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Bonding: Ich möchte dein Vater sein


Bonding: Ich möchte dein Vater seinBild: Uschi Hering - Fotolia.com

In den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt sucht sich ein Säugling seine Bezugspersonen aus. Wenn Papa diese Rolle einnehmen möchte, dann muss er dafür etwas tun - es lohnt sich für beide. Und Spaß macht es auch noch!

Schüchternheit und Nähe


Das Baby schreit, sein Blick sucht die Mutter. Hilfesuchend streckt es die Arme nach seiner Mama aus und strampelt wild in den Armen des Fremden. Der Säugling kennt den Mann nicht, der es hält. Kennt seinen Geruch nicht, die Stimme ist fremd, überhaupt alles ist unbekannt. "Er ist schüchtern bei Fremden", lächelt die Mutter, bevor sie einem den kleinen Strampler abnimmt. Das Geheule wird leiser, wandelt sich zu einem Schluchzen, dann ist (peinliche) Stille. Wenn es der Cousin zweiten Grades war, der zum ersten Mal zu Besuch ist, dann ist das nur natürlich. Aber falls diese Person der Papa ist - dann ist etwas gründlich schief gelaufen. Dann konnte eine von Geborgenheit und Vertrauen erfüllte Beziehung zum Nachwuchs nicht aufgebaut werden - das so genannte Bonding.

Als Bonding oder Bindung wird in der Entwicklungspsychologie die Bildung einer intensiven, emotionalen Beziehung zwischen dem Neugeborenen und einer oder mehreren Personen bezeichnet. Normalerweise besteht diese stärker zwischen Kind und Mutter. Klar: Neun Monate ist das Baby in Mama gewachsen, ihre Stimme und Bewegungen sind ihm vertraut. Und nach der Geburt wird durch das Stillen des Kindes eine sehr körperliche und emotionale Nähe zwischen den Beiden hergestellt.

Die verlässliche Bindung


Doch in der Wissenschaft ist die Eltern-Kind-Bindung vergleichsweise spät thematisiert worden. Erst seit den 50er Jahren gibt es Erkenntnisse darüber, dass ein Säugling über die Grundversorgung hinaus Bedürfnisse hat, die prägend für eine spätere Entwicklung sind. Damals erkannten Forscher, dass der Wunsch nach einer eng gebundenen Bezugsperson ähnlich stark ausgeprägt ist, wie der Wunsch nach Nahrung und der Erforschung der Umgebung.

Mittlerweile ist sie in Wissenschaft und Medizin fest verankert. Nach heutigen Erkenntnissen dauert die Bindungsbildende Phase von Säuglingen fast das gesamte erste Lebensjahr an und hat starken Einfluss auf spätere Verhaltensweisen, insbesondere auf Kontaktfreudigkeit, Vertrauensbildung, Wunsch nach körperlicher Nähe, Beziehungsfähigkeit und dem späteren Verhältnis zu den Eltern.

Warum Papa wichtig ist


Mit dem Wandel des Mannes vom Patriarchen zum modernen Vater ging auch der Wunsch nach einer stärkeren Beziehung zum Kind einher. Jeder Mann will, dass sein Kind ihn liebt, respektiert und ihm vertraut. Beim Papa-Bonding gewinnen alle : Mann, Mutter und Baby. Denn ein Kind mit enger Beziehung zum Vater entwickelt sich selbstständiger, ist kontaktfreudiger und ruhiger. Außerdem wird die Frau psychisch und körperlich entlastet. Auch ds Zutrauen der Mutter zum Vater wächst: Wer der Mutter beweist, dass er sich für das Kind interessiert und an seinem Heranwachsen aktiv teilnehmen möchte, wird von ihr aktiver in die Erziehung einbezogen. Das ist eine einmalige Chance auf eine gleichberechtigte Elternschaft!

Weitere Vorteile ergeben sich teilweise erst Jahre später: Die Erziehung wird leichter fallen, da das Kind von früh auf gelernt hat, den Vater zu lieben und zu respektieren. Sicher gebundene Kinder haben später ebenfalls den Wunsch nach einer intensiven Beziehung mit dem eigenen Nachwuchs. Die Weichen für glückliche Enkelkinder sind somit gestellt.

Bonding in der Schwangerschaft


Die Beziehung zwischen Mann und Kind führt in der Schwangerschaft über die Mutter. Wer möchte, dass der Nachwuchs bereits im Kreissaal Papa wiedererkennt, sollte viel Zeit mit der schwangeren Frau verbringen. Kinder können ab der 11. Woche hören. Der Mann hat also jede Menge Zeit, das Kind mit der eigenen Stimme vertraut zu machen.

Durch liebevolles und fürsorgliches Verhalten gegenüber der Frau, sammelt man Pluspunkte - bei Mutter und Kind. Über den Hormonhaushalt ist das Baby immer auf dem aktuellen Stand, wie Mutter sich in Gegenwart des Mannes fühlt. Babybauch einölen, Füße und Nacken massieren, gefühlvoller Sex - das sind beste Vorzeichen für eine von Beginn an enge Vater-Kind Beziehung nach der Geburt.

