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„In Rufnähe bleiben“ – Wie Väter durch die Pubertät kommen

Wie Väter durch die Pubertät kommen
Bild: Klaus-Peter Adler@fotolia.com

Die Pubertät gilt als die Zeit, in der die Eltern schwierig werden. Gerade die Launenhaftigkeit des Nachwuchses macht den Erziehungsberechtigten zu schaffen, ebenso die Sorge um Ausbildung und Zukunft. Aber kann man Zwölfjährige überhaupt noch erziehen? Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann aus Hannover gibt Auskunft.
Vom Sonnenschein zum Motzkopf

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind in der Pubertät ist?



Das kann man gar nicht übersehen. Die Kinder ändern sich von einem auf den anderen Tag schlagartig: Gestern noch ein kleiner, schmusebedürftiger Sonnenschein, heute ein kaum ansprechbarer, launischer und mürrischer Knabe. Pubertierende stellen paradoxe und kaum zu erfüllende Anforderungen an die Eltern. Sehr häufig und bedeutsam ist die Doppelbotschaft „lass mich in Ruhe, aber kümmere dich um mich.“ Ein typisches Beispiel: Das Mädchen knallt die Tür, rennt in ihr Zimmer, schreit „ich will allein sein“, heult vielleicht und erwartet – nicht nur insgeheim – dass Vater oder Mutter zu ihr kommen und sie trösten.

Gibt es dabei klare Unterschiede im Verhalten von Jungen und Mädchen?



Der pubertäre Konflikt entlädt sich bei Jungen eher nach außen. Sie sind laut, hektisch, aggressiv, sie brüllen die Lehrerinnen und Eltern an – wobei nach meiner Erfahrung der Vater nicht so viel davon abbekommt. Oder aber sie wenden sich eher depressiv nach innen, schauen Filme oder spielen am Computer oder an der Konsole. Mädchen sind viel stärker auf ihren Körper, auf ihre körperliche Reifung fixiert. Sie stehen stundenlang vor dem Spiegel und sind aus dem Badezimmer nicht mehr herauszubekommen, ihre Gespräche mit Freundinnen drehen sich um Mode, Kosmetik um das Aussehen, dabei vor allem um die Entwicklung der Brust. Sie vergleichen sich dabei ständig untereinander und stellen ihr Körperselbst, ihr Bild von sich und ihrem Körper, immer wieder infrage. Bei Jungen läuft das quasi nebenbei. Da ist mal ein Pickel, da wächst ein wenig Bartflaum, aber die Eltern müssen sie auf die Körperpflege aufmerksam machen. Das ändert sich erst, wenn in der Gruppe stärkeres Interesse an oder von Mädchen kommt. Dann wird das Haar gegelt und der Deoroller hervorgeholt.
Innere Zerrissenheit

Worin besteht denn der schon angesprochene pubertäre Konflikt?

Die Pubertierenden wollen gleichzeitig Regression und Autonomie, und das macht auch das häufige Gefühl innerer Zerrissenheit aus. Auf der einen Seite zurück in Mamas Bauch, versorgt und umhegt werden – und das ist mehr, als mit dem Spruch vom „Hotel Mama“ gemeint ist. Es geht nicht nur um Bequemlichkeit, sondern um ein echtes Abgeben von Verantwortung für das eigene Leben, eben zurück in die goldene Zeit des Kuschelns und Getragen-Werdens. Und gleichzeitig wollen sie sich von den Eltern lösen, wollen selbst entscheiden und selbst machen, streben nach Autonomie. Dann schwelgen sie in Extremen, neigen mal stark zur einen, in der nächsten Minute zur anderen Seite. Insgesamt werden Selbstreflexion und Selbstbeobachtung stärker. Sie bekommen mehr Gespür für soziale Situationen, haben etwas mehr Geduld bei der Bedürfnisbefriedigung. Dabei fallen sie in die Extreme der Hemmungslosigkeit und der überkritischen Selbstkorrektur. Das ist für Eltern schwer auszuhalten, aber es ist ein notwendiges Durchgangsstadium auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Gerade Jungen sind stärker in Konflikte mit Drogen, Kriminalität und Gewalt involviert...



Die Gefahr, dass sie tatsächlich in Straftaten verwickelt werden, ist relativ gering. Die Untersuchungen von Prof. Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen zeigen, dass die Kriminalitätsrate unter Jugendlichen zurückgeht. Gleichzeitig wird die Jugendkultur aber härter, in manchen Subkulturen herrscht ein regelrecht brutalisiertes Klima. Damit müssen die Jungen – vor allem die sind von Gewalt betroffen – umgehen lernen. Sie müssen lernen, wie sie sich durchsetzen können, ohne ihre Integrität zu verlieren, ohne ihr Mitgefühl zu verlieren. Und das ist nicht zu verniedlichen. Auch wir haben als Jugendliche gesoffen – aber Komasaufen gab es nicht. Auch wir haben uns geprügelt – aber dem, der am Boden liegt, die Zähne austreten, das gab es nicht. Bei einer steigenden Zahl von Jugendlichen, Jungen wie Mädchen, kann man ein autistisches Sich-um-sich-selbst-Drehen feststellen. Sie nehmen andere nicht wahr, achten sie und ihre Bedürfnisse nicht.
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Falsch :
01.12.2013 11:51
Also ich finde, der "Psychologe" hat nur zum Teil Recht! Ich meine, ich glaube nicht, das 14-17 jährige wieder in den Mutterleib wollen und getragen werden wollen... Klar, seo wollen selbstständig werden, aber trotzdem relativ wenig Verantwortung tragen, aber dies ist nicht vergleichbar, mit der Zeit im Mutterleib.
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Falsch :
01.12.2013 11:27
Also ich finde, der "Psychologe" hat nur zum Teil Recht! Ich meine, ich glaube nicht, das 14-17 jährige wieder in den Mutterleib wollen und getragen werden wollen... Klar, seo wollen selbstständig werden, aber trotzdem relativ wenig Verantwortung tragen, aber dies ist nicht vergleichbar, mit der Zeit im Mutterleib.

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Wolgang Bergmann



Wolfgang Bergmann arbeitete lange Jahre als diplomierter Erziehungswissenschaftler und leitete das Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover. Er gründete die Stiftung Für Kinder (www.FuerKinder.org). Wolfgang Bergmann starb am 19.5.2011 in Hannover.

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Das Drama des modernen Kindes, Beltz 2007, € 12,90

Weitere Informationen:

Im Internet finden Sie weitere Informationen unter: www.kinderpsychologie-bergmann.de

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