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Männliche Erzieher: Unter Generalverdacht


Männliche Erzieher: Unter GeneralverdachtBild: Robert Kneschke-fotolia.com

Männer sind wichtig für Kinder. Und zwar von Anfang an! Diese Erkenntnis setzt sich langsam durch und männliche Erzieher sind sehr begehrt, heißt es in offiziellen Stellungnahmen. Doch warum ihr Anteil nur so langsam steigt, hat auch Gründe, die in Vorurteilen von Eltern und Personal liegen: dem Generalverdacht des sexuellen Missbrauchs.

Darf ein Mann ein Baby wickeln?


Vor kurzem machte ein Kindergarten im Berliner Stadteil Reinickendorf bundesweit Schlagzeilen. Eltern protestierten, dass dort ein Mann ihren Nachwuchs betreut. Genauer gesagt, ein schwuler Mann. Bei den Kindern ist er zwar äußerst beliebt, die sexuelle Orientierung des Pädagogen jedoch führte zum Streit. Eine Gruppe von Eltern drohte dem Träger der Kita mit einer Unterschriftenaktion. Die Initiatoren stammen aus Russland, Rumänien, der Türkei und aus arabischen Ländern, viele sind muslimischen Glaubens. Ein interkultureller Konflikt also, der sich aber nicht allein um das Thema Homophobie dreht. Sondern auch um die generelle Irritation angesichts veränderter Geschlechterrollen, um das Festhalten an Traditionen und um die Frage, welche Rolle Männer in der öffentlichen Erziehung von kleinen Kindern überhaupt spielen sollen und dürfen.

Über diese Dinge werde „nicht gern und nicht offen gesprochen”, sagt Antje Proetel, Sozialpädagogin in Kassel und Geschäftsführerin des Dachverbandes freier Kindertageseinrichtungen. Denn Vorbehalte gegenüber Erziehern gebe es keineswegs nur bei Einwanderern. Vor allem die in den letzten Jahren ans Licht gekommenen Skandale zum sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen haben männliche Pädagogen unter eine Art Generalverdacht gestellt. Die rege öffentliche Debatte über solche Vorfälle hat Folgen für ihre alltägliche Berufspraxis. So gibt es Eltern, die darauf bestehen, dass ihr Säugling nicht von einem Mann gewickelt wird, teilweise ist jede Art von körperlichem Kontakt nicht erwünscht.
Umgekehrt gibt es Erzieher, die stets die Tür zum Gruppenraum nebenan offen stehen lassen, wenn sie sich mit einem Kind allein aufhalten - aus Angst vor möglichen Unterstellungen.

Erziehungswissenschaftler sind sich seit langem einig, dass eine stärkere Beteiligung von Männern in der frühpädagogischen Arbeit sinnvoll ist. Zwar bringen immer mehr aktive Väter ihren Nachwuchs morgens in die Kindertagesstätte oder holen ihn am Nachmittag ab. Doch in den Einrichtungen selbst treffen Kinder wie Eltern nach wie vor ganz überwiegend auf Frauen. Der Männeranteil im Erzieherberuf dümpelte in Deutschland lange unter drei Prozent. Ändern wollte das die vom Bundesfamilienministerium und dem Europäischen Sozialfonds unterstützte Initiative „MEHR Männer in Kitas”, die drei Jahre lang 16 Modellprojekte in 18 Städten oder Regionen finanzierte.

Erzieher: Vorbilder für Jungen und Mädchen


Mittlerweile sind immerhin fünf Prozent des Personals von Kindertageseinrichtungen männlichen Geschlechts. Nach Angaben der „Koordinationsstelle Männer in Kitas”, die an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin angesiedelt ist, stieg die absolute Zahl der Erzieher seit 2009 von damals gut 11.000 auf jetzt über 27.000 (inklusive Praktikanten, freiwilligen Helfern und ABM-Kräften, reine Schulhorte sind ausgenommen). Dem stehen allerdings weiterhin rund 500.000 weibliche Beschäftigte gegenüber. Auch in den Ausbildungsgängen wuchs im gleichen Zeitraum der Anteil der Männer deutlich, doppelt so viele wie vor acht Jahren lernen inzwischen an den Fachschulen für Erziehungsberufe.

