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Sex nach der Geburt - Nichts bleibt wie es war


Sex muss nach der Geburt neu justiert werden.Bild: Thomas_K@photocase.com

"Wann hast du nach der Geburt deines Kindes zum ersten Mal wieder mit deiner Frau geschlafen?" Diese Frage wird nur im engsten Freundeskreis gestellt und beantwortet. Die meisten Paare brauchen Wochen und Monate, um ihre Sexualität in der veränderten Situation neu kennenzulernen und sich sexuell wieder anzunähern. Ein sensibles Thema, das junge Eltern häufig vor Probleme und Ängste stellt. Hier findest du Tipps für den Geschlechtsverkehr in der ersten Zeit nach der Schwangerschaft und Tipps, wie Eltern sich in der Stillzeit in ihrer neuen Rolle und Beziehung zurechtfinden können.

Sex-Pause nach der Geburt


Bei den Männern, die ich gefragt habe, dauerte die sexuelle Pause zwischen ihnen und ihren Partnerinnen mindestes einige Monate. Manche hatten ein Jahr und länger keinen Sex. Mann und Frau haben nach der Geburt mitunter sehr unterschiedliche Wünsche und Ansprüche ihre Sexualität zu leben. Einige Partnerschaften in meinem Freundeskreis zerbrachen auch daran, dass die Partner in dieser Zeit schlecht oder überhaupt nicht über ihre Sexualität kommunizieren konnten.

Was bleibt ist eine schlichte und heilsame Einsicht: Es ist ganz normal, dass Sex nach der Geburt erst einmal neu, ungewohnt, schwierig ist.

Wenn die Sexualität als Kitt zwischen Mann und Frau nicht länger wie gewohnt funktioniert, ist der Austausch mit Worten umso wichtiger. Besonders wichtig ist der Austausch zwischen Vätern. Denn die sexuellen Bedürfnisse von Männern und Frauen sind nach der Geburt sehr unterschiedlich.

Eher Zärtlichkeit als Sex


Jede Frau wünscht sich Körperkontakt und Zärtlichkeiten in der Schwangerschaft und Baby-Zeit. Haut spüren, streicheln, Rückenmassage. Schmusen, schmusen, schmusen: Das ist angesagt. Uns Männern reicht das in der Regel nicht.

"Jahrelang hatten wir ganz regelmäßig leidenschaftlichen Sex. Plötzlich war alles anders. 8 Monate lang haben wir überhaupt nicht mehr miteinander geschlafen", so erinnert sich Wolfgang an die Geburt seines ersten Kindes, "beim zweiten Kind ging es schneller und ich war darauf vorbereitet."

Die Phase sexueller Enthaltsamkeit wird für Männer zur Durststrecke – und die kann Wochen, ein halbes Jahr oder sogar länger dauern. Beim ersten Kind trifft sie viele Männer unerwartet. "Niemals hätte ich geglaubt, dass wir so lang brauchen würden bis wir sexuell wieder zusammenfinden", berichtet Peter, dessen Tochter mittlerweile 2 Jahre alt ist, "in unserer Sexualität war nach der Geburt nichts wie vorher."

Frauen brauchen meist mehr Zeit


Männer verlieren mit der Geburt nicht unbedingt die Lust auf Sex. Doch Frauen brauchen mehr Zeit als Männer, bis sie nach Schwangerschaft und Geburt wieder Lust auf Sex mit dem Partner haben. Warum eigentlich?

"Meine Frau erklärte mir einmal dass sie sich so intensiv in Symbiose mit unserem Baby fühlte, dass sie schlichtweg kein Bedürfnis nach sexueller Vereinigung mit mir hatte. Der Körperkontakt mit unserem Baby und das Stillen waren für sie sehr befriedigend. Das änderte sich erst, seit sie unser Baby nicht mehr voll stillt", erzählt Jan mit seiner einjährigen Tochter auf dem Arm.

Die sogenannten Geburtsverletzungen der Frau sind nach wenigen Wochen verheilt. Rein anatomisch ist der Weg frei zum elterlichen Sex. - Wenn das so einfach wäre. Die Lebensumstände der Liebenden haben sich geändert. Es gibt zahlreiche Gründe, warum das mit dem Sex nach der Geburt nicht so einfach ist: Schlafmangel, Überanstrengung, 24 Stunden Säuglingspflege, das Kind ist immer mit dabei und sieht zu, Erinnerungen an den Geburtsvorgang, ... - um nur einige Gründe zu nennen.

