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Papa, wann sind wir da?

Paul (4) durchquert mit seinem Vater per Motorrad Deutschland
Bild: Jörg Künstle, Markus Schmidt

Das Abenteuer des vierjährigen Paul, der mit seinem Vater per Motorrad Deutschland durchquert. Eine Roadstory.
Es ist 14 Uhr an ein Montagnachmittag im August. Der Himmel sieht aus, als sei er vom Grund eines Flusses herauf gespült worden. In die schwüle Hitze der letzten Tage schiebt sich zitroniger Regengeruch. Pauls Kopf wankt zwischen meinen Armen, nur zögerlich antwortet er auf meine Fragen. Sein Helm schlägt leicht auf den Lenker, ich lenke sofort rechts ran. Mein Traum vom grenzenlosen Abenteuer, wie es nur Vater und Sohn erleben können, scheint zu zerplatzen wie eine Seifenblase. Vier Stunden sind wir jetzt unterwegs, haben sechs Pausen gemacht, gerade mal 50 Kilometer abgespult. Und nun ist er während der Fahrt fast eingeschlafen.

„He, Paul, alles klar? Geht’s dir gut?“
„Bin müde“ kommt es schleppend aus der Gegensprechanlage, „und hab‘ Hunger.“
Ich steuere die nächste Hofeinfahrt an. Vor einer Schlosserei steht ein Arbeiter. Schwarze, schwielige Hände, blaue Latzhose, Schnürstiefel. Er schaut wie die meisten Menschen, denen wir in den letzten Stunden begegnet sind. Erstaunt und neugierig.
Wenn wir in diesem Tempo vorankommen, brauchen wir zehn Tage.

„Hallo, wir suchen eine Bank zum Sitzen, am besten überdacht, es wird bestimmt gleich regnen.“
„Na, wen haben wir denn da? Bist du nicht zu klein zum Motorradfahren?“
Wieder einmal weiß ich nicht wer gemeint ist, bin schließlich auch nur 1,67 Meter. Wir grinsen. Metallbauer Thomas Frühwirth leitet einen Vier-Mann-Betrieb, er hat zwei Kinder in Pauls Alter und bittet uns in seine Halle. Reicht uns Saft, Kaffee, Äpfel und einen riesigen Schokoriegel, den wir teilen. Im Gegenzug beschreiben wir unsere Reise.

Die Idee zu diesem Trip kam mir im Frühjahr, als die Medien über einen Weltrekord berichteten: Ein kleines Honda-Motorrad hatte sich über 60 Millionen mal rund um die Erde verkauft und war nun auch in Deutschland zu haben. Diese kleine 125er mit dem Namen Innova kannte ich aus Asien. Sie ist wie kaum ein anderes motorisiertes Zweirad dafür prädestiniert, ein Kind zu transportieren. Die Maschine sollte unser Reisebegleiter werden. Ziel: Wir wollen bei meiner Mutter die beste Suppe der Welt essen und ein gemeinsames Wochenende verbringen. 437 Kilometer, rund vier Stunden Fahrt, sind es bis zu ihr über die Autobahn. Die scheidet jedoch aus - zu gefährlich. Wir werden ausschließlich Nebenstraßen befahren, haben dafür fünf Tage Zeit eingeplant.

„Sieht sehr professionell aus, wie ihr beide so da sitzt“, sagt Frühwirth, „runterfallen kann der Kleine jedenfalls nicht.“
Nein, kann er nicht. Paul sitzt bequem auf der Bank zwischen meinen Beinen und Armen, kann sich am Lenker abstützen, seine Füße ruhen sicher auf einer Plattform, die ich extra dafür angefertigt habe. Seitliches Wegrutschen unmöglich. Hinzu kommt, dass es ihm im Gegensatz zu Kindern, die hinter dem Fahrer sitzen würden und weiter nichts als dessen Rücken sehen, nicht langweilig wird.

„Ihr könnt hier schlafen“, offeriert Frühwirth, doch ich winke ab. Wenn wir in diesem Tempo vorankommen, brauchen wir zehn Tage. Auch Paul möchte weiter zur Oma, ist nun putzmunter, aufgeweckt und gestärkt. Fünf Minuten später sind wir wieder on the road. Ein Motorradfahrer kommt uns entgegen, grüßt. Ich erkläre Paul, dass Biker sich einander zuwinken. Keine Zehn Minuten später überholt uns ein anderes Motorrad.
„He“, ruft Paul, „der hat überhaupt nicht gegrüßt. Überhol ihn, dann schimpfen wir!“

Der Topspeed unserer Maschine liegt mit dickem Gepäck bei rund 80 km/h.
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Kommentare von Lesern:

