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"Für mich ist die Stillzeit eine Durststrecke"


Wann sollte die Mutter abstillen!Bild: ieniemieni@ephotocase.de

Wie lange soll das Kind gestillt werden? Und wer darf das entscheiden? Viele Väter sind erleichtert über die neuen Freiheiten, wenn ihr Nachwuchs nicht mehr nach der Mutterbrust weint.

Jedes Kind sollte mindestens ein halbes Jahr voll gestillt werden. Das empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, die nationale Stillkommission und auch viele Hebammen. Doch wer beschließt den Zeitpunkt des Abstillens, sei es mit einem halben Jahr, früher oder viel später. Die Entscheidung betrifft die Mutter, das Kind und natürlich auch den Vater. Wenn Mama nicht mehr will, ist es vorbei. Auch wenn das Kind nach festem Essen greift und die Brust ablehnt, ist die Stillzeit bald zu Ende. Doch wie kann sich der Vater bei dieser Entscheidung einbringen?

Ist Stillen reine Frauensache?


"Das Stillen ist eine biologische Synthese zwischen Mutter und Kind. Da haben Väter nichts zu sagen", meint Rabea. Ihr Freund Alex hat sich damit arrangiert. Aus Schüchternheit? Aus Faulheit? Aus Respekt von der Mutterrolle? "Ich habe mich einfach nicht getraut mich da einzumischen"; sagt Alex. "Stillen ist gut für das Kind. Das weiß doch heute jeder. Außerdem betrifft das Stillen Rabeas Körper. Darüber muss sie entscheiden."

Philipp ist anderer Meinung. Seine Frau Diana stillt bereits seid zwei Jahren. "Es geht mir richtig auf die Nerven. Ich kann meinen Sohn Noah noch immer nicht alleine zu Bett bringen, weil er nie gelernt hat ohne Brust einzuschlafen. Und nicht einmal, um für ein Wochenende ohne seine Mutter zu den Großeltern zu fahren, kann ich ihn mitnehmen. Ich freue mich auf den Tag, an dem Noah keine Muttermilch mehr trinkt."

Die Machtfrage in der Partnerschaft


Der väterliche Einsatz für eine nahe Beziehung zum Säugling lohnt sich. "Alle Entscheidungen die mit dem Stillen zu tun haben, gehen auch mich etwas an", erklärt Philipp. "Die Beziehung zwischen Vater und Kind wird schließlich auch in Zukunft von dieser ersten Zeit geprägt sein." Das ist richtig. Denn die etablierte Arbeitsteilung ändert sich nicht automatisch.
"Meine nahe Zeit mit meinem Kind kommt eben erst später", hält Alex dagegen. Er glaubt nicht daran, dass diese ersten Erfahrungen die Vater-Kind Beziehung der Zukunft vorherbestimmen werden. Irgendwann wird der Nachwuchs schon seinen Vater entdecken. Und dann steht Papa an erster Stelle.

Doch Philipp glaubt trotzdem, dass es wichtig ist in der Partnerschaft von Anfang an zu thematisieren, wer die Entscheidungen trifft. "Das Stillen darf nicht zur Machtfrage zwischen den Eltern werden. Nur weil es mit dem Körper meiner Frau zu tun hat, heißt das ja noch lange nicht, dass sie deshalb alles allein entscheiden darf."

Das optimale Abstillalter gibt es nicht.


Eine biologisch festgelegte Stilldauer oder eine klare Zeit für das Abstillen gibt es nicht. Die Vergleiche des Verhaltens von Säugetieren mit menschlichem Verhalten sind immer etwas dubios. Passt man die Daten der menschlichen Lebenszeit an, ergibt sich ein Abstillalter zwischen 2,5 und 7 Jahren. Die Kulturwissenschaftlerin Katherine Dettwyler vergleicht die Stillzeiten verschiedener Kulturen weltweit. Die häufigste Stilldauer der untersuchten Kulturen liegt bei knapp 3 Jahren, der frühste Zeitpunkt des Abstillens bei knapp einem Jahr.
Manche Stimmen befürchten Mangelerscheinungen, wird ein Kind sehr lange voll gestillt. Solange nur teilweise gestillt und andere Nahrung zugefüttert wird, gibt es nur wenige Argumente für die Festlegung einer maximalen Stilldauer. Weltgesundheitsorganisation und UNICEF empfehlen das Stillen über das zweite Lebensjahr hinaus. Allerdings orientiert sich diese Vorgabe an den Lebensverhältnissen in Entwicklungsländern, nicht an den Bedingungen der Industrieländer.

Wie lange werden Kinder in Deutschland gestillt? Dazu gibt es keine genauen Daten. Die einzige bundesweite Studie zu diesem Thema bezieht sich ausschließlich auf Klinikgeburten. Das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund kommt dabei zu dem Ergebnis, dass 90% der Mütter nach der Geburt mit dem Stillen beginnen. Nach vier Monaten stillt noch knapp die Hälfte der Mütter voll. Nach einem halben Jahr sind es noch 13%, die weiterhin voll stillen. Und nach einem Jahr geben ihren Kindern nur noch 13% der Mütter die Brust.

"Ich wünsche mir mehr Freiheiten mit meinem Kind."


Philipp und Diana haben die Entscheidung für eine längere Stillzeit gemeinsam getroffen. "Ich halte Muttermilch für die natürlichste Form der Nahrung. Und Diana hatte Lust auch länger als 6 Monate zu stillen. Wir haben darüber gesprochen noch bevor unser Kind geboren wurde. Aber damals wusste ich noch nicht, was das für den Vater bedeutet", erinnert sich Philipp. "Ich wünsche mir einfach mehr Freiheiten mit meinem Kind. Aber Diana hat noch Lust zu stillen. Wir haben uns darüber ausgetauscht und den Kompromiss gefunden, in den kommenden sechs Monaten abzustillen. Für mich ist das eine Durststrecke."
Alex hat diese Entscheidung vollkommen an seine Partnerin abgegeben. Doch auch er spürt die Nachteile dieser Situation: "Immer wenn die Kleine weint, kommt ihre Mutter dazu. Und meistens lässt sie sich nur an der Brust beruhigen. Dann bin ich uninteressant. Dafür fordert Rabea meine Unterstützung ein, wo es nur geht. Sie füttere schließlich schon unsere Tochter, heißt es dann. Küche und Abwasch sind solange meine Aufgabenbereiche. Außerdem ist Stillen bei uns der absolute Lustkiller. Selbst wenn wir beide sehr erregt sind: Nach dem Stillen läuft gar nichts mehr."

Die ganz besondere Zeit zu Zweit


Philipp und Diana sind sich beim Thema Stillen noch richtig in die Haare geraten. "Ich habe einfach darauf bestanden, dass auch ich meine ganz besondere Zeit mit Noah brauche. OK, du stillst. Aber ich bringe ab heute unser Kind ins Bett! Das war meine Idee. Und nach einem langen Gespräch ist Diana darauf eingegangen. Es war natürlich gar nicht leicht den Kleinen ins Bett zu bringen, wo er doch gewöhnt war dabei zu nuckeln. Aber er hat sich dann nach einigem Geschrei doch auch mit mir als Kuschelpartner arrangiert. Seitdem ist das Einschlafritual unsere ganz besondere Zeit zu Zweit."

Nils Hilliges

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