Wie zeige ich meine Lust?


Die Erinnerungen an den Geburtsvorgang können den Vater oft noch Wochen danach in seiner Lust hemmen. Oft ist es jedoch die Gewohnheit, die einer wiedererwachenden Sexualität im Wege steht. So hat es Wolfgang erlebt: "Zuerst fiel es mir schwer, mich mit der Pause unserer aktiven Sexualität zufrieden zu geben. Als sie dann wieder Lust bekam, konnte ich kaum auf sie eingehen. Zu sehr hatte ich mich daran gewöhnt, mein sexuelles Verlangen in dieser besonderen Zeit nicht mit ihr zu teilen."

"Die ganzen Monate hatte ich Lust auf meine Frau. Als sie schließlich wieder zu mir kam, ging es einfach nicht", erklärt Peter. Das ist nicht selten. Ob es im Einzelfall dann Erektionsprobleme sind, ob der Orgasmus ausbleibt, ob es einfach nicht so schön ist wie früher oder ob dem Mann plötzlich die Lust vergeht: Nach monatelangem sexuellem Ausnahmezustand ist nichts wie früher.

Denn monatelang haben Männer gelernt, dass Schmusen besser ankommt als jede sexuelle Annäherung. Und dann sollen sie funktionieren? "Nachdem sie mich so oft zurückgewiesen hatte, konnte ich mir kaum vorstellen mich meiner Frau mit meiner Lust wieder zu zeigen", erinnert sich Jan.

Wolfgang bringt es auf den Punkt: "Ich hatte mich so lange zurückgehalten meine Frau mit meiner Lust zu überfallen. Nun war sie an der Reihe zu warten und mich zu unterstützen, bis ich wieder konnte."

Alles fühlt sich anders an


"Als unsere Tochter ein Jahr alt wurde, hatte ich mit meiner Frau neu gelernt, wie wir uns gegenseitig sexuell befriedigen können. Mit dem Mund mag ich sie bis heute nicht wieder verwöhnen", offenbart mir Jan, "irgendwie hindern mich meine Erinnerungen an die Geburt daran." Das Geburtserlebnis braucht auch bei Männern Zeit, um verarbeitet zu werden. Es hilft dabei, mit der Partnerin und mit anderen Männern über das Erlebte zu sprechen.

Die Scheide, das einst heilige weibliche Geschlechtsorgan, soll in der väterlichen Vorstellung schließlich nicht zum "großen schwarzen Loch" werden. Berührungsängste sind verständlich. Neben anderen körperlichen Veränderungen während und nach der Schwangerschaft (z.B. Wochenfluss) verändert sich auch die Vagina mit der Geburt und fühlt sich auch anders an.

Und auch die sexuellen Vorlieben der Partnerin sind vielleicht auf einmal ganz anders als gewohnt. Das kommt vor. "Als wir dann endlich wieder beide Lust hatten, war manches neu und ungewohnt. Meine Frau wollte, dass ich sie anders anfasse, als sie es früher mochte", berichtet Wolfgang, "uns half es damals, darüber zu sprechen."

Das erste Mal danach


Viele Paare erleben ihre erste Vereinigung nach der Geburt, als würden sie es zum ersten Mal zusammen tun. Das klingt romantisch. Doch Unsicherheit und Ängste sind mit im Gepäck. "Wir hatten gelernt uns zu genießen, uns gegenseitig Lust zu machen und uns zu befriedigen. Dann war alles anders. Nichts funktionierte wie früher." erzählt Peter. Darauf sollen Männer und Frauen vorbereitet sein: Das erste Mal ist meistens ein Reinfall. Das zu wissen, entschärft die Situation.

"Es hatte auch etwas Verbindendes, wie ahnungslos und unsicher wir beide in dieser Situation waren. Wir konnten darüber lachen und gemeinsam erforschen, was uns Spaß macht", erinnert sich Jan. Das klingt gut: Gemeinsam forschen und erkunden und auf neuen Wegen wieder zusammenfinden. Nicht selten berichten Paare, wie sie sich dabei noch besser kennengelernt haben und sich seit dem noch mehr genießen können.


Nils Hilliges

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