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Väter bei der Kaiserschnittgeburt


Väter bei der KaiserschnittgeburtBild: © Michael Schütze-fotolia.com

Bei fast jeder Geburt sind inzwischen die Väter dabei. Und zwar nicht nur, wenn das Kind auf natürlichem Wege zur Welt kommt. Auch bei Kaiserschnittgeburten spielen sie eine wichtige Rolle für das Wohlergehen von Mutter und Kind. Wir zeigen, wie Du auch nach einer Sectio durch Bonding die Bindung zu Deinem Kind festigen kannst.

„Eigentlich wollten wir eine natürliche Geburt“, erzählt Paul. „Aber bei der letzten Voruntersuchung hatte die Ärztin etwas von hohem Gewicht und möglicher Steißlage gemurmelt. Da gingen bei meiner Partnerin alle Alarmglocken an, sie hörte nur noch ‚Risiko’. Und entschied sich für einen Kaiserschnitt.“

Sicherheit zuerst


Für die Mutter ist die Sicherheit des Kindes das Wichtigste. Viele lassen deshalb bereits während der Schwangerschaft zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen machen, die nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Die übernimmt drei Ultraschalluntersuchungen, Blut- und Herztonmessungen in der Regel jedoch nicht. Nach einer wissenschaftlichen Studie der Bochumer Hochschule für Gesundheit nehmen jedoch fast alle Schwangeren zusätzliche Maßnahmen in Anspruch; der größte Teil der 1300 Befragten hatte fünf Ultraschalltests hinter sich. Die meisten hätten dies auf Anraten der Ärztin getan, so Studienautorin Rainhild Schäfer – obwohl auch durch Abtasten meist erkennbar wäre, ob es dem Kind gut geht.

Schäfer befürchtet, dass auf diese Weise Schwangerschaft immer mehr als etwas Krankhaftes gesehen wird. Dies schüre auch den Wunsch nach einem vermeintlich sicheren Kaiserschnitt. „Früher waren schwangere Frauen ‚guter Hoffnung’“, sagt die Hebamme Tatjana Nicin. Inzwischen gelten jedoch zwei Drittel als „Risikoschwangerschaften“, die Mutter ist zu dick oder zu dünn, zu jung oder zu alt, hat zu viel oder zu wenig Fruchtwasser – kaum eine Schwangerschaft entspricht den Standards der medizinischen Literatur. „Aus Geburtshilfe wurde Geburtsmedizin“, moniert Nicin, die als Leiterin des Pflegebereichs Geburtshilfe am Klinikum Hanau tätig ist.

Kostendruck der Kliniken


Der Kostendruck im Gesundheitswesen führe außerdem zu einer Konzentration auf Zentren, das mache auch vor der Geburtshilfe nicht halt. Immer mehr Kreißsääle würden geschlossen, Personal verringert, weniger Hebammen müssten mehr Geburten abdecken. Dr. Petra Kolip, Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Universität Bielefeld, sieht daher laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung vor allem die Klinikorganisation als Hauptursache für die hohe Kaiserschnittrate. Eine Sectio könne man terminieren, sodass die Schichtpläne besser eingehalten werden könnten, Wochenenden nicht so belastet seien und kein zusätzliches Personal benötigt werde.

Dabei gebe es nur wenige „echte“ Wunschkaiserschnitte, bei denen die Frau aus Angst vor der natürlichen Geburt oder wegen eines bestimmten Datums oder besserer Planbarkeit für ihren Arbeitgeber oder den ihres Partners im Sinn habe. Kolip schätzt sie auf etwa zwei Prozent. Tatjana Nicin sieht hingegen einen Trend, „alles zu machen, was ‚in’ ist.“ Wenn die Freundin oder Nachbarin einen Kaiserschnitt gemacht habe, würden viele Schwangere das ebenfalls wollen.

