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Beruf und Familie vereinbaren - unmöglich?


Beruf und Familie vereinbaren - unmöglich?Bild: industrieblick-fotolia.com

Wenn die Fürsorgetätigkeiten in Haushalt und Familie aufgewertet werden, kochen, putzen und wickeln Männer häufiger. Die meisten Paare wollen auch eine gerechte Aufteilung von Berufs- und Familienarbeit. Warum es dennoch so selten gelingt, darüber sprach Dr. Lisa Yashodhara Haller mit Ralf Ruhl am Rande der Tagung „10 Jahre Bündnis für Familien“ in Eschwege.

Familie im Wirtschaftssystem


Väterzeit: Frau Dr. Haller, Ihre These ist, dass in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf grundsätzlich nicht möglich sei. Was sind die Gründe?

Dr. Lisa Y. Haller: Es geht mir weniger um eine Parallelität von Beruf und Familie, eine solche kann auf die eine oder andere Weise sicherlich immer realisiert werden, wenn auch teilweise unter prekären Bedingungen. Weil Fürsorge aber regelmäßig
in abhängigen Lebenslagen benötigt wird, müssen Fürsorgeleistungen häufig spontan erbracht werden, sie sind deshalb nicht immer planbar. Zum Beispiel, wenn ein Kind krank wird, in der Kita vom Baum fällt oder sonst etwas passiert. Um in einer solchen Situation helfen zu können, müssen die Bedürfnisse der bedürftigen Person – also des Kindes – berücksichtigt werden. Arbeitsprozesse in Unternehmen auf derartige Bedürfnisse abzustimmen ist aber schwierig, weil die Abläufe hier entlang von Verwertungskriterien organisiert sind, die auf die Erwirtschaftung von Profit zielen. Ich bin zwar der Meinung, dass wir von der Rationalisierung profitieren, die durch effizienzsteigernde Maßnahmen im produzierenden Gewerbe erzielt werden, weil dadurch ja in kürzerer Arbeitszeit mehr produziert werden kann. Ich halte es – vor dem Hintergrund unseres Wirtschaftssystems – allerdings weder für möglich noch für wünschenswert, Fürsorge nach denselben Maßstäben zu bewerten, oder gar zu organisieren.

Die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um für jemand Anderen sorgen zu können, stehen einer Verwertungslogik entgegen. Deshalb sind die Bereiche zwar aufeinander angewiesen, aber nicht vereinbar. Bei einer genaueren Betrachtung wird deutlich, dass eine einseitige Abhängigkeit von Seiten der Unternehmen besteht. Wegen ihrer Abhängigkeit von Arbeitskräften sind sie auf die Betreuung, Erziehung und Fürsorge angewiesen, die sie selbst jedoch nicht gewährleisten können. Was in der aktuellen Diskussion also als Vereinbarkeitsdilemma problematisiert wird, ist der Verwertungslogik schlicht struktureigen.

Care-Arbeit ist immer noch Frauensache


väterzeit: Die Care-Arbeit, wie die Betreuungs- oder Fürsorgearbeit auch bezeichnet wird, wird in der Hauptsache von Frauen geleistet. Was sind die Folgen?

Dr. Lisa Y. Haller: Weil deutsche Unternehmen oder genauer, die unternehmensinterne Arbeitsorganisation auf einem Geschlechterarrangement basiert, das die Gewährleistung der Fürsorge durch Frauen stillschweigend voraussetzen, entsteht für diejenigen, die sich dann tatsächlich kümmern, Nachteile auf dem Arbeitsmarkt mit den entsprechenden finanziellen Einbußen. Inzwischen wird das als ungerecht skandalisiert, deswegen sollen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte den Nachteilen, die mehrheitlich Frauen aus ihrer Fürsorgeverantwortung entstehen, entgegenwirken - was innerhalb unseres Wirtschaftssystems der Quadratur des Kreises entspricht. Werden den Fürsorgenden Ausgleichszahlungen jenseits einer Erwerbstätigkeit geboten, um ihren Nachteil auf dem Arbeitsmarkt auszugleichen, zementiert das langfristig die finanziellen Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Wird die gegenteilige Strategie verfolgt, indem von Frauen in gleichem Maße wie von Männern eine lückenlose Vollerwerbstätigkeit verlangt wird, ohne deren überproportionale Fürsorgeverantwortung zu berücksichtigen – wie dies derzeit realpolitisch forciert wird, bleibt die Zuständigkeit für den Bereich der Versorgung durch Frauen bestehen und führt zu einer Doppelbelastung.

