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„Väter, kommt heraus aus der Opferrolle!“ – Wie Väter nach der Trennung Selbstbewusstsein stärken


Nach Trennung Selbstbewusstsein stärkenBild: john-lee@fotolia.com

Bei einer Trennung oder Scheidung fühlen sich Männer oft ohnmächtig, den Launen der Ex-Partnerin ausgeliefert. Marc Schulte, Sozialpädagoge im Väterzentrum Berlin, hilft ihnen, selbstbewusst aufzutreten und ihre neue Rolle als getrennt erziehender Vater verantwortlich wahrzunehmen. Im Interview mit Ralf Ruhl erzählt er, wie dies gelingen kann.

Die Dominanz der Mütter


Väterzeit: Im Väterzentrum Berlin habt ihr viel mit dem Thema Trennung und Scheidung zu tun. Mit welchen Fragen kommen die Väter zu euch?
Marc Schulte: Die meisten Väter wollen mehr Kontakt zu ihrem Kind. Die Paarebene ist gescheitert, jetzt muss die Elternebene neu gemeistert werden. Väter wünschen sich oft das Wechselmodell, die Mutter will das vielleicht zunächst nicht. Dann kommt erschwerend hinzu, dass sie oft nicht mehr miteinander reden können. Viele beklagen die hohe Dominanz der Ex-Partnerin, z.B. dass sie vorschreiben will, wie die Erziehung auszusehen hat, oder dass sie wegziehen will und den Kontakt erschwert, sogar bis hin zum Vorwurf, dass sie den Vater „vernichten“ will. Das bezieht sich meist auf die materielle Situation. Es kommt in diesem Kontext aber auch zum Vorwurf von sexuellem Missbrauch, allerdings glücklicherweise selten.

Väterzeit: Wie kann man Druck aus dem Kessel nehmen, wenn die Eltern nicht mehr miteinander reden können?
Schulte: Der Mann braucht viel Raum, um seine Geschichte zu erzählen. Ich höre zu, bewerte nicht, schaue, was alles funktioniert. In Konflikten fokussiert sich die Wahrnehmung oft auf das, was nicht gelingt. Ich weise darauf hin, dass z.B. die Abholsituation klappt, dass man sich nicht nur anschreit. Wenn ein Mann es als total ungerecht empfindet, dass er das Kind an drei Tagen sieht und die Mutter an vier, dann schauen wir zunächst, was er alles hat – ohne seine Haltung infrage zu stellen. Dass er das, was die Beiden dort schaffen, auch wertschätzen kann. Spannend ist es, wenn dieser Mann in unserem Gruppenprogramm „Väter nach Trennung“ auf Männer trifft, die seit Monaten ihre Kinder nicht mehr gesehen haben. Dieser Perspektivwechsel bringt oft Einsichten, Gelassenheit oder führt zu einer anderen Haltung.

Väterzeit: Wie kann Veränderung gelingen?
Schulte: Viele Männer empfinden sich als ausgeliefert und machtlos. Mir geht es darum, aus dieser Opferrolle auszusteigen, sich wieder als tatkräftig zu erleben. Ein Ziel ist, die Mutter auch wieder wertzuschätzen, wenn es auch nur ist, dass sie dem Kind das Leben geschenkt hat, sie die Tasche am Wochenende für das Kind packt oder es pünktlich zur Schule bringt. Wertschätzung ist aber immer der Schlüssel zum gemeinsamen Gespräch, zur Klärung und zur Veränderung. Es geht darum, die Elternebene neu zu denken und zu gestalten – ohne sich in den alten Paarkonflikten immer wieder zu verstricken. Das ist der wichtigste Schritt, um wirklich Verantwortung zu übernehmen.

Die Perspektive wechseln


Väterzeit: Wie können Männer aus dieser Ohnmachtsposition herauskommen und wieder Selbstbewusstsein erlangen?
Schulte: Viele Männer haben den Eindruck, sie haben sich zu viel gefallen lassen, dann wollen sie eine Grenze zeigen und auf den Putz hauen. Tragischerweise passiert das oft dann, wenn die Ex-Partnerin Bereitschaft signalisiert. Die Wut der Väter ist o.k. – aber sie sollten sie besser an einem anderen Ort rauslassen. An dieser Stelle schneiden sie sich ins eigene Fleisch.