Immer noch zu wenig, sagen Experten wie Tim Rohrmann. Der Professor für Pädagogik an der Evangelischen Hochschule Dresden betont die Vorteile gemischter Teams und die Bedeutung vielfältiger Rollenvorbilder schon für kleine Kinder. Denn nicht nur Jungen suchen den Kontakt zu männlichen Bezugspersonen, auch Mädchen brauchen Männer als das andersgeschlechtliche Gegenüber. Das klingt banal, wurde in der frühpädagogischen Fachdebatte aber lange vernachlässigt.

Im Rahmen des Ende 2013 ausgelaufenen Bundesprogramms wurden zahlreiche innovative Ideen entwickelt. Ein Schwerpunkt beim für das Rheinland zuständigen Caritas-Verband Köln waren zum Beispiel spezielle Fortbildungen für männliche Mitarbeiter. Guido Soriano-Eupen, der seit mehr als zwei Jahrzehnten in einer katholischen Kita tätig ist, hat ein Seminar unter dem Titel ‘Generalverdacht’ mitgemacht: „Wir haben uns ausgetauscht und darüber diskutiert, dass Männer in Kindertageseinrichtungen pauschal unterstellt wird, pädophil zu sein.” Soriano-Eupen fühlt sich persönlich nicht unter Beobachtung, er stößt in seinem Alltag auf wenig Vorbehalte von Kolleginnen oder Eltern. Er findet, dass „jeder, der beruflich mit Kindern zu tun hat, auch kritisch beschaut werden sollte - aber nicht zu kritisch”.

Führungszeugnis – nur für Männer?


Die ständigen Medienberichte über den sexuellen Missbrauch durch pädagogische Fachkräfte waren für die Motivationskampagne „MEHR Männer in Kitas” ein großes Hindernis. Manche Kindergärten zogen Konsequenzen: Sie fragen bei Bewerbungen von männlichen Erziehern gezielt bei früheren Arbeitgebern nach oder verlangen gar ein polizeiliches Führungszeugnis. Ein Schelm, wer darin eine Diskriminierung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit sieht. Nötig ist auf alle Fälle, dass sich die Kita-Leitung im Fall solcher Anschuldigungen vor den Pädagogen stellt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen.

Dabei sind die praktischen Erfahrungen mit der gemischtgeschlechtlichen Betreuung jenseits von aufgeregten Debatten durchweg positiv. „Wo schon Männer sind, gehen auch Männer hin”, lautet eine wichtige Erfahrung in jenen Kommunen, die schon lange einen deutlich höheren Anteil von Erziehern aufweisen als der Durchschnitt - so etwa in Kiel oder Frankfurt am Main. Männliche Pädagogen fühlen sich offenbar wohler, wenn sie keine einsamen Exoten an ihrem Arbeitsplatz sind.

Das 13,5 Millionen Euro teure Förderprojekt von Bund und Europäischer Union hat den Männeranteil zwar steigern, aber das weibliche Übergewicht unter den Kita-Beschäftigten nicht wesentlich verändern können. Nach wie vor ist die Berufswahl männlicher Jugendlicher von den gängigen Rollenvorstellungen geprägt: Sie werden eher Mechatroniker als Erzieher. An Autos zu schrauben oder Maschinen zu warten gilt in der Clique der Gleichaltrigen meist mehr als die Betreuung und Erziehung von Kindern. Das ändert sich schleichend, schon wegen der guten Jobchancen in pädagogischen Berufen. Allerdings müsste sich auch die niedrige Bezahlung dieser Berufe unbedingt verbessern - und der leidige Generalverdacht endlich ad acta gelegt werden.

Die Berliner Eltern, die mit der sexuellen Orientierung eines männlichen Mitarbeiters Probleme hatten, wurden übrigens von der Kita-Geschäftsführerin gebeten, sich einen anderen Kindergarten zu suchen. Ein wichtiges Signal, dennoch: In einer aktuellen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes lehnt fast jeder vierte Befragte homosexuelle Pädagogen in Kindertagesstätten ab.

Thomas Gesterkamp

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