 
Kai-Reginald, Oberasbach bei Nürnberg:
07.12.2013 19:20
Lieber Rolf (Also gut, Biker duzen sich)
Bin jetzt fast mit "Endstation Abfahrt" durch und habe - glaube ich- alle Berichte über Eure gemeinsamen Fahrten in den letzten Jahren in MOTORRAD gelesen. Warst Du nicht auch der, der auf der Autobahn in wenigen Stunden nach hause fährt (ich glaube, mit der Hayabusa)? Diesen Bericht habe ich sogar aufgehoben, weil er mir so gut gefallen hat, leider verlegt. Wenn Du sagen könntest, aus welchem Heft das war, würde ich diesen Artikel nachbestellen. Auch Eure Tour zur Nordsee (war es Ostsee?) war herrlich geschildert.
Bei einem Griechenlandurlaub haben wir Eltern je einen Roller gefahren, auf meinem stand vorne der Sohn mit ca.6 Jahren. Irgendwann ist er dann an meinen Rücken gelehnt im Sitzen eingeschlafen, meine Frau machte mich beim Parallelfahren darauf aufmerksam. Dieses Urvertrauen eines Kindes ist etwas Wunderbares.
Wir sind damals nicht schnell gefahren, allerdings ohne Schutzkleidung. Auf der anderen Seite stimmt wohl, was (ich glaube Jo Soppa) ein Motorradjournalist gesagt hat: In diesem Zusatand fährt man noch aufmerksamer und vorsichtiger. Und bevor ich mein Kind verrückt mache und traumatisiere, lasse ich ihm die Erinnerung daran, daß das gemeinsame Zweiradfahren einfach eine schöne, friedliche und entspannte Sache war. Noch heute, mit 23, steigt er mal bei mir mit auf und schwärmt, daß es nach einem Arbeitstag einfach den Kopf freibläst.
Ich freue mich auf weitere Berichte von Euch beiden und wünsche Euch alles Gute. Kai-Reginald
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Alex aus Jena:
06.09.2013 18:52
Sehr schöner Bericht Rolf.
Diese Reise hat nicht nur dein Leben bereichert.
Unser letztes Treffen ist bestimmt 15 Jahre her.
Deine Leidenschaft für das Reisen immer noch bemerkenswert. Alex
Carsten.Gorey,Irland:
29.12.2012 08:11
vielen lieben dank eine tolle geschichte
Lilli, Wolfsburg:
23.03.2012 07:04
Unser Sohn ist grad mal zwei Monate alt und ich bin dem Motorradfahren ansich schon sehr skeptisch, aber unter solchen Umständen wie der Vater sie hier getroffen hat, würde ich mir eine solche Reise (200km) für meine beiden Männer überlegen. Wirklich sehr rührend.
Kathi, Berlin:
22.03.2012 22:55
Da geht einem ja echt das Herz auf ....
Weiter so ...
p n schildt:
22.03.2012 08:54
das Abenteuer deines Lebens, obwohl du die Kontinente durchquert hast... wie wahr, wie wahr.
das ist eine richtig richtig gute Geschichte, die Freude macht zu lesen und mich mitfühlen lässt ! ich danke von herzen für den Mut es zu tun und darüber zu schreiben !
ich werde an euch denken, wenn ich mit meinem kurzen losfahren werde !
kurz
ich danke
für menschen wie sie !
patrick nilssen schildt
Jasmin, Solingen:
21.03.2012 20:25
Danke, dass Du deine Erlebnisse mit uns teilst. Schön, dass Du dich für das Vertrauen deiner Ex-Frau bedankst. Ohne ihre Erlaubnis, hättet ihr zwei nie solche schönen Momente erleben können.
Toni Bammer, Lenggries:
21.03.2012 19:36
Superschöner Bericht! Danke dafür! Ich wünsch euch allzeit gute Fahrt!
Nicole - Mühlenbeck:
21.03.2012 13:37
Hoffe ihr habt seitdem noch mehr Touren unternommen!
Danke fürs niederschreiben!!;-)
GilmoreGirl:
05.02.2012 18:53
...und wir albernen Frauen denken immer, keiner könnte sein Kind so sehr lieben wie eine Mama. Nach dem Lesen deines Textes bin ich da nicht mehr ganz so sicher.
Marc:
24.10.2010 19:04
Toller Reisebericht. Hat mir wirklich gefallen.
Ich hoffe selbst mal so ein Erlebnis mit meinem Sohn zu haben und wünsche noch eine gute Zeit!!
Florian,:
23.07.2010 18:43
Ich habe immer noch Gäsnehaut...und beneide Euch beide sehr um das Erlebnis.

Ich lebe in gleicher Trennung, habe aber leider nicht die Möglichkeiten, eine vergleichbare Erfahrung mit meinem Sohn (6) zu machen. Schade.

Alex:
23.07.2010 16:57
super Bericht!
Dennis Lepahn:
13.07.2010 22:07
Hallo,
hast du einen kindersitz oder wie funktioniert das mit dem Festhalten deines sohnes ?

Gruß dennis

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Der Autor

Rolf Henniges und Sohn Paul
Bild: privat

Rolf Henniges, 44, arbeitet für die Fachzeitschrift MOTORRAD. So ist es kaum verwunderlich, dass sein Sohn Paul, schon früh mit dem Thema Zweirad Kontakt bekam. Zu diversen Vorbereitungen für die hier von ihm beschriebene Tour zählten auch Tagestouren, die Vater und Sohn vor Reisebeginn unternahmen, um zu prüfen, ob sie sich gemeinsam auf den weiten Weg machen können.

Das Fahrzeug

Die Honda ANF 125 Innova zählt zur Familie der Honda Cub (steht für Cheap Urban Bike) und wird derzeit in 160 Ländern der Erde verkauft. Mit über 60 Millionen Exemplaren seit 1958 ist sie weit vor dem VW Käfer das meistverkaufte Motorfahrzeug der Welt. Und zudem eins der günstigsten: Neupreis 1850 Euro, Verbrauch nur 1,7 Liter Normalbenzin auf 100 Kilometer.

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