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Königskinder oder Die gedrängte Liebe

Familienleben nur am Wochenende
Bild: fotolia - Aaron Kohr

Wenn der Mobilitätszwang Familienleben nur am Wochenende ermöglicht



Morgens um Viertel nach Fünf schleiche ich mich aus dem Haus. Jeden Montag, denn ich muss den ersten ICE nach Süden erwischen. Vorher habe ich noch einen Zettel mit Herzchen und Kuss für meine Frau geschrieben, Tims Frühstückstasche für den Kindergarten gepackt und ihm ein Bild mit einem lustigen Gesicht hineingesteckt.
Wenn ich ihm am Sonntag Abend sage, dass ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit fahre, dauert die Gute-Nacht-Geschichte besonders lange. Gut vier Stunden Fahrt liegen vor mir. Und dann beginnt der Arbeitstag. Ich habe es mir nicht ausgesucht, die Firma verlegte ihren Sitz und ich stand vor der Alternative: pendeln oder arbeitslos.

Wenn ich am Montag früh einen wichtigen Termin habe, herrscht am Wochenende zu Hause eine merkwürdige Stimmung, mal gedrückt, mal gehetzt. Samstag früh auf den Markt, einkaufen, kochen, mit Tim etwas unternehmen, wichtige Dinge der Woche vorplanen - ich habe das Gefühl, alles muss schnell gehen, kann mir nicht richtig Zeit nehmen, mich nicht richtig einlassen. Denn der Zug geht schon Sonntag Nachmittag. Da wird die Brust schwer. Tim drücke ich lange auf dem Bahnsteig, ansonsten war ich in Abschied nehmen noch nie gut. Für meine Frau finde ich nicht die richtigen Worte. Einmal habe ich in der Nacht vorher aufgeschrieben, was ich sagen wollte, damit sie es ernst nimmt und versteht. Das hat etwas besser geklappt, aber ich glaube, da muss ich noch viel üben.

Partnerschaft per Telefon

Wir telefonieren mindestens einmal am Tag miteinander, in der Regel abends, wenn der Kleine im Bett ist. Er mag nicht mit Papa telefonieren, er rennt dann zur Tür und will, dass ich davor stehe. Nach dem zweiten Mal hat er von sich aus das Gespräch mit mir verweigert. Ich frage zuerst nach ihm, wie sein Tag war. Dann ist meine Frau sauer, weil sie das wichtigste in meinem Leben sein will. Da hilft auch kein „ich liebe dich“ und „ich vermisse dich“.

Diese Telefonate haben manchmal etwas unwirkliches. Sie erzählt vom Pizza-Teig, der nicht gut aufgegangen ist, von dem Flieger, den sie für Tim gefaltet hat, von einem Patienten, der vor lauter Angst vor dem Zahnarztbohrer die Praxis ihres Chefs verlassen hat. Und ich vom Tag im Büro, von Gesprächen mit Kollegen, von neuen Projekten. Es hat etwas von Small-Talk, denn wir nehmen nicht mehr wirklich Teil am Leben des anderen.

Zum Beispiel kenne ich ihre neue Kollegin nicht. Früher hätte ich sie kennen gelernt, wenn ich meine Frau von der Arbeit abgeholt hätte oder bei einer Betriebsfeier mit Anhang. Und sie fragt nicht mehr nach neuen Projekten der Firma, in die ich involviert bin. Früher hätte ich es beschrieben und erklärt, jetzt ist sie mit ihrem Wochenalltag als allein Erziehende so belastet, dass da kein Raum bleibt, sich gedanklich damit zu beschäftigen. Das tut weh, das entfernt. Mit der Zeit verliere ich immer mehr das Gespür dafür, wo sie innerlich ist und was ihr wichtig ist. Aber diese Telefonate sind die einzige Chance, noch ein wenig mit dem Alltag des anderen verbunden zu sein.
Die Mutter als Stellvertreterin

Auch bei Tim, in seiner Welt, muss mich meine Frau vertreten. Seine Erzieherin lernte ich erst kennen, als ich Urlaub hatte und ihn vom Kindergarten abholen konnte. Bei Elternabenden und -nachmittagen, beim Sommerfest und beim Laternenumzug bin ich nicht da. Viele andere Väter sind dabei, da werden Fragen gestellt nach mir. Die muss sie beantworten. Auch wenn Tim fragt, wo ich bin, was ich mache, ob mir das Bild, das er gemalt hat, gefallen würde - da ist sie meine Stellvertreterin. Vor einem halben Jahr war das noch schwieriger, da hatte er noch nicht die zeitliche Vorstellung, wann ich wieder komme. Da hat sie ganz bewusst mit ihm Fotos von uns angeschaut und immer wieder von mir gesprochen, damit er das Gefühl hat, ich bin doch irgendwie dabei. So sind Tim und ich uns nicht fremd geworden. Das rechne ich ihr hoch an.

Highlights sind Briefe. Dann weiß ich, sie hat an mich gedacht, sich Zeit genommen, will mir wirklich etwas von sich mitteilen. Ich schreibe ja lieber Postkarten. Ein schönes Bild, ein freundlich-kecker Spruch, vielleicht sogar gereimt. Aber neulich war sie sauer, weil Tim schon mehr Postkarten von mir bekommen hat als sie. Mit lustigen Tierversen. Die fallen mir aber schneller ein als Romantisches vom Sonnenuntergang.

