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"Kinder haben das Recht, täglich Männern zu begegnen!"


Martin VerlindenBild: privat

Väter sind im Kindergarten immer stärker präsent, auch jenseits der üblichen Hol- und Bringdienste. Martin Verlinden sagt, welche Veränderungen damit auf die Kitas zukommen und wie Väter am besten einzubeziehen sind.

Wie kann man Väter stärker in den Kindergartenalltag einbeziehen?
Das braucht zunächst günstige Rahmenbedingungen. Da ist schon das äußere Bild des Eingangsbereichs wichtig: Wenn im Foyer ein Kicker steht, können Väter, wenn sie auf die Kinder warten, eine Runde spielen. Gezielte Informationen am schwarzen Brett machen Väter z.B. auf Veranstaltungen aufmerksam. Auch mit der Einladung zum nächsten Elternabend sollten sich Väter persönlich angesprochen fühlen.

Wie spricht man Väter im direkten Kontakt am besten an?
Der direkte Kontakt erfordert, dass Erzieherinnen wissen, ob, warum und wofür sie Väter ansprechen wollen. Wenn die Mutter zum Anmeldegespräch kommt, will die Erzieherin wissen, was bietet das Elternhaus, wo können wir kooperieren, was hält das Elternhaus von den Zielkonzepten und Methoden der Einrichtung? Wenn da der Vater fehlt wird ihm signalisiert, dass er nicht dazugehört. Wer die Aufnahme durchführt, sollte darauf achten, dass der Vater beim Anmeldegespräch und beim Rundgang durch den Kindergarten, der ja später Arbeitsplatz des Kindes sein wird, dabei ist. Die Erzieherin muss auch wissen, was frage ich den Vater? Wo und wie sorge ich dafür, dass er einen Redeanteil bekommt? Nicht um ihn bloßzustellen, sondern um ihm zu zeigen, dass er etwas von dem Kind weiß, was die Einrichtung braucht. Eingangsfragen könnten sein: Worauf sind sie stolz bei ihrem Kind? Oder: Was glauben sie, wann erlebt das Kind den Kindergarten positiv?

Väter sind Kunden der Einrichtung

Müssen Elternarbeit und Erziehungspartnerschaft jetzt neu gedacht werden?
Erziehungspartnerschaft wächst mit der Entwicklung der Familie, die Erziehung leistet. Der Mann wird Vater durch die Information, dass seine Partnerin schwanger ist. Eine gute Tageseinrichtung will frühzeitig den werdenden Vätern Interesse entgegenbringen, kann sich vom Kindergarten zum Familienzentrum entwickeln. Dazu gehört, dass die Geburtsvorbereitung im Sozialraum vor Ort stattfindet und nicht in einer zentralen Entbindungsklinik. Der Vater möchte die anderen Väter im Viertel, die eine schwangere Partnerin haben, kennenlernen. Wenn anschließend Säuglingskurse angeboten werden, sollte man versuchen, Vater-Kind-Gruppen, PEKIP-Gruppen oder Krabbelgruppen für die Väter anzubieten. Es kann allerdings mehrere Jahre dauern, bis ein solches ständiges Angebot akzeptiert wird. Dennoch: Das ist gute Werbung für den Kindergarten und ich denke, eine Einrichtung, die früh damit anfängt, Väter wahrzunehmen, hat Wettbewerbsvorteile. Man kann auch auf Sommerfesten Väter ansprechen, die einen Kinderwagen vor sich her schieben, sie fragen, ob sie in der Gegend wohnen und wann sie ihr Kind anmelden wollen. Die Konkurrenz um Kinder wird steigen, Kindergärten müssen professioneller werden, was die Qualität im Umgang mit Kunden angeht - also auch mit den Vätern.

Väter und Erzieher - Rivalen?


