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Konstruktionsspiel: Bauen fördert die Entwicklung


Kinder spielen - Konstruktionsspiele fördern EntwicklungBild: © Maria Sbytova-fotolia.com

Stapeln, stecken, bauen – Kinder konstruieren gerne. Im Konstruktionsspiel lernen sie, wie aus einer Idee Wirklichkeit wird – auch im Team. Und Väter sind dabei gern gesehene Spielpartner und Förderer!

Teamwork an der Großbaustelle


„Ich muss dir was zeigen, Papa!“ Max lässt seinem Vater nicht einmal die Zeit, seinen Mantel an die Garderobe zu hängen. Sofort zieht er ihn ins Kinderzimmer. Dschengis und Melanie, seine Freunde, sitzen mit glühenden Backen auf dem Bett. Den ganzen Nachmittag haben die Sechsjährigen damit verbracht, eine Kugelbahn vom Hochbett bis zum Boden zu bauen. Klar, dass Papa völlig begeistert ist.

„Völlig versunken waren sie“, erzählt Max Mutter. „Nicht einmal Kakao und Kuchen konnten sie aus dem Zimmer locken.“ Inzwischen lässt Papa die erste Kugel hinunter rollen, nur mit leichtem Anstoß. Max hat die Stoppuhr hervorgeholt. „18 Sekunden“, meint er, „ziemlich schwach.“ Was sofort zum nächsten Rollobjekt und einem etwas härteren Anstups führt. Wobei die Kugel aus der Bahn fällt. Die Kids feixen sich eins und Papa lacht: „Da habt ihr wirklich etwas Großartiges geschafft!“

Völlig versunken im Flow


Dieses freie, selbstbestimmte Spiel, bei dem alles andere „vergessen“ wird, nennt man „Flow“. „Im Flow bilden Organismus und Gehirn eine gesunde Einheit“, sagt Prof. Dr. André F. Zimpel, Psychologe und Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Erwachsene würden ihn vor allem beim Musizieren, Wandern oder auch beim Autofahren kennen. „Im Flow sein“, so Zimpel, „ist ein wenig anstrengend, aber überraschend gut.“ Glücksgefühle seien damit verbunden, Dopamin werde ausgeschüttet und das körpereigene Belohnungssystem aktiviert.

„Kinder suchen solche Zustände aktiv auf“, sagt Zimpel. Dabei lernen sie, Bedürfnisbefriedigung aufzuschieben. Gerade im gemeinsamen Spiel mit anderen über einen längeren Zeitraum hinweg. Denn schließlich wird so eine Kugelbahnbrücke nicht innerhalb weniger Minuten fertig. „Die Erwartung des positiven Gefühls weckt Vorfreude, schafft eine gute Arbeitsatmosphäre und führt zu guten Ergebnissen.“ Wer das als Kind lernt, hat als Erwachsener eine höhere Grundzufriedenheit, fühlt sich in seinen Partnerschaften wohler und übt im Beruf besser bezahlte Tätigkeiten aus, so das Ergebnis von Zimpels Forschungen.

Erstes Konstruieren im Krabbelalter


Vor diesem fantastischen Kugelbahn-Erfolg liegen jedoch lange Jahre spielerischen Aufbautrainings. Los geht es schon im Krabbelalter: Da werden erste Bauklötze aufeinander geschichtet, Dreiecke und Quader durch die richtigen Aussparungen in die Formenbox gesteckt, Murmeln über schiefe Ebenen geleitet oder Holzpflöcke durch vorgestanzte Löcher in Mini-Werkbänken gehämmert. Die Kinder beschäftigen sich mit dem Material, befühlen es, lernen ihre Hände zu gebrauchen – und stecken immer wieder auch Teile in den Mund. Daher ist es äußerst wichtig, auf giftfreie Materialien und Farben zu achten!

„Kinder arbeiten schon im frühen Alter sehr zielgerichtet“, sagt Prof. Zimpel. „Sie nehmen Gegenstände in den Mund oder klopfen damit auf den Tisch.“ In den „Als-ob-Spielen“ werden dann in höherem Alter aus Stöcken Schwerter oder es werden Landschaften für die Dinosaurier-Figuren gebaut. „Kinder konstruieren immer, sie konstruieren sich ihre Welt. Eine bestimmte Phase dafür gibt es nicht.“

Von der Vorstellung zum konkreten Objekt


Dabei arbeiten sie altersentsprechend auch im Team. Etwa im Alter von drei Jahren beginnen sie, nicht mehr nur mit dem gleichen Spielzeug nebeneinander zu spielen, sondern sich aufeinander zu beziehen. Dann werden auch gemeinsame Projekte – wie eben die Kugelbahn – in Angriff genommen. Das erfordert eine konkrete Vorstellung, wie das Objekt aussehen soll. Die hat natürlich jedes einzelne Kind – und die können sehr unterschiedlich sein.

Diese verschiedenen Vorstellungen auf ein Objekt zu zentrieren braucht Kommunikation. Ebenso Planung, Zeit, Energie, die Beschaffung des notwendigen Materials. „So können auch Projekte in Angriff genommen werden, die mehrere Tage dauern“, erklärt Zimpel, „aber erst im fortgeschrittenen Kindergartenalter.“ Dann ist echtes Teamwork möglich – und nötig.

Vom Einzelteil zum Ganzen


Aber schon die Zweijährigen lernen, dass auf ein großes Teil ein kleines gesetzt werden kann, ohne dass es herunter fällt. Umgekehrt ist das deutlich schwieriger. Versuch und Irrtum sind die übliche Wahl der Kleinkinder. Und beim 34sten Versuch klappt es dann! Etwa mit drei Jahren haben sie die elementaren Grundlagen der Bauphysik verstanden: Schwere und große Teile gehören nach unten, sie bilden das Fundament. Die kleineren und leichteren Teile können darauf gesetzt werden. Das funktioniert mit Klötzen in der Bauecke, aber auch mit Steinen und Stöcken im Garten oder in der Sandkiste.

Das freie Konstruieren mit einfachen verfügbaren Materialien ist jedoch auf dem Rückzug. Auch Kästen mit Grundbausteinen, aus denen sich alle nur denkbaren Häuser und Luftschlösser bauen lassen, werden immer seltener. In den Kinderzimmern stapeln sich stattdessen große Schachteln mit Plastikbauteilen, aus denen sich nur ganz speziell eine Rakete oder ein Rennwagen bauen lässt. „Diese Kästen sind ausschließlich in Hinblick auf ein vorgefertigtes Produkt zusammengestellt. Das engt die Fantasie und die Eigeninitiative stark ein“, kritisiert Professor Ludwig Duncker, Erziehungswissenschaftler an der Universität Gießen. Grundsätzlich hat er daher eher eine Vorliebe für Systembaukästen. „Da werden verschiedene Elemente miteinander verknüpft, in der Regel mit Schrauben und Muttern. Die sind variabel, passen aber immer wieder zusammen.“ Wer zum Beispiel mit einem Metallbaukasten einen Kran bauen will muss immer wieder neu schauen, ob die Länge der Platten zueinander passt. Auch die notwendigen Abstände müssen jedes Mal ausgetestet werden. „Nebenbei kommt auch noch etwas Schönes dabei heraus“, so Duncker. „Die Ästhetik wird mitgelernt.“

Ralf Ruhl

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