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Schulfinanzen: Väter im Arbeitseinsatz


Schulfinanzen: Väter im ArbeitseinsatzBild: @Evlira-fotolia.com

Lernmittelfreiheit? Durch Spenden, Sonderbeiträge und Eigenarbeit finanzieren Eltern Schule mit, weil der Staat zu wenig investiert. Väter arbeiten also für die Schule – und in der Schule, wenn sie wenig verdienen. Ein gesellschaftliches Problem wird so privatisiert – und die Ungerechtigkeit des Bildungssystems verfestigt.

Zahltag in der Schule


Am ersten Elternabend nach den Sommerferien ist Zahltag. Die Klassenlehrerin macht die Rechnung auf: 20 Euro Kopiergeld pro Kind, 30 Euro Zuschuss für die kommende Exkursion, 10 Euro für Arbeitsmaterialien wie Pinsel, Zirkel oder Stifte. Beim nächsten Treffen, kündigt sie schon mal vorsorglich an, werde für den Erdkunde-Atlas kassiert, 45 Euro. Der Unterricht läuft erst seit ein paar Wochen, aber schon ist jede Familie einen Hunderter los, bei mehreren Schulkindern auch schnell zwei oder drei. Ist das die “Lernmittelfreiheit”, von der die für Bildung zuständigen Bundesländer gerne sprechen?

Wissenschaftliche Studien haben immer wieder belegt, dass die Bildungschancen eines Kindes in Deutschland direkt von seinem familiären Hintergrund abhängen - mehr als in den meisten europäischen Staaten. Das ständige Anzapfen elterlichen Ressourcen ist Teil dieses Problems. Denn wenn es um Förderverein oder Klassenkasse geht, gehen die Beteiligten erstmal davon aus, dass alle die gleiche Summe bezahlen. Mal eben 100 Euro auf den Tisch zu legen fällt einem Ingenieur oder einer Unternehmensberaterin allerdings erheblich leichter als einem Supermarktkassierer oder einer Altenpflegerin. Die Zuzahlungen verschärfen die soziale Spaltung im Bildungssystem. Der Kassenkampf im Klassenzimmer kann dazu führen, dass einkommensschwache Eltern sich gegen ein “teures” Gymnasium für ihr Kind entscheiden.

Der Trick mit den Arbeitsheften


Viele Schulen gerade in von Armut und Migration geprägten Wohngebieten gehen durchaus sensibel mit dem Thema um. Häufig gibt es Rabatte für Geringverdiener oder reduzierte Beiträge im Förderverein, dessen Mitgliedschaft höchstens moralisch verpflichtend ist. Lobenswerte Ausnahmeregelungen ändern aber nichts daran, dass sich die Bezieher staatlicher Sozialleistungen durch die ständige Bitte um Geld überfordert fühlen. Viele schämen sich ohnehin für ihre Lage und zahlen lieber die volle geforderte Summe, als sich als Bedürftige zu outen.

Nicht nur der einmalige Kauf von Atlanten zu Schuljahresbeginn wird auf Väter und Mütter abgewälzt. In diversen Bundesländern, übrigens unabhängig von der Parteizugehörigkeit der jeweiligen Regierungschefs, werden Eltern auch für andere Lehrwerke anteilig zur Kasse gebeten. Immer stärker verbreitet sind zum Beispiel die sogenannten Arbeitshefte. Es handelt sich um gedruckte Sammlungen mit Übungsmaterial, mit denen die Kinder Aufgaben lösen und sich zu Hause auf schulische Tests vorbereiten können. Während Lexika, Taschenrechner oder Malkästen meist viele Jahre lang im Gebrauch bleiben, müssen Eltern für diese Hefte jedes Jahre aufs Neue zahlen. Das ist profitabel für die Schulbuchverlage und praktisch für die Bildungspolitiker, weil die weiterhin die “Lernmittelfreiheit” hochhalten können. Denn Arbeitshefte zählen in den meisten Bundesländern, außer in Hamburg und Sachsen, nicht als Lernmittel, sondern lediglich als eine pädagogisch wertvolle Ergänzung. Nice to have also - aber mit sozialem Spaltpotential.