Väter von Anfang an einbeziehen


Aufklärung über Vorteile und Risiken der physiologischen Geburt wie des Kaiserschnitts sind daher notwendig. Im Klinikum Hanau bezieht Tatjana Nicin die Väter gleich beim ersten Gespräch ein. Sie erklärt, dass bei einer natürlichen Geburt das Baby normalerweise zwei- bis viermal weniger Anpassungsschwierigkeiten habe in Bezug auf Atmung, Blutzucker und Blutdruck. Zudem sei die Sterblichkeitsrate der Frauen geringer. Probleme wie Thrombose, Entfernung der Gebärmutter, ebenso Komplikationen in der nächsten Schwangerschaft und Geburt träten seltener auf. „Oft fallen die Väter aus allen Wolken, dass eine operative Geburt solche Auswirkungen haben kann“, sagt sie.

Diese Aufklärung über die Folgen der Sectio, insbesondere für das Baby, ist notwendig. Eltern haben ein Recht darauf! Denn der Vater kann seiner Partnerin nur dann ein verlässliches Gegenüber sein, wenn er weiß, worum es geht. „Die Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt folgt dann nicht der inneren Panik, die entsteht, wenn Fachleute, vor allem die Ärztin, ‚Risikoschwangerschaft’ sagen“, so Nicin.

Bonding direkt nach dem Kaiserschnitt


In Hanau sind seit über fünf Jahren die Väter beim Kaiserschnitt dabei. Die Frau bekommt normalerweise eine Spinalnarkose, keine Vollnarkose, sie sieht also sofort das Baby. „Das Bonding passiert noch während der Operation, das Kind kommt geich auf den Bauch der Mutter“, erläutert Nicin. Das Licht wird gedämpft, die Mutter trägt ein spezielles Top, in das das Baby gelegt wird. Untersuchungen werden frühestens nach einer Stunde gemacht, das Personal hält sich zurück. „Schließlich steht das neue Leben im Vordergrund, nicht die Operation“, sagt die Hebamme.

Der Vater sitzt neben oder steht hinter der Mutter, das Kind liegt an der Brust, er hält vielleicht die Hand des Babys. Nicin regt beide Eltern an, mit dem Kind zu sprechen. So hört es die vertrauten Stimmen, spürt Wärme und Hautkontakt, kann ruhig seine ersten Atemzüge in dieser Welt machen. „Interessanterweise kommt es beim Sectio-Bonding nicht zu Anpassungsproblemen, wie es sonst oft nach einem Kaiserschnitt der Fall ist“, sagt Nicin. Ein Absaugen des Schleims aus der Lunge bleibt dem Baby also erspart, eine Trennung von den Eltern quasi vor dem ersten Atemzug ist nicht nötig. Das Baby und deren Eltern verlieben sich regelrecht ineinander. Durch die Interaktionen zwischen dem Baby und den Eltern werden weitere Bausteine für die starke Bindung gesetzt. Die sichere Bindung ist die Voraussetzung für die gesunde Entwicklung des Kindes und für alle weitere Bindungen/ Beziehungen im Leben.

Papa ist wichtig!


Medizinische Untersuchungen gibt es erst, wenn die Vormilch getrunken ist und sich der Blutzuckerspiegel und erste Abführkräfte so normalisiert haben. Bei den Untersuchungen ist der Vater immer dabei, hält die Hand des Babys, spricht beruhigend. Er legt es auf die Waage und zieht es an. „So weiß der Papa von Anfang an, dass er wichtig ist, dass er eine Aufgabe hat, dass er etwas tun kann. Und das Baby lernt das auch“, meint Nichin.

Selbstverständlich sieht auch die Mutter, wie der Vater sich um sein Kind kümmert. Sie sieht, wie er es hält, wie unsicher er ist, wie er Beziehung aufnimmt, sie spürt seine Liebe. Das schafft Vertrauen. „Jetzt kann sie sich zurücklehnen und ihr Kind beruhigt dem Partner überlassen“, meint die erfahrene Hebamme. Und eine entspannte Atmosphäre zu Beginn der Familienphase ist eine Grundvoraussetzung für ein positives Familiengefühl.

Ralf Ruhl

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