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Initiation für Jungen


Initiation für JungenBild: © spectator - Fotolia.com

Jungen machen Ärger. Weil sie sich nicht in die Gemeinschaft einfügen, Drogen nehmen, prügeln, sich selbst verletzen, zu riskantem Verhalten im Sport und Straßenverkehr neigen. Eine ritualisierte Aufnahme in die Gemeinschaft der älteren Männer könne helfen, meinen viele, ein Initiationsritual. Bei dem müssen die Väter allerdings draußen bleiben.

Versprechen halten!


Nein, ich werde Euch nichts erzählen. Nichts von dem Camp, das die Männer aufbauten, von dem Lebensmittelrieseneinkauf, nichts von der Schwitzhütte, die sie errichteten. Und vor allem nichts von den Jungen, die sich durch einen Verhau einen Weg ins Camp bahnen mussten, ihre Zelte hinstellten, die für das Kochen zuständig waren. Nichts von ihren einsamen Stunden im Wald, den Herausforderungen an der Kletterwand und am Fluss, ihren Kämpfen mit sich und anderen, ihren Reflektionen und vielleicht sogar Visionen über ihr weiteres Leben. Nichts von den Nächten am Feuer mit Geschichten, Mythen und Fragen. Und nichts von dem Geschenk, das sie für ihre Mentoren angefertigt hatten. Denn im Initiationsseminar lernt man auch, Versprechen zu halten. Und die Klappe.

"Initiation kann bei uns nicht im Ursinn funktionieren", sagt Thomas Scheskat, Pädagoge und körperpsychotherapeutischer Gruppenleiter, der Seminare zur Initiation für erwachsene Männer anbietet. "Wir sind keine archaische Stammesgesellschaft mehr. Bei uns gibt es keine Gruppe der erwachsenen Männer, in die die Jünglinge aufgenommen werden können - oder es eben auch nicht wollen." Vorhandene Rituale und Prüfungen, wie der Führerschein, das Abitur (auch "Reifeprüfung" genannt), oder auch der Militärdienst seien nur einzelne Puzzlesteine ohne Verbindung zu einem großen Ganzen.

Jungen fehlt Männlichkeit


Denn es fehle an reifer Männlichkeit, so Scheskat. Auch die Erwachsenen von heute spürten einen Hunger in sich: "Es gibt eine ungestillte Sehnsucht nach erwachsenen Männern, die einen beherzt an die Hand nehmen, herausfordern, mit denen gemeinsam Spannendes erlebt werden kann." Auch die inzwischen 40-, 50- oder 60-Jährigen hätten oft eine starke Angst vor dem Versagen, fühlten sich ständig Gefahren ausgesetzt, ihr Grundgefühl sei das von Wertlosigkeit. Dies sei, darauf weist er vehement hin, ein gesellschaftliches Problem und keinesfalls einzelnen Männern anzulasten. "Denn es gibt keine allgemein gültige Auffassung von Männlichkeit mehr, etwa dass dies immer mit stark und dominant zu sein einher gehen muss und das ist auch gut so. Heute kommt es darauf an, eine eigene Form der Erwachsenheit als Mann zu finden und sie selbstbewusst zu vertreten, ganz gleich ob breitschultrig mit markigen Tattoos, oder eher soft, schwul oder was auch immer früher als unmännlich gegolten hätte."

Die suchen Jungen auf ihren eigenen, nicht unbedingt einfachen und komfortablen Wegen. Wer jedoch nur ihr problematisches Verhalten sieht - von S-Bahn-Surfen bis Gewalttätigkeit, von Drogenmissbrauch bis unentschlossenem Rumhängen -, der sei schon auf die Defizitschiene abonniert. Das meint Josef Riederle, Sozialpädagoge und Eigner des Instituts Kraftprotz in Mielkendorf bei Kiel. Auch er konstatiert einen großen Vaterhunger bei Jungen: "Männlichkeit ist ein nebulöser Begriff und in unserer Gesellschaft inzwischen eher negativ besetzt. Jungen wollen und müssen aber zu Männern werden. Selbstverständlich fragen sie sich da - gerade in der Pubertät - was einen Mann ausmacht, wann eben ein Mann ein Mann ist." Ein Initiationsseminar könne hier Orientierung bieten.

Das bestätigt Scheskat: "Ein Initiationsseminar bietet einen innerpsychischen Gewinn für Jungen und Männer. Keinesfalls ist damit - wie in den archaischen Gesellschaften - ein bestimmter Status verbunden. Und eben auch kein einseitiges Bild vom markigen Mann, der keinen Schmerz kennt und keine Gefühle zeigen darf."

