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Aktive Väter - kein Thema für Gewerkschaften?


Aktive Väter - kein Thema für Gewerkschaften? Bild: Soundboy / photocase.de

Einst stand der Familienernährer im Zentrum gewerkschaftlicher Forderungen. Eine zeitgemäße Strategie braucht ein Konzept, das die Wünsche und Bedürfnisse nach mehr Zeit für die Familie ernst nimmt.

Wann hat Papa Zeit für die Kinder?


"Nachmittags gehören Mutti und Vati mir" fordern zwei Kinder auf einem aktuellen Plakat der IG Metall. In Text und Bild erinnert das an die Kampagne "Samstags gehört Vati mir”: Unter diesem Motto kämpfte der DGB vor über 50 Jahren erfolgreich für das von Erwerbsarbeit freie Wochenende. Auf den neuen Motiven geht es jetzt um den freien Nachmittag, doch gebraucht werden die umgestalteten Werbeträger bisher kaum. Denn reduzierte Arbeitszeiten für die Eltern kleiner Kinder sind bei den Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie überhaupt kein Diskussionsgegenstand. So hat es der Vorstand der größten deutschen Einzelgewerkschaft beschlossen.

Gegen die Ökonomisierung des Lebens

2014 klang das noch ganz anders. Da erklärte IG Metall-Chef Detlef Wetzel die Arbeitszeitverkürzung zum künftigen "Megathema”. Der Kampf um Zeitsouveränität sei "eine Gegenbewegung zur totalen Ökonomisierung des Lebens”. Wetzel verwies auf die Ergebnisse einer internen Umfrage: Man habe begriffen, wie wichtig die Vereinbarkeit von Beruf und Familie den Mitgliedern sei. Den Vorschlag von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig einer staatlich unterstützten 32-Stunden-Woche bewertete der Gewerkschafter positiv. Er betonte zugleich, viele Beschäftigte könnten sich das ohne finanziellen Ausgleich nicht leisten. Die Tarifparteien müssten verhandeln, "wie diese Zeit bezahlt wird - über Details beraten wir gerne”.

Von Wetzels Ankündigung blieb wenig übrig. Mit drei Forderungen ging die IG Metall in die folgende Tarifrunde: mehr Geld, mehr Zeit für Weiterbildung, mehr Altersteilzeit. Ehrbare Ziele, nur von reduzierten Arbeitszeiten für Eltern war plötzlich keine Rede mehr. Das sei nicht vom Tisch, beeilte sich die Gewerkschaft zu betonen. Doch ein fader Nachgeschmack blieb: Das plötzliche Verschwinden des Themas erinnerte an alte Zeiten, als der männliche Ernährer das Maß aller Dinge war. Wenn die Arbeitnehmervertreter in der Vergangenheit über Lohnprozente, Eingruppierungen oder Extras für körperlich anstrengende Tätigkeiten verhandelten, hatten sie stets den Vater als Hauptverdiener im Blick. Das Einkommen des Mannes, so lautete das gewerkschaftliche Ziel seit dem 19. Jahrhundert, sollte ausreichen, Frau und Kinder zu versorgen. "Schafft Zustände, worin jeder herangereifte Mann ein Weib nehmen, eine durch Arbeit gesicherte Familie gründen kann” formulierte pathetisch 1866 ein Aufruf der deutschen Abteilung der Internationalen Arbeiterassoziation.

Der Ernährer der Familie - immer noch gewerkschaftliches Ideal


Dieses bürgerliche Ideal konnte die Gewerkschaftsbewegung lange nicht einmal ansatzweise verwirklichen. Anfangs mussten sogar die Kinder in den Fabriken mitschuften. Dass Frauen Geld verdienten und nicht zu Hause blieben, war im proletarischen Milieu stets schlichte Notwendigkeit. Erst der Wirtschaftsboom nach dem zweiten Weltkrieg eröffnete Paaren und Familien neue Möglichkeiten. "Die Frau des Stahlarbeiters braucht nicht zu arbeiten”, hieß es in nun stolz zum Beispiel im Ruhrgebiet. Männer und Väter betrachteten es als Symbol von finanzieller Potenz, ihren Partnerinnen die Erwerbsarbeit ersparen zu können. Die Gewerkschaften griffen diese Einstellung auf. Sie fixierten in den Tarifverträgen "Familienkomponenten”. Typisch für die Zusatzleistungen war, dass sie eigentlich nicht die Familien, sondern das männliche Versorgermodell stützten.

Solche Ernährerförderung hat an Bedeutung verloren. Als 2005 ein neuer Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst den früheren Bundesangestelltentarif ablöste, fielen die meisten Extras weg. Gewerkschaftliche Strategien kreisen heute nicht mehr ausschließlich um den Männerlohn. Doch wie die Ignoranz der IG Metall-Funktionäre gegenüber den eigenen Mitgliedern beim Thema Familienarbeitszeit zeigt, halten sich die alten Rollenbilder hartnäckig. Wieder mal gibt es "Wichtigeres” als das "Gedöns” in einer Organisation, deren zwei Millionen Mitglieder zu über 80 Prozent Männer sind. Der Medienwirbel, den die Äußerungen des IG Metall-Chefs auslösten, entpuppt sich im Rückblick als reine Imagekampagne, der keine mutigen Taten folgen. Die Nachmittage jedenfalls gehören auch künftig nicht Mutti und Vati, sondern dem Arbeitgeber.

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