Eltern tragen wesentlich dazu bei, dass das System Schule überhaupt funktioniert, und diese Unterstützung beschränkt sich keineswegs auf finanzielle Gaben. Stillschweigend wird zum Beispiel davon ausgegangen, dass Referate auf Papas heimischem Rechner geschrieben und dort auch ausgedruckt werden. In den meisten Schulen stehen die entsprechenden Geräte schlicht nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Selbstverständlich erwartet wird auch der persönliche Arbeitseinsatz von Vätern und Müttern - bei der Kontrolle von Hausaufgaben oder der Vorbereitung von Prüfungen.

Väter im Arbeitseinsatz


Private Infrastruktur und privates Engagement müssen ausgleichen, dass die Politik zu wenig in die Bildungsinstitutionen investiert. Die Schulen sind gezwungen, regelmäßig an das Geld der Eltern heranzukommen, wenn sie ihre Aufgaben erfüllen wollen. Ohne die Spenden des Fördervereins besteht die Gefahr, dass Ausflüge, Schwimmbadbesuche, Klassenfahrten oder Austauschprogramme ausfallen. Kinder rennen auf Sponsorenläufen um die Wette, jeder zusätzliche Kilometer bringt zusätzliche Euros aus den Familienkassen. Wenn an den Wänden der Putz bröckelt, kommen keine staatlich beauftragten Handwerker. Sondern motivierte, oft sogar entsprechend qualifizierte Väter spingen ein, die am Wochenende in Eigenarbeit die Räume ausbessern. Material bitte selbst mitbringen, heißt die dringliche Aufforderung am Elternabend. Hier sind häufig gerade die Väter aktiv, die finanziell nicht so gut gestellt sind. Auch und gerade weil sie nicht immer als die angesehen werden wollen, die nichts oder nur wenig beitragen können.

Ein anderes Beispiel: Klassenzimmer ohne Schränke sind nicht besonders praktisch. Der fehlende Stauraum führt dazu, dass Kinder ihre “Lernmittel” ständig hin und her tragen müssen. Also auf zum nächsten Einrichtungshaus. Vorher wird gesammelt, 35 Euro anteilig pro Schüler/in. Am Samstagmorgen fahren Familien-Vans oder eigene Transporter zu Ikea. In der Schule angekommen, laden die Väter gemeinsam aus und schrauben die Möbel zusammen. Ein Journalistenkollege, der diese Geschichte kürzlich im Kölner Stadtanzeiger berichtete, hat die “Aktion Schränke” in der Klasse seines Kindes verweigert - und wählte einen interessanten Vergleich. “Es hat sich angefühlt, als klopfte die Polizei an die Tür und verlangte: Liebe Leute, wenn wir euch schützen sollen, dann gebt uns doch mal 25 Euro für Munition. Und liegt irgendwo noch ein Schlagstock herum? Den könnten wir dann auch noch gebrauchen.”

Ehrenamtliches Engagement ist lobenswert und sollte gesellschaftlich wertgeschätzt werden. Man muss es sich aber aussuchen können. Wenn Eltern in der Schule aushelfen, kann das sogar einen sozial ausgleichenden Effekt haben. Ein handwerklich versierter Hartz IV-Empfänger bekommt für seine Arbeit beim Renovieren vielleicht die Anerkennung, die ihm ermöglicht, ohne Scham den Sondertarif beim Büchergeld oder bei der Klassenfahrt anzunehmen. Väter und Mütter sollten sich jedoch nicht einspannen lassen, wenn sich der Staat aus der Verantwortung stiehlt. Allzu viele Bildungseinrichtungen in Deutschland, ob Kitas, Schulen oder Universitäten, sind in einem desolaten räumlichen Zustand und unzureichend ausgestattet. Das zu ändern, ist die Aufgabe jener Politiker, die ständig von der “Schwarzen Null” reden - und nicht die der Eltern.

Thomas Gesterkamp

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