Jungen suchen Respekt


In einem solchen Kurs sind sie - oft zum ersten und vielleicht einzigen Mal in ihrem Leben - als Jungen in einer Gruppe zusammen mit erwachsenen Männern. Ihre Väter sind allerdings nicht dabei. Die sind zu stark emotional mit ihnen verwoben, meint Riederle, Verhaltensweisen sind eingespurt, vielleicht kommen die Jungen aus Trotz oder Sich-Beweisen-Müssen nicht zu ihrem tiefen inneren Erleben, wenn die Väter dabei sind. Im Vorfeld wird ihnen selbstverständlich erklärt, was im Seminar abläuft. Als Sorgeberechtigte müssen sie schließlich die Verantwortung tragen. Auch in die Vorbereitung, den Einkauf, Terminwahl, Auswahl des Ortes etc. sind sie eingebunden.
Aber dann übernehmen andere ältere Männer. Diese Männer akzeptieren die Jungen, nehmen sie ernst. Und das müssen sie sich nicht durch bestimmte Leistungen erwerben. "Das wichtigste in meinen Kursen", sagt Riederle, "ist der respektvolle Umgang miteinander." Respekt sei für Jungen ein Schlüsselwort. Denn wer respektiert wird, ist ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Und das wollen die Jungen unbedingt sein.

Zum Respekt gehört auch die Achtung vor sich selbst. Sich selbst spüren, auch die bisher erlittenen Verletzungen, den Schmerz, die Wunden. Aber genauso die Fähigkeiten, die Kraft, die Liebe zu anderen Menschen.

Spielerischer Kampf und Suche nach sich selbst


Der Weg dahin führt über körperliche Herausforderungen, wie z.B. Kampfesspiele. "Jungen sind über Körperkontakt zu erreichen", so Riederle. Das einfachste Beispiel sei der Schlag auf die Schulter. Das mache wach, erreiche sie eher als Gespräche im Sitzkreis. Scheskat geht noch weiter: "Junge Männer suchen starke körperliche Erfahrungen, wie ihre riskanten Unternehmungen zeigen. Ein tiefes emotionales Erleben ist ohne Körperlichkeit nicht zu erreichen." Gerade im Camp sei der Kontakt nicht nur stark und intensiv, sondern auch ehrlich, meint Riederle: "Die Jungen kommen in Kontakt mit den Quellen ihrer Kraft." Wie viel Kraft sie haben, wie sie sich anfühlt, wie sie sie einsetzen, wann sie achtlos werden, wie sie ihren Kampfpartner respektvoll behandeln und sich ebenso behandelt fühlen - das wird ihnen schon in einem kurzen Ringkampf klar.

Gleich wichtig sind jedoch die Zeiten allein. Allein mit sich selbst, allein in der Natur. Bei manchen Initiationsseminaren sind die Jungen einige Stunden, bei anderen sogar einige Tage allein. Nicht so weit voneinander entfernt, dass keine Hilfe kommen kann, und ein Notruf ist selbstverständlich immer möglich. Aber eben wirklich auf sich gestellt. Wasser, Essen, Schlafplatz - alles müssen sie sich selbst suchen und gestalten. Dass dabei Ängste vor wilden Tieren, der Einsamkeit, der Orientierungslosigkeit aufkommen, ist selbstverständlich. Ebenso, dass die Jungen lernen, sie zu akzeptieren und mit ihnen klar zu kommen. Und dass sie am Lagerfeuer nach ihrer Heimkehr willkommen geheißen werden und ihre Geschichte erzählen.

Jungen haben viel zu sagen


Denn sie haben etwas zu erzählen. Etwas tief selbst Erlebtes. Das ist attraktiv, das macht die Jungen attraktiv, auch für das andere Geschlecht. "So kommen sie über das Posen und Nachbilden eines Images hinaus", sagt Riederle. Das braucht aber eben nicht nur das Erleben, sondern auch diejenigen, die zuhören. Weshalb auch das ein wichtiger Teil des Initiationsseminars ist. Und nicht alle erwachsenen Männer sind besonders gut darin. "Deshalb ist es wichtig, dass der Junge dort einen Mentor hat, der auch mal eingreifen kann, wenn die Älteren zu viel reden oder er merkt, dass der Junge sich nicht verstanden fühlt."

Scheskat und Riederle wissen von vielen Jungen und Männern zu berichten, die in einem Initiationsseminar richtungweisende Entscheidungen für ihr Leben getroffen, bestätigt oder verworfen hätten. Sei es die Frage, ob sie einen Lehrberuf ergreifen oder auf die gymnasiale Oberstufe gehen wollen, ob sie ein Jahr im Ausland verbringen wollen, oder auch, ob sie lieber bei ihrem Vater, der von der Mutter getrennt lebt, wohnen wollen.

Ein Initiationsritual macht keinen daddeligen Jungen von einem Moment auf den anderen zu einem reifen erwachsenen Mann. Ebensowenig wie der 18. Geburtstag einen erwachsenen Menschen schafft. Es macht auch keine besseren Menschen aus ihnen. Aber es schafft ihnen Erlebnisse in einer Gemeinschaft, die vielleicht einen Teil ihres psychischen Hungers stillen und sie stärken können für die Herausforderungen, die auf ihrem Lebensweg vor ihnen liegen.

Ralf Ruhl

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