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So werden Kinder selbstständig


So werden Kinder selbstständigBild: southnorthernlights@photocase.de

Erziehen zur Selbstständigkeit? Geht nicht, meint Krippenexpertin Annette Drüner. Und gibt Tipps, wie Beziehung statt Erziehung im Alltag mit Babys und Kleinkindern funktioniert und Kinder respektvoll Raum und Zeit zum selber machen bekommen. Auch für Väter.

Eltern sind keine Diener


"Liebe Eltern, tragt euren Kindern nicht die Schultasche hinterher. Wenn sie das Federmäppchen vergessen haben, lasst sie es selbst holen. Oder die Konsequenzen tragen. Aber nehmt es ihnen nicht ab." Solche Appelle, sogar in Schriftform gegossen und an der Schulpforte aufgehängt, gehören in den Lehranstalten inzwischen zum Guten Ton, nicht nur in Deutschland. Offenbar gibt es immer mehr Kinder, die erwarten, dass ihnen alles dargeboten, jede Schwierigkeit aus dem Weg geräumt wird. Platt gesagt: Immer mehr Kinder sind nicht richtig selbstständig.

Aber sind die Eltern daran schuld? Verwöhnen sie ihre Kinder zu sehr? "Nein", entgegnet die Krippenexpertin Annette Drüner sofort scharf, "Kinder - insbesondere Babys und Säuglinge - kann man nicht verwöhnen! Viele Probleme treten gar nicht erst auf, wenn Eltern ihre Kinder von Anfang an als eigenständige Wesen anerkennen."

Auf den ersten Blick sieht das oft anders aus. Felix, Erzieher in einer Göttinger Kita, kann ein Lied davon singen. "Wir wollen raus gehen, einfach ins Außengelände, spielen, toben, etwas bauen. Die Kinder freuen sich darauf. Aber die Hälfte ist nicht in der Lage, sich die Schuhe anzuziehen. Die stehen einfach da und warten, dass etwas mit ihnen passiert."

Beziehung statt Erziehung


Einer, der gar nicht auf die Idee kommt, die Eltern an seine Schuhe oder seine Jacke zu lassen, ist Giordano. Der Zweijährige braucht zwar eine Weile, bis er die Füße und die Arme richtig verpackt hat, aber dann schaut er stolz zu seinem Erzieher. Ein anerkennender Blick zurück genügt - und schon saust der Kleine Richtung Sandkiste.

Manchmal nerve ihn das schon, dass sein Sohn so lange brauche zum Anziehen und es alles selber machen wolle, gibt sein Vater Philipp zu. Insbesondere, wenn er an die Arbeit müsse und schon seine Kunden im Kopf habe. Aber es sei einfach toll zu sehen, mit welcher Freude Giordano diese alltägliche Selbstständigkeit lerne: "Das gibt mir an anderer Stelle auch wieder Zeit und Ruhe, dieses Wissen, dass es das jetzt kann und es auch tut."

Beziehung statt Erziehung, das sei hier die Grundhaltung, meint Annette Drüner. Impulse, etwas selbst tun zu wollen, würden schon Säuglinge aussenden. "Natürlich sind Eltern und Baby ungleiche Partner, da gibt es keine Augenhöhe. Der Säugling ist abhängig, er kann gar nicht allein überleben, er ist auf die Eltern angewiesen. Aber schon mit einem Baby kann man die Beziehung so gestalten, dass sie ihm den Raum für selbstständige Aktionen lässt."

Absprachen sind nötig


Das haben Philipp und Giordano früh geübt. "Ich habe immer mit ihm gesprochen", meint der stolze Vater, "beim Wickeln, beim Tragen, beim Füttern, immer habe ich ihm gesagt, was ich gerade mache." Wenn er erkannt hatte, dass Giordano etwas selbst tun wollte, hat er ihm die Zeit dazu gelassen. Dabei fielen viele Löffel zu Boden und die Windel war auch mal falsch herum angezogen. "Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen", grinst Philipp.

Diese Art des Umgangs mit dem Kind habe natürlich Absprachen gebraucht. Philipp ist froh, dass seine Partnerin eine ähnliche Haltung zu Erziehungsfragen hat. "Zeit ist einfach das wichtigste. Die brauchen die Kinder für sich, zum Ausprobieren, und die müssen wir ihnen lassen." Deshalb stehe er auch inzwischen eine halbe Stunde früher auf, damit Giordano Zeit habe, sich allein anzuziehen. Natürlich bietet er ihm auch Hilfe an. "Aber nur, wenn etwas nicht klappt und er es auch zulassen will." Das sei ein Menschenrecht, formuliert es Philipp bewusst drastisch. "Ich will ja auch nicht, dass mit jemand einfach in den Schritt greift und die Hose zu macht."

