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„Jungen wollen Humor!“

Leseförderung „Jungen wollen Humor!“
Bild: © Ilike - Fotolia.com

Jungen lesen nicht, vor allem keine Bücher. Was auch am Angebot liegt. Wie Väter ihre Söhne dennoch dafür begeistern können, ihre Nase zwischen zwei Buchdeckel zu stecken, verrät der Literaturdidaktiker Dr. Andreas Seidler.

Der richtige Lesestoff



Väterzeit: Jungen lesen nicht, vor allem nicht so viel wie Mädchen. Stimmt das eigentlich?

Dr. Andreas Seidler: Ja. Alle Statistiken und Studien der letzten 20 Jahre zeigen, dass Mädchen von der Kindheit an mehr und häufiger lesen. Das gilt vor allem für Bücher, für erzählende Literatur. Texte im Internet, die sich z.B. auf Games und Spiele beziehen, werden von Jungen sehr viel stärker genutzt.

Väterzeit:Was macht es für Jungen so schwer, zum Buch zu greifen?

Dr. Andreas Seidler: Zwei Hauptfaktoren sind dafür verantwortlich: Der Lesestoffe und das Vorbild. Meist werden Bücher den Kindern und Jugendlichen von Erwachsenen empfohlen. Das gilt für die Lektüre in der Schule, aber auch bei Geschenken von Eltern oder Verwandten. Häufig ist der Inhalt um ein psychologisches oder soziales Problem gerankt, bei dem die Erwachsenen es für wichtig halten, dass das Kind sich damit auseinandersetzt. Das wirkt auf Jungen eher abschreckend. Sie stehen mehr auf Action, auf spannende und konfliktreiche Handlung auf der äußerlichen Ebene. Gerade diese Bedürfnisse werden durch Filme, Fernsehen oder Computerspiele häufig stärker bedient als durch Literatur.


Väterzeit:Welche Genres bevorzugen Jungen?

Dr. Andreas Seidler: Für Jungen muss es vor allem spannend oder witzig sein, am besten beides gleichzeitig. Abenteuergeschichten – durchaus auch Klassiker wie „Die Schatzinsel“ oder „Tom Sawyer“ – stehen hoch im Kurs, Krimis und eben Humorvolles. Dabei bevorzugen sie einen aus erwachsener Sicht nicht gerade politisch und sozial korrekten Humor. Auch Comic und Graphic-Novel sprechen Jungen eher an, die Kombination von Bild und Text ist hierfür entscheidend. Zu allem, was bebildert ist und sich daher schnell mit den Augen erfassen lässt, greifen Jungen eher, auch stärker als Mädchen.

Helden und Antihelden



Väterzeit: Wie wichtig sind noch die klassischen Heldenfiguren?

Dr. Andreas Seidler: Helden und Antihelden sind für Jungen sehr wichtig. Denn mit positiven Helden, wie sie in Fantasygeschichten – z.B. der Eragon-Reihe – vorherrschen, aber auch mit Antihelden, wie z.B. Greg aus der Tagebuch-Reihe, können sie sich identifizieren. Dabei muss es eben nicht mehr unbedingt der Superheld sein, der ohne jeden Kratzer aus jedem Kampf als Sieger hervorgeht. Nein, auch die normalen Jungen, die nicht so gut zurechtkommen mit der Schule, den Eltern, den Anforderungen, die an sie gestellt werden, die üben einen ganz starken Reiz aus. Dabei spielt der Humor eine große Rolle; die Niederlagen wirken dadurch nicht so hart und der Held wirkt trotz allem irgendwie cool.

Väterzeit: Welche Rolle spielt der Vater als Vorbild beim Lesen?