Ein paar Wochen lang war sie total eifersüchtig. Weil ich kurz erwähnt hatte, dass ich mit einer Kollegin im Kino war. Wie alt sie sei. Ob sie blond sei. Ob ich sie hübsch fände. Spätestens da hätte ich es merken müssen, aber ich muss gestehen, es hat mir auch gefallen, sie ein bisschen zappeln zu lassen. Die Quittung waren schlechte Stimmung und Kontrollanrufe. Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns in dieser Hinsicht wieder vertrauten.
Gemeinsamkeit zelebrieren, Auseinandersetzung vermeiden

Das war eine der wenigen Auseinandersetzungen. Die Wochenenden sind zu kurz und zu kostbar, um sich zu streiten. Das ist keine bewusste Entscheidung, das passiert einfach. Ausflüge führen in die nähere Umgebung, denn sie weiß, dass ich nicht auch noch das Wochenende fahrend verbringen möchte. Obwohl sie gerne mal wieder in den Zoo gehen würde oder im Mittelgebirge wandern. Ihre Freundinnen lädt sie nicht am Samstag zum Kaffee ein, ich setze mich nur bei wichtigen Spielen vor den Fernseher. Aber auch die Frage, ob Tim eine Spielzeugpistole haben darf, wird nicht mehr thematisiert, nicht die Sauberkeit im Haushalt, nicht, was wir vom Leben in den nächsten Jahren erwarten. Das klingt tolerant, entlastend - ist es aber nicht. Es ist nur ausgespart. Und damit drohend im Hintergrund.

Eher setzen wir uns zusammen, zelebrieren Gemeinsamkeit. Ich koche gefüllte Auberginen, wir schauen Filme mit Robert Redford oder Meg Ryan auf DVD, trinken einen Caipirinha, sind mit Tim am Fluss oder auf dem Spielplatz, versuchen, es uns gut gehen zu lassen. Manchmal wirkt das ein wenig bemüht - aber wann sollen wir sonst zusammen fröhlich sein?
Teil 1

Partnerschaft per Telefon

Die Mutter als Stellvertreterin

Gemeinsamkeit zelebrieren, Auseinandersetzung vermeiden

Teil 2

Gedrängte Liebe

Arbeitszeitverkürzung

Pendler besonders belastet

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Kommentare von Lesern:

 
Melanie, NRW:
07.08.2013 14:59
Genauso ist es bei uns. Alle leiden unter der Situation. Vor allem unser Dreijähriger Sohn wird nachts wach und weint, weil sein Papa nicht da ist. Am schlimmsten finde ich die schlauen Kommentare von Bekannten, die nicht in dieser Lage stecken. So von wegen stellt euch nicht so an, schließlich habt ihr keine lebensbedrohende Krankheit. Wir versuchen alle, das Beste daraus zu machen, aber die Sehnsucht und auch die Überlastung mit zwei Kindern und Job machen mir doch sehr zu schaffen. Leider ist keine Besserung in Sicht. Ich bin einfach nur traurig, denn so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt.
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Ursula, Wien:
08.06.2013 16:25
Das klingt alles so diszipliniert. Wir sind erst am Anfang. Wir wissen einfach nicht, was kommt. Gehen wir weg, werden wir in Asien wieder eine Familie. Oft streiten wir. Und es werden neue Personen wichtiger. Ist das okay oder gefährlich?
Marianne, 2 Kinder, Wien:
24.05.2011 20:14
Auch bei uns ist es so wie beschrieben - unser fünfjähriger Sohn leidet massiv. Ich bin auf der Suche nach "Fehlern", wie es in der Jobsituation meines Mannes so kommen konnte und bin zum Schluss gekommen, dass es in Führungspositionen leider häufig zu unvorhergesehenen Situationen dieser Art kommt; Leider findet man als ehemalige Führungskraft keine Referentenjobs, die ja frei wären.....aber da haben die Chefs zuviel Angst, dass ihnen der "Neue" Konkurrenz macht - also muss man sich anderorts umsehen; deshalb meine Bitte an euch Väter: Nehmt keine höherwertigen Führungsjobs an, damit ihr euren Kindern das erspart;
Tine 33 J. 2 Kinder, Augsburg:
31.03.2011 20:31
Als ich diesen Artikel gelesen habe, kamen mir die Tränen. So spielt sich auch unser Familienleben ab. Unter der Woche bin ich allein mit den Kindern (2J. und 5 J.), Er ist von Montag bis Freitag auswärts. Wir sehen uns am Wochenende und die Zeit vergeht viel zu schnell. Auch unsere Partnerschaft leidet, da wir durch die Kinder am Abend total geschafft sind. Es ist wirklich nicht einfach.

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Arbeitszeitverkürzung

Pendler besonders belastet

„Für Familien mit Kindern, in denen beide Partner berufstätig sind, ist eine Reduzierung der Mobilität auf das unbedingt Notwendige für den Erhalt stabiler und verlässlicher Familienstrukturen unzweifelhaft die beste aller Lösungen.“ Fazit von Dr. Antje Ducki, Universität Hamburg, in ihrer Studie über Pendler im Auswärtigen Amt
Laut Statistischem Bundesamt gibt es etwa 11,5 Millionen Pendler. Knapp 1,25 Millionen Fernpendler legten über 50 Kilometer zwischen Wohn- und Arbeitsort zurück. Fast 600000 haben am Arbeitsort einen zweiten Wohnsitz. Der Anteil der Pendler an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen lag bei ca. 32 Prozent, davon über 63 Prozent Männer, knapp 37 Prozent Frauen.

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