Waschen lernen - aber richtig!


Eine solche Art der Übergriffigkeit begegnet Annette Drüner häufig. Oft sei es dem vermeintlichen Zeitmangel geschuldet. Das zeige aber vor allem, dass die Eltern ihre Bedürfnisse über die des Kindes stellen würden und es nicht als Partner anerkennen. "Wenn es Zeitprobleme gibt und man schnell etwas erledigen muss, dann ist es notwendig, das dem Kind mitzuteilen. Und zwar so, dass es das auch verstehen kann. Also das Kind anschauen, ruhig und in normaler Sprache mit ihm reden." Und eben nicht "jetzt mach mal" drängeln oder ihm mehr oder weniger ruppig die Hausschuhe herunter reißen und die Füße in die Schuhe quetschen. "Von seinem Chef würde sich das niemand gefallen lassen, aber mit Kindern gehen Erwachsene oft so um", meint Drüner.

Felix ist mit Mia im Waschraum verschwunden. Die Frühstücksmarmelade muss vor dem Spielen mit den Kuscheltieren von den Händen verschwinden. "Wir sind die ersten, wir haben den ganzen Raum für uns", freut er sich und schaut Mia dabei an. Sie lächelt. Felix gibt ihr den Waschlappen. "Ich drehe jetzt den Wasserhahn auf", sagt er und blickt Mia an. Sie nickt bestätigend. Dass sie den Waschlappen darunter halten muss, weiß sie schon. "Jetzt noch mal ausdrücken, damit nicht zu viel Wasser herunter tropft", sagt Felix. Sie nickt ernst und schaut zu ihm. "Feste drücken", sagt er. Sie quetscht den Lappen, bis Wasser herausläuft. "Genau so", bestätigt Felix, "darf ich jetzt den Waschlappen haben?" Dabei blickt er ihr ins Gesicht und hält etwa einen halben Meter Abstand. Mia hält ihm den Lappen hin. "Gibst du mir deine Hand? Ich möchte sie waschen." Sie streckt ihm die rechte Hand hin. Leicht wischt er darüber. Sie zuckt etwas zurück. "War es zu kalt?", fragt er. Sie schüttelt den Kopf. "Nass", sagt sie. Sie greift nach dem Waschlappen. "Willst Du selber waschen?" Sie nickt. Genauso vorsichtig wie der Erzieher fährt sie mit dem Lappen über ihre Hand. Fragend schaut sie ihn an. Er lächelt. "Gut so", sagt er. Jetzt lächelt auch Mia. "Teddy auch", sagt sie. Felix reicht ihr das Kuscheltier. Mit dem Waschlappen wischt Mia über seine Nase. Stolz zeigt sie Felix das Ergebnis. "Toll", sagt er, "jetzt ist Teddy auch sauber."

34 mal selber machen


Liebe Leser, meint ihr, diese Waschaktion hat lange Zeit gebraucht? In Echtzeit war es nicht viel länger als für das Lesen dieses Abschnitts nötig ist. Plus Wege zum Bad und zurück, natürlich. Zu viel ist das nicht. Und vor allem: Wie viel länger hätte Zetern, Schimpfen, Heulen gebraucht, das Zerren des Kindes zum Bad, wenn es nicht will? Und wie viel Genervtsein bei den Erwachsenen, wie viel Frustration, Respektverlust und ‚ich kann nichts’ beim Kind?

Allerdings, das muss auch klar sein: einmal genügt nicht. Diese Aktion wird noch häufiger durchgeführt werden, von Mia und Felix oder einer Erzieherin. "Denn ein Kind muss eine Aktion im Durchschnitt 34mal selbst machen, bevor die nötigen Synapsen im Gehirn gebahnt und eingespurt sind, sodass die Aktion dann quasi automatisch erfolgt", erklärt Drüner.

Und vom Ergebnis haben alle etwas. Die Kinder das Gefühl von Selbstwirksamkeit, dass sie etwas können und dass das auch von den Eltern bestätigt wird. Die Eltern das Wissen, dass ihre Kinder lernen, in der Welt zurecht zu kommen. Und das gibt allen ein positives Gefühl - und später eine Menge Zeit, die nicht mit Generve und Gezeter verbracht werden kann. Sondern mit spielen, Zuwendung und Liebe. Dann beschäftigt sich das Kind auch gern einmal allein.

Ralf Ruhl

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