Wenn mehr Väter im Kindergarten sind, wie wirkt sich das auf die Alltagsarbeit der Erzieherinnen aus?
Mit Müttern ist der Umgangston für die Erzieherinnen viel vertrauter. Sind Männer in der Einrichtung, sei es als Hospitant oder als Elternvertreter, müssen die Erzieherinnen sich über ihr Konzept von Männlichkeit klar werden. Sie könnten sich z.B. fragen, wo sie Qualitäten oder Defizite bei Männern sehen. Sie sollten lernen, mit Männern anders umzugehen als mit den Jungen in der Bauecke, die mal etwas zu laut werden. Sie können Stärken bei allen Vätern entdecken, ihnen signalisieren, dass sie erwünscht sind und einen wichtigen Beitrag zur Erziehung leisten - einen, den Frauen nicht oder anders leisten können. Väter wollen aktiv eingebunden werden; das kann der Grill beim Sommerfest sein, Väter wollen aber auch einen Turnkurs anbieten, einen Sing-, Spiel- oder einen Holz-Bastelnachmittag. Interessant, wenn es nicht typisch männlich ist, denn damit wird anderen Männern signalisiert: In der Kindererziehung sind Qualitäten gefragt, an die ihr vielleicht noch gar nicht gedacht habt.
Entstehen nicht schnell Konkurrenzsituationen zwischen dem Vater und dem männlichen Erzieher?
Ich glaube, dass weniger Rivalität um die Aufmerksamkeit und den besten Umgang mit dem Kind entsteht, sondern dass ein Lernen am Modell stattfindet. Der Erzieher sieht, wie der Vater sein Kind begrüßt, wie er sich verabschiedet, wie er es in den nächsten Abschnitt des Tages überleitet. Der Vater sieht, dass ein Erzieher sein Kind freundlich behandelt, obwohl es vielleicht gerade eine Tasse Kakao umgeschüttet hat. Von dieser Wertschätzung, von dieser Art des fairen und wohlwollend distanzierten Umgangs mit dem Kind nimmt er etwas mit nach Hause. Ein Vater fühlt sich in seiner Rolle als Mann ent-anonymisiert. Er fühlt sich erkannt, allein durch den Blick eines männlichen Erziehers. So entsteht eine Kommunikation, die den Vätern hilft, ein wenig pädagogische Distanz zu entwickeln. Denn die ist notwendig, um den Kindern genügend Spielraum zu geben, gelassener mit Erziehungsschwierigkeiten zu Hause umzugehen, weniger Gewalt anzuwenden, mehr auszudiskutieren und dem Kind zuzuhören. Da kann ein Erzieher Vorbild sein und weniger Konkurrent des Vaters.

Was haben die Jungen und Mädchen davon, wenn mehr Väter im Kindergarten anwesend sind?
Kinder haben das Recht täglich Männern in der Einrichtung zu begegnen. Jungen und Mädchen haben so die Chance, den Stereotypen, die mit männlich und weiblich verknüpft sind und dem typischen Verhältnis von männlich zu weiblich, nicht einfach aufzusitzen. Sie erleben, wie ein Vater/(Erzieher) mit einer Erzieherin umgeht, wie sie Konflikte lösen, dass das nicht mit Dominanz, Gewalt und Unterwerfung geht, sondern durch Aushandeln - und dass es manchmal lange dauert. So werden sie die Illusion los, Väter seien immer Täter und Macher, Frauen seien immer Vermittlerin, nachgiebig und anschmiegsam. Da können kleine Menschen lernen, es gibt Männer, die sehr verständnisvoll und rücksichtsvoll sind, die nicht nur auf Gehorsam aus sind und auf die Anerkennung ihrer Position pochen, sondern die durchaus maskuline Qualitäten haben - aber andere, alltagstauglichere als in Werbung und Filmen demonstriert werden.

Ist es besonders schwer, auf ausländische Väter zuzugehen?
Beispielsweise in Köln haben 56% der unter 18-jährigen einen Migrationshintergrund. Da ist es gut, das Spezifische des Konzeptes der Kita in vielen Sprachen schriftlich zur Verfügung zu haben. Wichtig sind auch Paten aus der Herkunftskultur der Eltern. Die können zeigen, es ist machbar, sich sowohl der einen als auch der anderen Kultur zu verpflichten. Es geht nicht darum, dass die Minderheit sich an die Mehrheit anpasst, sondern dass man die Chancen erkennt, die in der Vielfalt der Hintergründe liegt und den Dialog führt. Im Kindergarten kann man zum Beispiel zusammen mit allen Vätern kochen und landestypische Gerichte auftischen. Oder Märchen aus der Heimat vorlesen und erzählen. So zeigt man den Vätern, dass sie nicht allein sind, und kommt ins Gespräch.

Die Fragen stellte Ralf Ruhl

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