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Moderne Väter - unmoderne Arbeitswelt


Moderne Väter – unmoderne ArbeitsweltBild: © eugenesergeev - Fotolia.com

Die neue Vätergeneration verändert Familie, Gesellschaft und Wirtschaft, behaupten immer wieder Wissenschaftler und Politikerinnen. Das Hauptproblem gehen sie jedoch nicht an: Kinder stören die Erwerbstätigkeit!

Kinderaufzucht dauert ein halbes Erwerbsleben


Die familien- und väterpolitische Debatte kreiste lange einseitig um das Thema Elternzeit und die Probleme junger Paare unmittelbar nach der Geburt. Kinder aufzuziehen dauert aber bekanntlich keine zwei Monate, sondern eher zwanzig Jahre. Vor allem an den Arbeitsplätzen von Vätern (und Müttern) entscheidet sich daher, ob Rollenexperimente möglich sind. Vor diesem Hintergrund ist es lobenswert, wenn sich die Hamburger Väter gGmbH in einer gut 80 Seiten starken "Trendstudie” damit beschäftigt, wie Väterlichkeit künftig zwischen Familie und Erwerbswelt gelebt werden kann.

Neue Väterlichkeit wird als "Win-Win-Situation” präsentiert. Das unterstellt Firmen ein profitables Eigeninteresse, wenn Mitarbeiter berufliche und persönliche Belange ins Gleichgewicht bringen können. Institute wie Prognos haben der "familienfreundlichen” Personalpolitik schon vor Jahren eine angebliche Rendite von bis zu 25 Prozent bescheinigt. Mit ökonomischen Argumenten sollten so zögerliche Manager überzeugt werden, dass es sich keineswegs um "Sozialklimbim” handelt. Die Argumentation ist gut gemeint, aber nicht besonders realistisch. Denn in der kurzfristig angelegten Logik der Betriebswirtschaft ist ein 14-Stunden-Workaholic - solange dieser nicht ernsthaft seine Gesundheit gefährdet - schlicht effektiver als ein familienorientierter Teilzeitarbeiter.

Männer ohne Maloche? Gibt es nicht!


Doppelbotschaften prägen seit Jahren die öffentliche Diskussion. Den politischen Sonntagsreden über die Bedeutung von Familien folgen Werktagsreden über die Notwendigkeit totaler Flexibilität im Betrieb. Jüngstes Beispiel: Gerade erst hatte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt gemeinsam mit Ministerin Kristina Schröder eine Erklärung zu "familienbewussten Arbeitszeiten” abgegeben - kurze Zeit später forderte er, die Dauer der Elternzeit zu reduzieren. Die Wirtschaft drängt angesichts des demografischem Wandels darauf, dass Mütter möglichst früh wieder in den Beruf einsteigen. Dass Väter ständig zur Verfügung stehen, maximal zwei "Papamonate” nehmen und danach keine Teilzeit arbeiten, versteht sich ohnehin von selbst.

Trotz aller engagierten Beraterrhetorik werden auch künftig private Wünsche und Verpflichtungen mit den Zwängen des Erwerbslebens kollidieren. Kinder (und pflegebedürftige Angehörige) dürfen im betrieblichen Kontext vor allem nicht stören, sie sollen weitgehend "unsichtbar” bleiben. Die smarten Bildinszenierungen "moderner” Väterlichkeit, die diese und viele andere Broschüren garnieren, können nicht verdecken, dass es kaum lösbare Konflikte zwischen unterschiedlichen Lebensbereichen und Wertsystemen gibt. Fast alle Berufe verlangen Beweglichkeit und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem; Kinder dagegen sind konservativ, sie suchen feste räumliche und personale Bindungen, wollen verlässliche Eltern und keine hochmobilen Arbeitnehmer, die fast nie zu Hause sind oder dauernd an einen anderen Ort umziehen. Erwerbsarbeit und Privatleben sind nicht beliebig "vereinbar”, sondern bestenfalls in persönlichen biografischen Kompromissen kombinierbar.

Arbeitswelt als Erziehungsinstrument


Richtig sind die Hinweise der Studie auf die wachsende Bedeutung von Loyalität zum Unternehmen angesichts des kommenden Fachkräftemangels. Eine langsam wachsende Minderheit auch der männlichen Mitarbeiter sucht einen alternativen Karriereweg. Luxushotels und schnelle Dienstwagen sind nicht mehr alles, Rücksichtnahme auf familiäre Verpflichtungen ist erwünscht. Daher ist Arbeitszeitverkürzung das zentrale Thema! In der Expertise taucht es aber nur am Rande auf, und das ist kein Zufall: Denn dabei geht es um die alten (und keineswegs verschwundenen) Interessengegensätze "zwischen Kapital und Arbeit”. Hier offenbart sich das Dilemma der Väterexperten, die Beratungsdienstleistungen für Firmen anbieten: Allzu radikal dürfen sie in Sachen Arbeitszeitreduzierung oder "Vollzeit light” nicht auftreten, schließlich sind sie auf betriebliche Aufträge angewiesen.

Oft gepriesen wird die Vielfalt der Väter bezüglich ihrer sozialen und kulturellen Ressourcen. Das Ausprobieren neuer Geschlechterrollen ist nach wie vor das Privileg von Menschen mit einer bestimmten Bildung und Gehaltsklasse. Die Detailauswertung der "Partnermonate”-Statistik belegt eine überdurchschnittliche Nutzung der Väterzeit in reichen Regionen und Universitätsstädten. Ebenso fehlt eine präzise Beschreibung des Wertekonflikts zwischen dem Interesse der Väter an einem ganzheitlichen Leben und dem Festhalten der Chefs am traditionellen männlichen Arbeitsethos. Die "Dinosaurier-Dads” in den Topetagen lehnen kürzere Arbeitszeiten eben nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen ab. Es geht stets auch um die Erziehung und Disziplinierung der nachwachsenden Generation, und zwar nicht nur in der Führungselite.

Der wirkliche Trend: Familienfeindliche 24-Stunden-Ökonomie


Selbstverständlich gibt es Unternehmen, die Eltern oder pflegenden Mitarbeitern entgegenkommen. Doch nur wenige Firmen haben bisher überzeugende Konzepte vorgelegt, die Mitarbeiter mit Fürsorgeaufgaben entlasten. Diese Vorzeigebeispiele prägen den Diskurs auf Fachtagungen, in Wettbewerben oder Zertifizierungsverfahren. So entsteht der falsche Eindruck, es handele sich um einen Megatrend. Davon weitgehend unberührt hält sich in vielen Unternehmen eine Betriebskultur, die durch lange Arbeitszeiten, Überstunden und wenig persönliche Zeitsouveränität geprägt ist. Die Flexibilisierung im Firmeninteresse deckt sich oft nicht mit den Wünschen der Beschäftigten. Der Trend zur "24-Stunden-Ökonomie” ist eher "familienfeindlich” und verhindert eine gelungene Balance.

Thomas Gesterkamp

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