihn Thomas Gesterkamp.

Kinder brauchen Männer - in jedem Alter!


Gesterkamp: Herr Brandes, brauchen Kinder "Mehr Männer in Kitas”?

Holger Brandes: Ja - einfach schon deshalb, weil es nur wenige Männer in Kitas gibt. Die Auffassung, nach der frühe Kindererziehung Frauensache sei und Männer bestenfalls für ältere Kinder gebraucht werden, entspricht weder dem heutigen Geschlechterverhältnis noch dem aktuellen Erkenntnisstand über kindliche Entwicklung. Kindgemäße Erziehung setzt insbesondere Feinfühligkeit, Fürsorglichkeit und Dialogfähigkeit sowie Sensibilität für individuelle Entwicklungsbesonderheiten von Kindern voraus. Dies sind geschlechtsunabhängige Qualitäten, die nicht biologisch begründet sind, sondern im Lebenslauf und in professioneller Ausbildung erlernt werden.

Gesterkamp: Was machen Erzieher im beruflichen Alltag anders als Erzieherinnen?

Holger Brandes: Es spricht viel dafür, dass - wie in anderen Berufen - Männer zwar das Gleiche machen wie Frauen, aber in einer etwas anderen Weise. So gibt es Hinweise, dass Väter in der Erziehung ihrer Kinder mehr als Herausforderer wirken, während Mütter stärker bindungsorientiert handeln. Lange wussten wir wissenschaftlich abgesichert kaum etwas über tatsächliche Unterschiede im professionellen pädagogischen Handeln. Hier hilft es wenig, einfach Erzieherinnen und Erzieher zu befragen und noch weniger können die Kinder hierzu aussagen. Es geht nämlich um weit mehr, als dass Männer Fußball spielen und Frauen Zöpfe flechten - es geht um die kleinen und meist subtilen Unterschiede in der Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind. Zwar reagieren Kinder häufig begeistert auf Männer in Kitas, aber das kann einfach damit zusammenhängen, dass diese so selten und außergewöhnlich sind. Insgesamt gibt es in Deutschland wie auch weltweit eine Forschungslücke, weil bislang kaum Männer für eine Vergleichsstudie zur Verfügung standen. Wir haben jetzt mit Hilfe von Videobeobachtung das konkrete Erziehungsverhalten von gemischtgeschlechtlichen "Tandems” in Kitas systematisch verglichen.

Kita-Kinder wollen wissen: Mann oder Frau?


Gesterkamp: Welche Bedeutung hat es für die weitere Sozialisation und Bildung von Kindern, wenn Männer verstärkt als Erzieher tätig sind?

Holger Brandes: Wir wissen, dass Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren in hohem Maße an Geschlechtsunterschieden interessiert sind und sowohl untereinander wie im Umgang mit Erwachsenen sehr hierauf achten. Es ist auch belegt, dass Kinder davon profitieren, wenn sie Väter haben, die sich in der Erziehung engagieren. Aber dies kann damit zusammenhängen, dass solche Väter häufig mit engagierten Müttern liiert sind. Vielfach wird angeführt, dass insbesondere Jungen in ihrer Entwicklung darunter leiden, wenn sie in ihren ersten Lebensjahren nur von Frauen (alleinerziehenden Müttern, Erzieherinnen, Lehrerinnen) umgeben sind und dies die Ursache für zunehmende Bildungsrückstände und Verhaltensauffälligkeiten von Jungen sei. An eindeutigen Forschungsbelegen fehlt es hier.

Gesterkamp: Muss man daraus schließen, dass das Geschlecht der Fachkräfte gar keine Rolle spielt?

Holger Brandes: Es spielt eine Rolle - das zeigte sich in unserer Untersuchung: In fast allen unseren Videoaufnahmen gibt es Schlüsselszenen, wo etwa die Auswahl des Spielmaterials wie auch der Umgang hiermit deutlich sowohl vom Geschlecht der Fachkräfte beeinflusst sind als auch vom Geschlecht des Kindes. Hier kommt es zu einem manchmal sehr intensiven Austausch über Vorlieben oder Neigungen, die geschlechtsstereotypen Orientierungen entsprechen. Aber es zeigt sich auch, dass gerade in solchen Szenen die Erzieher und Erzieherinnen eher unreflektiert handeln. Es gibt also Unterschiede, diese sind den Akteuren aber häufig nicht bewusst. Und Kinder lernen ganz generell an solchen Unterschieden, dies gilt gleichermaßen für Jungen wie für Mädchen.