Die ersten Stunden nach der Geburt


Die ersten Minuten und Stunden nach der Geburt gehören zu den wichtigsten Momenten im Leben. Dass sie allein entscheidend sind, ist allerdings ein Mythos - denn auch in den Monaten danach kann eine enge Eltern-Kind-Beziehung entstehen. Allerdings kann man sich direkt nach der Entbindung einen wertvollen Vorsprung in Sachen Bonding sichern. Denn Neugeborene suchen sich in den Minuten nach der Geburt ihre wesentlichen Bezugspersonen. Das ist zuallererst die Mutter, auf deren nackten Bauch die Geburtshelfer das Kind legen.

Doch kann auch der Vater bereits hier Kontakt mit dem Nahwuchs suchen. Auch er kann sich das Neugeborene auf die nackte Brust legen, damit es so früh wie möglich das Gefühl der väterlichen Haut, seine nunmehr ungedämpfte Stimme und seinen Geruch als erste Dinge in seinem Leben kennen lernt. Wenn der Mann die Chance hat, bei der ersten Fütterung dabei zu sein, sollte er dabei die Füße oder die Hände des Kindes halten und leise mit ihm reden. So weiß das Kind von Beginn an, dass der Vater bei dem intimen und lebenswichtigen Vorgang des Stillens ein Vertrauter ist.

Unterstützung der Mutter-Kind-Beziehung


Die Mutter hat von Beginn an ein engeres Verhältnis zu ihrem Baby, bedingt durch die Schwangerschaft und die folgende Stillzeit. Der Respekt vor dieser intensiven Bindung sollte aber nicht abschrecken! Darüber müssen die Partner reden, damit es keinen Neid gibt - je früher desto besser. Nach einer Weile wird die meist noch von der Geburt erschöpfte Frau dem Vater viele Aufgaben übertragen.

Das ist dann die Zeit des Papas: Waschen, wickeln, zu Bett bringen, spielen, kuscheln. Erlaubt ist, was dem Kind gefällt. Je mehr der Mann sich engagiert, desto mehr löst er das mögliche Misstrauen der Frau gegenüber jedem (selbst dem Vater), der sich mit dem Baby beschäftigen möchte.

Die ersten Wochen und Monate


In den ersten Tagen seines Lebens nimmt das Neugeborene die ihm unbekannte Umgebung in sich auf. Je intensiver sich der Vater jetzt mit dem Säugling beschäftigt, desto wichtiger wird er in seiner Rolle als Bezugsperson und Beschützer. Körperkontakt und Sprechen, aber auch das gemeinsame Schlafen schaffen Vertrauen und Nähe. Im Schlaf ist das Kind ungeschützt, die Anwesenheit der Eltern schafft ein Gefühl der Geborgenheit: die Grundvoraussetzung für Vertrauen. Besonders für Männer, die berufsbedingt nur wenig Zeit mit dem wachen Baby verbringen können, ist das eine gute Möglichkeit, die Beziehung zum Kind zu vertiefen.

Viele Väter, die den Wunsch nach Kontakt mit ihrem Nachwuchs haben, sind zu Beginn enttäuscht. Beim intensivsten Kontakt zwischen Mutter und Kind, dem Stillen, spielen sie nur die Statistenrolle. In den ersten sechs Monaten sollte das Kind an der Mutterbrust genährt werden, da es sich hierdurch gesünder und ausgeglichener entwickelt. Aber diese ausschließliche Zeit währt nur durchschnittlich fünf bis sechs Monate. Die anschließende Fütterung mit Beikost kann der Mann getrost übernehmen.

Auf der Suche nach einer eigenen Rolle


Der Mann ist biologisch im Hintertreffen, was die Entstehung einer engen körperlichen und emotionalen Beziehung zum Kind angeht - ihm fehlen die magischen Brüste. Der Vater kann aber auch Vorteile aus diesem körperlichen Nachteil ziehen und zum "Beruhiger" werden. An Mamas Brust einzuschlafen fällt einigen Babys schwer, sie suchen die Brust, trinken aber nicht, weil sie satt sind. Beim Vater besteht diese Verlockung oder gar Konditionierung nicht, das Baby kann beruhigt einschlafen - und der Vater mit stolzgeschwellter Brust seiner Frau das endlich schlafende Baby präsentieren.

Der Mann muss sich eine eigene Rolle suchen. Klar ist, dass die Frau die Ernährerin ist und Geborgenheit spendet. Was spricht dagegen, wenn der Vater die Rolle des Entdeckers und Abenteurers einnimmt? Der Mann kann (entsprechend kindgerecht ausgerüstet) Spaziergänge mit dem Nachwuchs unternehmen, dem Baby die Welt zeigen und erklären. Je mehr Zeit Mann mit seinem Kind verbringt, umso mehr Zutrauen entsteht. Babys interessieren sich zwar sichtbar für nichts, aber grundsätzlich für alles. Der Vater kann das Baby in seiner Nähe haben wenn man Rechnungen begleicht, kocht, oder putzt. Wenn er dabei noch redet und gelegentlich Blickkontakt sucht, wird sich das Kind sehr schnell sehr sicher in der Gegenwart des Papas fühlen.

Karsten Frei

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