väterzeit: Obwohl eine Angleichung der weiblichen Erwerbsbiographie an die der Männer politisch angestrebt wird, werden familienpolitische Leistungen in der Hauptsache von Frauen in Anspruch genommen. Wieso tun Väter das nur in so geringem Maße?

Dr. Lisa Y. Haller: Um es mit einem Sprichwort zu verdeutlichen: hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Weil mehrheitlich Frauen jenseits des Arbeitsmarktes Fürsorge verrichten, ergeben sich für sie finanzielle Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Weil familienpolitische Leistungen wie das Elterngeld als Lohnersatzleistung konzipiert sind, werden sie entsprechend des vorherigen Lohneinkommens ausgezahlt. Aus der Perspektive der Haushaltsführung erscheint es den Eltern wirtschaftlicher, wenn sie anteilig auf das Einkommen der geringer verdienenden Person verzichten. Weil Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchschnittlich immer noch geringer entlohnt werden als Männer wird der überwiegende Anteil des Elterngeldes der Mutter zugesprochen. Ob die sogenannten Partnermonate von dem Vater in Anspruch genommen werden, hat in der Begründung der Väter damit zu tun, ob es sich die Familie leisten kann, zwei Monate auf ein Drittel des Familieneinkommens zu verzichten. Nach dem ersten Jahr Elterngeldbezug erscheint vielen Eltern die mütterliche Rückkehr in die Erwerbsarbeit wirtschaftlich unsinnig, weil sich mit der Erhöhung des familialen Einkommens auch die Kindesbetreuungskosten erhöhen, wodurch ein großer Anteil des erzielten Lohneinkommens gebunden würde. Hinzu kommt, dass der Steuervorteil, den verheiratete Eltern bei einer entsprechenden Einkommensdifferenz über das Ehegattensplitting genießen, wegfällt.

Väter wollen nicht nur Ernährer sein


väterzeit: Dennoch sehen sich Väter aber nicht mehr in erster Linie als Familienernährer.

Dr. Lisa Y. Haller: Selbst wenn sie das individuell anders sehen, bleibt doch gesamtgesellschaftlich und in ihrem täglichen Handeln die finanzielle Verantwortung für die Familie in dem Aufgabenbereich des Vaters. Ebenso wie es Müttern wirklich schwergemacht wird, die Zuschreibung der Kindesfürsorge zurückzuweisen, wird Vätern die Zurückweisung beruflicher Anforderungen erschwert. Sowohl in Krabbelgruppen als auch im öffentlichen Leben wird selbstverständlich die Mutter als für das Kind zuständig adressiert. Väter, die mehr als die Partnermonate in Anspruch nehmen möchten, haben immer noch mit Widerständen in den Unternehmen zu kämpfen. Ich komme aus einer Region, wo man vormittags auf den Spielplätzen kaum einen Vater findet, weil die mit Erwerbsarbeit beschäftigt sind. Allerdings kümmern sich diese Väter nicht deshalb nicht um ihre Kinder, um sich im Beruf selbst zu verwirklichen. Vielmehr deuten die Aussagen der Väter im Rahmen meiner Untersuchung darauf hin, dass sie lediglich deswegen ihre Erwerbsarbeit der Beschäftigung mit ihren Kindern vorziehen, weil sie diese als ihren Anteil an der Kindesfürsorge betrachten. Sie beklagen, zu wenig Zeit zur Beschäftigung mit den Kindern zu haben. Ihre Erwerbstätigkeit gewährt den Vätern zwar gegenüber den Müttern eine finanzielle Vorzugsstellung, weniger Arbeitsbelastung und mehr Abwechslung und Freizeit; sie laufen aber Gefahr, eine Bindung zu ihren Kindern zu verlieren.

väterzeit: Aber die meisten Paare wollen doch eine 50:50-Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit.