Erzieher reflektieren ihre Männlichkeit, Erzieherinnen aber nicht ihre Weiblichkeit


Gesterkamp: Weicht die Selbstdefinition männlicher Erzieher von der der Erzieherinnen ab?

Holger Brandes: Ich stelle häufig fest, dass Männer als - immer noch - Exoten in diesem als weiblich geltenden Beruf nicht umhin kommen, sich bewusst mit ihrer Männlichkeit auseinander zu setzen, während Erzieherinnen eher selten über ihre jeweils spezifische Weiblichkeit und deren Auswirkung auf die Kinder nachdenken. Männer, die in diesen Beruf gehen, wägen diesen Schritt zumeist sehr intensiv ab und wissen, dass sie sich kritischen Nachfragen von anderen Männern aussetzen. Ihnen geht es vermutlich nicht viel anders als den ersten Frauen, die in sogenannte Männerberufe eingedrungen sind.

Gesterkamp: In den Medien kursierten lange Zerrbilder und Klischees, Männer in Erziehungsberufen wurden dort als Alleskönner und Tausendsassas dargestellt. Muss das sein?

Holger Brandes: Das ist, glaube ich, tatsächlich ein Zerrbild, das den besonderen Gesetzmäßigkeiten unserer Medienlandschaft geschuldet ist. Solche Alleskönner gibt es nicht - höchstens in der Fantasie von Kindern und dann ist es vermutlich hilfreich, wenn sie an lebendigen Vorbildern erfahren, wo auch Männer an ihre Grenzen kommen und welche individuell unterschiedlichen Stärken und Schwächen sie haben. Aber richtig daran ist, dass der Erzieherberuf generell eine hohe Vielseitigkeit erfordert - für Männer wie Frauen.

Männer entwerten nicht die Leistung von Frauen


Gesterkamp: Haben weibliche Fachkräfte Grund, über solche Zerrbilder irritiert oder gar gekränkt zu sein?

Holger Brandes: Sie hätten Grund dazu, wenn damit ihre Leistung entwertet würde. Aber darum geht es aus meiner Sicht überhaupt nicht. Es geht nicht um gut oder schlecht, sondern um anders sein - und darum, die Gleichwertigkeit der Geschlechter nicht ausgerechnet dort zu begrenzen, wo es um die Entwicklung der Kinder und damit eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben in der Gesellschaft geht.

Gesterkamp: Sie sind beteiligt an der Aufwertung und "Akademisierung” des Erzieherberufes, haben an Ihrer Hochschule einen entsprechenden Studiengang aufgebaut. Wird das zu einer besseren Bezahlung und zu einem höheren Männeranteil führen?

Holger Brandes: Die schrittweise Umstellung der Ausbildung auf Hochschulniveau hat damit zu tun, dass wir zunehmend erkennen, welche Schlüsselrolle Erziehung und Bildung in den ersten Lebensjahren der Kinder zukommt und dass die hierbei zu leistende pädagogische Arbeit höchst anspruchsvoll ist und einer wissenschaftlichen Fundierung bedarf. Nach meinem Eindruck spielen solche Fragen für junge Männer, die in diesen Beruf einsteigen, eher eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist für sie, dass sie nicht in ihrer Männlichkeit hinterfragt werden. Ob wir mehr junge Männer für diesen Beruf gewinnen, wird meines Erachtens deshalb auf längere Sicht davon abhängen, wie sich das öffentliche Bild von Männern und Männlichkeit entwickelt und ob es gelingt, dieses nachhaltig um Qualitäten wie Feinfühligkeit, Sensibilität, Fürsorglichkeit und Pflegefähigkeit zu erweitern.

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