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Kein Kinderkram


Mehr Männer an die GrundschulenBild: © Christian Schwier - Fotolia.com

Nur noch zwölf Prozent der Pädagogen an Grundschulen sind Männer. Das Bremer Uni-Projekt "Rent a Teacherman" vermittelt Lehramtsstudenten an "männerfreie” Schulen. Als "Vaterersatz" sehen sie sich nicht. Und die Kinder sind begeistert!

Frank Scherer hatte eigentlich Elektroinstallateur gelernt, später als Inneneinrichter bei großen Bauvorhaben mitgewirkt. Doch irgendwann hatte der 39-Jährige genug vom Handwerk: "Ich wollte gern mit Kindern arbeiten, weil man die noch richtig begeistern kann.” Scherer sattelte um, begann ein Studium für das Grundschullehramt an der Universität Bremen. Am Fachbereich Bildungswissenschaften traf er auf Christoph Fantini. Der Hochschuldozent erzählte ihm von der Initiative "Rent a Teacherman" - zu deutsch: "Leih dir einen Lehrer!”

Grundschule: männerfreie Zone


Der Anteil männlicher Lehrkräfte in der Primarstufe ist seit Mitte der 1980er Jahre von vierzig auf zwölf Prozent gesunken. Die noch geringere Zahl männlicher Studienanfänger signalisiert keine Trendwende. "Im Bremer Durchschnitt unterrichten nur 1,3 männliche Lehrer pro Grundschule”, sagt Fantini. Es gebe zwar Schulen "mit fünf männlichen Lehrkräften, aber auch 15 Schulen, an denen kein einziger Mann unterrichtet.” So entstand die Idee, Studierende an diese "männerfreien” Grundschulen zu schicken. "Rent a Teacherman” läuft seit Herbst 2011 erfolgreich, derzeit sind acht Lehramtsstudenten "ausgeliehen”. Finanziert wird das über Honorarmittel der Senatorin für Bildung und Wissenschaft. Frank Scherer leitet zwei bis drei Stunden pro Woche eine Werk-AG an der Grundschule Fährer Flur in Bremen-Vegesack. "Für die Kinder bin ich etwas Besonderes”, berichtet er, "nicht nur für die Jungen, das gilt auch für die Mädchen”. Gerade in den Familien von Alleinerziehenden fehle das männliche Vorbild zu Hause. So werden die "Teachermen” zum Rollenvorbild - oder gar zum zeitweiligen Vaterersatz. Auch die Lehrerinnen wünschen sich mehr Männer als Bezugspersonen. "Wir treffen ständig auf Schulleiterinnen, die begeistert reagieren, wenn wir ihnen nette männliche Studenten vermitteln”, so Projektleiter Fantini.

Vorlesen und Fußball


Studenten als Identifikationsfiguren


Befürchtungen von Erziehungswissenschaftlerinnen, mit solchen Aktionen würden Rollenklischees bestätigt, können die Praktiker nicht bestätigen. "Ich raufe nicht die ganze Zeit mit den Jungs”, sagt Hauke Heemann. Der 27-Jährige hat sich an "Rent a Teacherman” beteiligt, obwohl er für das Lehramt am Gymnasium studiert. Männliche Pädagogen machten gar nicht so viel anders, lautet seine Erfahrung an der Grundschule "Im Osterkop” im Stadtteil Hemelingen: "Sie sind aber wichtige Identifikationsfiguren, vor allem für die Jungen.” Das Bremer Programm sei keine Kritik an den weiblichen Lehrkräften, betont Christoph Fantini.
Eine nennenswerte Masse von Männern an den Grundschulen würde einfach ein wichtiges Korrektiv darstellen. Nicht weil sie "besser”, sondern weil sie anders sind und die Schulsituation bereichern. Und weil sie helfen, heikle Situationen zu vermeiden: "Beim Sportunterricht muss jetzt nicht mehr die Lehrerin in die Jungsumkleide, das kann ich machen”, erzählt Student Heemann: "So bleibt die Intimsphäre gewahrt.”

Vorlesen und Fußball


Ein anderer "Teacherman” führt in diesem Herbst ein Sexualkundeprojekt durch. "Wir arbeiten in getrennten Gruppen, eine Lehrerin übernimmt die Mädchen, ich rede mit den Jungen”, sagt Julian Cirkovic. Er war mit seinen Kindern von der Grundschule Horner Heerstraße auch schon auf Klassenfahrt - und dort keineswegs nur für das "typisch Männliche” zuständig. "Klar, ich habe ein Fußballturnier organisiert, aber genauso selbstverständlich habe ich abends vor dem Einschlafen ein Buch vorgelesen.” Warum lassen sich so wenig junge Männer als Grundschullehrer ausbilden? Häufig angeführt wird das Einkommen, das niedriger ist als an weiterführenden Schulen. Doch am Gehalt allein kann es nicht liegen, immerhin bietet der Beruf eine sichere Perspektive und relativ familienfreundliche Arbeitszeiten. Ein wichtiges Hemmnis, glaubt Hochschullehrer Fantini, bilden Identitätsprobleme unter Gleichaltrigen: "Leider ist bei vielen immer noch das Bild vom Singen und Basteln im Kopf.” Man müsse die Vielfalt und die fachliche Herausforderung der Grundschulpädagogik stärker herausstellen. "Unter dem Aspekt der Bildungsgerechtigkeit” würden hier entscheidende Impulse gesetzt, der Unterricht sei "alles andere als nur Kinderkram”. Eine bundesweite Kampagne für Männer als Lehrer in der Primarstufe - wie sie das Familienministerium für den Erzieherberuf im Projekt "Mehr Männer in Kitas” unterstützt - lässt auf sich warten. Das liege "am föderalen System in Deutschland, die Länder wollen im Bildungsbereich autark sein”, meint Fantini. Dieses Argument werde "aber auch vorgeschoben, um nichts investieren zu müssen”. Eine feste und verlässliche Finanzierung sei aber unumgänglich, um das Projekt dauerhaft zu sichern. Was den Kindern zugute kommt, aber auch Männer für die Grundschule begeistern kann. Und das wollen doch eigentlich alle.

Thomas Gesterkamp

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