Dr. Andreas Seidler: Lassen Sie mich zunächst vorausschicken, was nicht produktiv wirkt: Appelle und Ermahnungen, doch bitte zum Buch zu greifen. Das wirkt insbesondere dann nicht, wenn der Vater selbst nicht liest und eher vor dem Fernseher sitzt oder in seinem Hobbykeller. Auch der Hinweis, Lesen sei für die Schule und die guten Noten wichtig, verfehlt seine Wirkung. Lesen muss ein Genuss sein! Nur ein Vater, der selbst liest und vorliest, wirkt als glaubwürdiges Verhaltensvorbild. Das muss er auch nicht aussprechen: Der Junge sieht ja schließlich, womit sein Vater sich täglich beschäftigt und dass Lesen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung für ihn ist. Er identifiziert sich mit ihm und wird daher von sich aus eher zum Buch greifen. Und die Väter sollten dann mit ihren Söhnen über das Gelesene reden. Sie müssen sie ja nicht zur Inhaltsangabe mit Belegen auffordern. Aber sich interessieren, was in dem Buch passiert, womit sich der Sohn beschäftigt, das zeigt, dass der Vater an der Welt des Kindes teilhaben will. Das holt den Leser auch aus seiner Einsamkeit, denn Lesen ist ja etwas, das eher im stillen Kämmerlein geschieht. Es ist sicher auch hilfreich, wenn die Eltern miteinander über Bücher sprechen, sei es am Küchentisch oder im Urlaub. Das bekommt das Kind mit und will selbstverständlich auch mitreden.

Gemeinsame Themen finden



Väterzeit: Wie können Väter ihre Söhne fürs Lesen begeistern?

Dr. Andreas Seidler: Es gilt, ein gemeinsames Thema zu finden. Das heißt, den Jungen beobachten und ihn fragen, womit er sich gerade beschäftigt. Außerdem müssen es nicht immer Romane und Erzählungen sein. Lesebegeisterung kann auch über Sach- und Fachbücher wachsen, vom Fußball bis zu Dinosauriern oder Baumaschinen. Dabei spüren Kinder sehr genau, ob ihr Vater ein eigenes Interesse an diesen Themen hat oder ob er es aus pädagogischen Gründen vorschlägt. Und gerade bei Sachbüchern ist es wichtig, als Gesprächspartner da zu sein, denn da ergeben sich viele Fragen und Anknüpfungspunkte.

Väterzeit: Wie lassen sich Sachthemen vertiefen?

Dr. Andreas Seidler: Nehmen wir z.B. das Thema „Ritter“. Da will der Junge sicher nicht nur ein Buch lesen, er will auch eine Burg bauen, sich vielleicht verkleiden und in Rollenspiele einsteigen oder eine Ruine oder ein Museum besichtigen. Da ergeben sich viele weitere Lesegelegenheiten, sei es die Bauanleitung für die Burg oder um ein Schwert selber zu bauen. Im Museum gibt es Broschüren, Beschriftungen an Ausstellungsobjekten – es müssen ja nicht immer lange Texte sein. Ein kurzer, informativer Abschnitt ist für viele Jungen motivierender als ein ganzes Buch.

Väterzeit: Wo liegen die Grenzen des Lesevorbilds Vater?

Dr. Andreas Seidler: Wenn die Jungen älter werden, insbesondere, wenn sie in die Pubertät kommen, wird die Gleichaltrigengruppe wichtiger und der Einfluss der Eltern geringer. Lesen muss dann eingebettet sein in einen sozialen Kontext, der auch von der Gruppe akzeptiert ist, schließlich will niemand als Sonderling gelten und ausgeschlossen werden. Deshalb gibt es den typischen Leseknick bei Jungen im Pubertätsalter. Aber wenn Freunde und Kumpels, oder vielleicht auch das Mädel, auf das er ein Auge geworfen hat, in die Bibliothek gehen und sich Bücher ausleihen, wenn sie zu Lesungen gehen, sei es in der Schule oder in einer Buchhandlung – dann ist das eingebettet und akzeptiert. Allerdings muss der Vater dann anerkennen, dass er seine Schuldigkeit getan hat und ab jetzt außen vor bleibt.

Interview: Ralf Ruhl

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Dr. Andreas Seidler



Dr. Andreas Seidler ist Literaturdidaktiker am Institut für Deutsche Sprache und Literatur II der Universität zu Köln. Dort wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Christine Garbe eine Webseite entwickelt, auf der immer wieder aktuell Bücher vorgestellt werden, die besonders für Jungen zwischen sechs und 18 Jahren geeignet sind:

www.boysandbooks.de

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