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Vater, Sohn und Carrera-Bahn


Vater, Sohn und Carrera-BahnBild: Oskar02 - photocase.com

Lieblingsspielzeug von früher - wie spielen die Kinder heute damit? So, dass es auch dem Papa Spaß macht, ist die Erfahrung von Markus Schmid. Jedenfalls bei Carrera-Rennern und Eisenbahn.

Zugegeben, es war ein alter Kinderwunsch von mir. Aber ich habe auch an die Familie gedacht, als ich die Carrera-Bahn gekauft habe. Es stärkt sicher den Zusammenhalt zwischen den Generationen, redete ich mir ein, wenn sich Vater und Söhne mit den kleinen Rennautos spannende Zweikämpfe liefern. Doch meine acht- und zwölfjährigen Sprösslinge haben ganz andere Vorstellungen von Autorennen: Sie rasen am Limit durch die Steilwände und nehmen im Looping plötzlich das Gas weg, so dass die Plastikautos abstürzen. Mit etwas Glück landen diese nach einer halben Drehung wieder auf den Rädern, und dann geht es weiter mit Vollgas in die Haarnadelkurve. Dort wartet der eigentliche Höhepunkt, wenn die Minifahrzeuge wie Geschosse aus der Bahn fliegen und ein paar Meter weiter im Zimmer aufschlagen.

Spass für kleine Bruchpiloten

Ich dagegen nehme zivilisiert vor Kurven das Gas weg, zirkele vorsichtig durch die Steilwand, damit mein Wagen die Bodenhaftung nicht verliert, gebe Vollgas, um den Looping absturzfrei zu schaffen und mache auch einmal langsamer, um den gegnerischen Rennwagen an den Engstellen vorbeizulassen, damit ich möglichst viele Runden unbeschadet drehe. Natürlich habe ich versucht, den beiden Bruchpiloten das vorbildliche Fahren beizubringen. "Der Sinn des Spiels besteht darin, als Erster ins Ziel zu kommen", dozierte ich, "und nicht, am weitesten fliegen zu können." Schlagartig verloren sie jegliches Interesse. Und ich erinnerte mich an einen kleinen Jungen, dem mit ähnlichen Sprüchen der Spaß an der Modelleisenbahn ausgetrieben wurde.

Kinderuntaugliche Hightech-Spielwiese


Denn als ich im Alter meiner Söhne war, hatte ich eine wunderschöne Eisenbahn. Eine große Anlage, auf der Dampfloks durch eine idyllische Landschaft mit Ritterburg rauschten oder am gemütlichen Dorfbahnhof Station machten, während aus der Wirtschaft die Zecher torkelten und sich eine Bikini-Schönheit am Pool der modernen Villa räkelte. Gespielt habe ich damals allerdings selten mit meiner Eisenbahn. Denn wenn ich an Weihnachten neue Gleise, Waggons oder Modellbauten erhielt, verschwand mein Vater damit im Keller. Dort baute er, mit seiner Pfeife Qualmwolken wie eine Dampflok ausstossend, meine Eisenbahn zur kinderuntauglichen Hightech-Spielwiese mit raffinierten Streckenführungen aus. Wollte ich dann an die Trafos, musste ich erst einen ausführlichen Vortrag über die tollen Neuerungen über mich ergehen lassen. Weshalb ich bald die Lust an meiner Eisenbahn verlor.

Dampflok gegen Monstertruck


Irgendwann haben meine Söhne die Kartons entdeckt, in denen die alte Eisenbahn verpackt war. Sie haben die Gleise zu völlig irrwitzigen Strecken zusammengesteckt, auf denen sie ausprobieren, wie schnell ein Zug fahren kann, ohne zu entgleisen. Die 60-Jahre-Villa steht neben einem Bauernhof, der Pool dient als Viehtränke, und über den stolzen Burghügel fahren schreiend bunt bemalte Monstertrucks. Es ist alles andere als eine idyllische Modelleisenbahnwelt. Aber meine Sprösslinge haben viel Spass.
Also lasse ich sie machen, genauso wie ich sie an der Carrerabahn austoben lasse, auch wenn ihren Crash-Cars inzwischen Windschutzscheibe und Spoiler fehlen. Ich bin überzeugt, dass sie später trotzdem keine Verkehrsrowdies werden. Statt mich über die demolierten Autos zu ärgern, habe ich mir meinen eigenen, unfallfreien Porsche gekauft. Manchmal lassen sich meine Söhne sogar dazu herab, mit mir ein Rennen zu fahren. Dann werden aus den Bruchpiloten plötzlich geschickte Fahrer, die mir mit ihren Schrottkisten lässig Runde um Runde abnehmen.

Markus Schmid

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