Dr. Lisa Y. Haller: Und da erhebt sich die Frage, warum sie das nicht umsetzen. Ich denke, dass die stringente Zuordnung familienpolitischer Leistungen entsprechend der Geschlechterzugehörigkeit zwar finanziell begründet wird, die neue Lebenssituation im Anschluss an die Familiengründung jedoch zusätzlich dazu führt, dass sich Eltern an vorgefundenen geschlechtlichen Strukturen orientieren, um Risiken zu minimieren.

Die Traditionalisierungsfalle


väterzeit: Welche Auswirkungen hat das auf das Paar und die Familie?

Dr. Lisa Y. Haller: Meine Studie gibt Hinweise darauf, dass Eltern sich bei der Familiengründung an der vorgefundenen Geschlechterordnung orientieren, weil sie sich damit kurzfristig eine psychische und soziale Erleichterung verschaffen können. Das ist ausgesprochen nachvollziehbar. Allerdings sind die langfristigen Auswirkungen für die Paarbeziehung der Eltern häufig verheerend. Dass wir es mit einer so hohen Trennungs- und Scheidungsrate im Anschluss an die Familiengründung zu tun haben, hat mittelbar mit der Arbeitsteilung der Eltern und der Spezialisierung auf einen Bereich zu tun, die Unzufriedenheit produziert, weil beide das Gefühl bekommen etwas zu verpassen. Die wiederkehrenden Abläufe, die zunächst Entlastung versprechen, werden im Alltag von den Müttern häufig als mangelnde Abwechslung empfunden. Durch die Kindesbetreuung findet wenig soziale Kooperation statt. Darüber hinaus verlangt die Versorgung von Kindern permanente Verantwortlichkeit, beharrliche Aufmerksamkeit und Hingabe, die aber nicht als Leistung anerkannt, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt wird, so dass Mütter für ihre Leistung weder Lob noch anderweitige Rückmeldung zu erwarten haben.

väterzeit: Und das führt dann zu einer Trennung?

Dr. Lisa Y. Haller: Keineswegs zwangsläufig - sofern beide Elternteile die Arbeit des Anderen wertschätzen und in ihrer Tätigkeit aufgehen. Allerdings ist eine Paarbeziehung kein Mikrokosmos, der aus zwei Personen besteht und auf die Paarbeziehung von Eltern trifft das noch weniger zu. Paare sind vielmehr in gesellschaftliche Erwartungen eingebunden. Von dem fürsorgenden Elternteil, meist der Mutter wird erwartet, die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt der eigenen Handlung zu stellen. Obwohl dafür keine unmittelbare Gegenleistung erfolgt, kann die Konzentration auf die Bedürfnisse einer anderen Person sehr befriedigend sein. Aber langfristig sind wir alle bedürftig nach Anerkennung. Ist der Vater so sehr mit seiner Erwerbsarbeit beschäftigt, dass auch von ihm keine Anerkennung kommt, verspricht der Aufbau einer neuen Beziehung, in der mehr Anerkennung zu erwarten ist, einen Ausgleich, mit dem die unerfüllten Bedürfnisse – häufig auch langfristig – befriedigt werden können. Sofern mit diesem eine neue Familie gegründet wird, sind jedoch dieselben arbeitsteiligen Konflikte zu erwarten.

Wenn die Frau mehr verdient


väterzeit: Wenn der Mann arbeitslos wird und die Frau so zur Haupternährerin aufsteigt, wie verändert das die Männlichkeitsvorstellungen des Mannes und seiner Partnerin?