Im Konflikt gibt es nicht nur die Möglichkeit, zu kapitulieren oder zu kämpfen. Ein Perspektivwechsel, das Geschehen aus der Sicht der Mutter und des Kindes zu betrachten oder aus einer Außensicht, ist sehr hilfreich. Auch geben viele Männer schnell klein bei. Sie sagen: „Vor drei Monaten habe ich doch schon mitgeteilt, dass ich das Wechselmodell will“ – das reicht nicht. Es muss immer wieder wiederholt werden. Vor allem muss aus der Perspektive des Kindes argumentiert werden. In ruhigem, sachlichen Ton und mit aktuellem Bezug.

Väterzeit: Trennung ist ja für alle eine neue Situation...
Schulte: Wer arbeitsabwesend war und keine verlässliche Beziehung zum Kind aufbauen konnte, hat es schwerer. Diese Väter müssen sich neu aufstellen. Für die Mutter kann das sehr irritierend sein. „Er hat sich doch früher nie darum gekümmert, wieso jetzt, der will doch was anderes“ – da muss man ruhig bleiben, klar sagen worum es geht. Hier unterstützen wir die Männer, aus der defensiven Haltung herauszukommen und der Frau klar gegenüberzutreten. Denn oft sind sie sprachlos, finden nicht die richtigen Worte. Das sind harte Prozesse, die oft lange dauern, die aber lohnend sind, denn es geht um die Beziehung zum Kind. Dazu gehört auch zu zeigen, was der Mann in der Familie alles geleistet hat. Häufig ist die Beteiligung des Vaters indirekt und daher nicht so deutlich zu sehen. Da ist Erwerbsarbeit, damit die Kinder eine gute Bildung bekommen, aber auch zum Beispiel Fahrdienste und der Elternbeirat in der Schule. Nach der Trennung ist die Beziehung zum Kind direkter, das ist für diese Väter Neuland – und auch für die Mutter. Wenn bisher auf der Elternebene keine Augenhöhe vorhanden war, kann sie nicht von jetzt auf gleich hergestellt werden. Wer in Elternzeit war, hat da Vorteile. Denn in der Elternzeit können Väter eine eigene Bindung zum Kind aufbauen. Da sieht die Mutter sie auch in der direkten Aktion mit dem Kind. Die Wahrscheinlichkeit für ein paritätisches Wechselmodell nach der Trennung ist so deutlich höher.

Ein neues Leitbild der Vaterschaft entwickeln


Väterzeit: Was sollten Väter auf keinen Fall tun?
Schulte: Meist zieht der Mann aus der Wohnung aus. Wenn er dann zu Besuch kommt, verhält er sich so, als würde er noch dort wohnen. Das stößt die Mutter vor den Kopf. Ungünstig ist auch der Wochenendpapa, der die Zeit mit dem Kind zum Event zu machen versucht – da wird die Ausnahme zur Regel. Auch das Aushorchen der Kinder nach dem Beziehungsstatus der Mutter ist ein „No-Go“, genauso wie das Schimpfen über sie.

Väterzeit: Was muss sich politisch ändern, um Trennungen ohne schwere Konflikte ablaufen zu lassen und den Kindern beide Eltern zu erhalten?
Schulte: Es geht darum, ein neues Leitbild zu entwickeln: Gemeinsam Getrennt Erziehen. Weg von dem Modell des allein-Erziehens und der Residenz als Regelfall, hin zur Doppelresidenz und gemeinsamen Verantwortung. Das muss nicht automatisch eine hälftige Aufteilung der Betreuungszeit bedeuten.

Auch die Unterhaltsfrage ist neu zu regeln. Die aktuelle Praxis orientiert sich nach wie vor an den traditionellen Rollen und bestraft Väter, die nach einer Trennung mehr als ein 14-Tage-Wochenendpapa sein wollen. Betreuungszeiten sollten z.B. steuerlich geltend gemacht werden und Unterhaltsansprüche sollten ab einem 30-prozentigen Erziehungsanteil berücksichtigt werden. Ebenso muss die Steuerfrage geklärt werden. Getrennte Väter werden in Steuerklasse 1 eingestuft. So werden sie doppelt bestraft, haben weniger Geld zur Verfügung und müssen davon Unterhalt aufbringen – das kann eigentlich nicht sein. Das ist eine Frage von Gerechtigkeit und der Anerkennung des Beitrags des Vaters zur Familie.

Interview: Ralf Ruhl

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