Dr. Lisa Y. Haller: Zunächst möchte ich anmerken, dass solche Konstellationen in Deutschland ausgesprochen selten vorkommen. Auf 10,3 Prozent der Paargemeinschaften oder Familien trifft nach einer Studie des WSI (Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Institut) eine solche Konstellation zu. Aber es gibt Unterschiede: Übernimmt der Mann die Familienarbeit, weil die Frau mehr verdient oder er arbeitslos ist? Oder weil er selbst gerne Familienarbeit leisten möchte und die Frau dem zustimmt? Wenn die Männer unfreiwillig erwerbslos wurden, geht der Einkommensabstieg in aller Regel mit Verletzungen einher. Diese Verletzungen sind auf die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen, sie werden von den Männern dennoch häufig auf die Partnerin projiziert und machen sich Raum in Wut, Verzweiflung. Oder sie stilisieren ihren Erwerbsverzicht als Heldentat. Insgesamt fehlt es an einem männlichen Selbstverständnis als Hausmann, das wird nicht zuletzt darin deutlich, dass sehr viele Tätigkeiten die selbstverständlich in den Aufgabenbereich einer Hausfrau fallen von ihnen nicht übernommen werden. Diese müssen von den Partnerinnen neben der finanziellen Verantwortung mitübernommen werden. Oder sie werden ausgelagert an weibliche Verwandte oder eingekaufte Dienstleisterinnen.

väterzeit: Es gibt aber auch Studien, die besagen, dass Frauen Hausmänner nicht gerade attraktiv finden.

Dr. Lisa Y. Haller: Die Zeiten, in denen Frauen aus wirtschaftlichen Gründen die Einkommenssituation von Männern bei der Partnerwahl berücksichtigen mussten, gehören der Vergangenheit an. Einkommensschwache Männer werden im Laufe einer Beziehung unattraktiv, weil sie kontinuierlich mit dem Ausgleich ihres Statusverlusts befasst sind. Oder anders formuliert: sie führen ihren Partnerinnen die Verlustseite ihrer Karriere vor Augen. Schlussendlich macht das Ringen um die eigene Männlichkeit die Beziehung zu einem einkommensschwächeren Mann zu einer echten Herausforderung, die Frauen neben ihrer Karriere häufig nicht leisten können und wollen.

Care-Arbeit aufwerten!


väterzeit: Was macht es Vätern so schwer, Care-Arbeit zu übernehmen und sich damit auch wohl zu fühlen?

Dr. Lisa Y. Haller: Ich denke, es geht dabei primär um Autonomieverlustängste. In unserer Gesellschaft wird der Mann immer noch als autonom – und das meint hier in erster Linie fürsorgebefreit – konstruiert, während Frauen Abhängigkeit zugestanden wird. Das hat allerdings nichts mit den realen Menschen zu tun, Frauen fühlen sich in der fürsorgebedingten Abhängigkeit auch häufig nicht wohl. Gegen dieses Unwohlbefinden aufzubegehren wird Frauen allerdings moralisch verübelt. Männern nicht. Summa summarum stellt die Entwicklung eines fürsorglichen Selbstverständnisses in Zeiten, die sich durch die kontinuierliche Abwertung von Fürsorge auszeichnen, sowohl für Frauen als auch für Männer eine besondere Herausforderung dar. Weil meiner Überzeugung nach Freiheit erst dann entsteht, wenn Menschen verbindliche Fürsorgeverantwortung füreinander übernehmen, lohnt es sich für eine Aufwertung der mit Weiblichkeit verbundenen Fürsorge zu streiten. Würde Fürsorge gesellschaftlich eine Aufwertung erfahren, würden sich Männer für diese selbstverständlich verantwortlich und dann ganz bestimmt auch sehr wohl fühlen.

Interview: Ralf Ruhl

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