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Spielzeug und Geschlecht: Jungen spielen anders


Spielzeug und Geschlecht: Jungen spielen andersBild: very_ulissa@fotolia.com

Jungen blau, Mädchen rosa. Jungen Bauecke, Mädchen Puppen. Jungen spielen nicht mit Mädchen und umgekehrt. Das klingt unauflöslich und althergebracht. Ist es aber nicht. Wie können Jungen und Mädchen dennoch miteinander spielen – auch ohne geschlechtstypisches Spielzeug?

Rosa war nicht immer weiblich


Rosa: Das Grauen. Pinkifizierung des Kinderzimmers. Umzingelt von Prinzessin Lillifee. So und noch viel aufgebrachter klingen Kommentare von Eltern, live und im Internet. Seit Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts das Ende des Unisex-Ladens eingeläutet wurde, scheinen Pink und Hellblau unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Und vor allem selbstbewusste Mütter stöhnen: Was habe ich falsch gemacht?

Dabei wird immer auf dem armen Rosa herumgehackt. Nie auf dem gleichermaßen geschlechterklischierten Hellblau. Wohl weil Rosa als Mädchenfarbe gilt und daher minderwertig. Das war aber nicht immer so. Rot war die Farbe der Könige, abgewandelt die Farbe der Kardinäle. Und Rosa war das kleine Rot, der kleine Bruder, wie die Sozialwissenschaftlerin Eva Heller in ihrem Buch „Wie Farben wirken“ ausführt. Sie hat Gemälde und Familienbilder von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert in punkto Farbgestaltung untersucht. In religiösen Darstellungen wird das Jesuskind häufig in rosa Gewändern, Mutter Maria hingegen in Blau gezeigt. Erst in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts änderte sich diese geschlechtstypische Farbgebung, weil die Erinnerung an die religiöse Symbolik verblasste und sie an Bedeutung verlor. Ab den 60er Jahren wird blau dann männlich: Der „Blaumann“ ist die Arbeitskleidung der echten Kerle, die schwere körperliche Arbeit leisten, auch Matrosen tragen eher dunkelblau. Hellblau für Jungen, Rosa für Mädchen ist demnach eine sehr neue Aufteilung.

Geschlechtstypische Ansprache von Geburt an


„Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr stark in männliche und weibliche Bereiche aufgeteilt ist und die den Geschlechtern unterschiedliche Verhaltensweisen und Fähigkeiten zuschreibt“, meint Annette Drüner, Sozialpädagogin und Fachfrau für Kitas und Krippen. Dies sei überall sichtbar: an den Berufen, an der Kleidung, an den vorzugsweise ausgeübten Sportarten, an der Art zu kommunizieren. Mit den entsprechenden Erwartungen würden schon kleinste Kinder konfrontiert. Eltern spielen dabei eine wichtige Rolle, aber längst nicht die einzige.

Geschlechtstypische Ansprache erfahren Kinder gleich nach der Geburt. Im Jahr 1969 führten Goldberg und Lewis einen Epoche machenden Versuch durch, der in den folgenden Jahren immer wieder wiederholt und bestätigt wurde: Sie kleideten ein Baby in rosa und sagten den Männern und Frauen, die es betrachteten, es handele sich um ein Mädchen. Die Versuchspersonen sprachen eher süß, zart und mit höherer Stimme mit ihm, die Berührungen waren sanft und beruhigend. Dann wurde dem gleichen Baby ein hellblauer Strampler angezogen, den gleichen erwachsenen Versuchspersonen wurde es als Junge vorgestellt. Die Ansprache war von Männern wie Frauen deutlich lauter und heftiger, die Stimmlage tiefer, die Berührungen kräftiger und stärker.

Biologische Unterschiede im Verhalten von Babys


Dieses Verhalten ist unbewusst – und kulturell erlernt. Auch die Erwachsenen haben in ihrer frühen Kindheit Zweigeschlechtlichkeit und die passenden Zuschreibungen quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Dennoch scheint es eine gewisse biologische Veranlagung für bestimmtes Spielzeug zu geben: Nach einer Studie der City University London bevorzugen schon neun Monate alte Babys Spielzeug, das typischerweise ihrem Geschlecht zugeordnet wird. Sie bekamen einen rosa und einen blauen Teddybär, einen Kochtopf, eine Puppe, sowie einen Ball und einen Bagger vorgelegt. Die Ergebnisse waren eindeutig: Schon die kleinsten Jungen bevorzugten den Ball, die kleinsten Mädchen den Kochtopf. „Biologische Unterschiede verleihen Jungen die Fähigkeit der mentalen Rotation und ein stärkeres Interesse und bessere Fähigkeit zur Raumverarbeitung, wohingegen Mädchen sich mehr dafür interessieren, Gesichter zu betrachten und eine bessere Feinmotorik und Fähigkeit zur Handhabung von Gegenständen haben“, so Studienleiterin Dr. Brenda Todd.

Wie sich Geschlechtsstereotype aufbauen


Im dritten Lebensjahr entdecken Kinder sich immer stärker selbst und können sich auch differenzierter äußern. Zur Selbstbeschreibung nutzen sie jedoch ausschließlich positive Merkmale. „Sie können noch nicht zwischen dem Real-Selbst und dem Ideal-Selbst unterscheiden“, erklärt Annette Drüner. Sie stellen sich also dar, wie sie selbst gern sein möchten. Das hat natürlich auch mit dem Geschlecht zu tun.

Dabei erfahren die Mädchen viel Zustimmung, wenn sie sich z.B. als Prinzessin verkleiden. Vor allem von ihrer Mutter, den anderen weiblichen Verwandten, den Erzieherinnen. Denn es sind in der Hauptsache Frauen, die sich um die Kleinkinder kümmern. Die loben logischerweise das, was sie selbst als weiblich identifizieren. Und dazu gehört vor allem Schönheit. Sich um das Äußere kümmern wird daher als weiblich und weiblicher Wert identifiziert und aufgenommen. Die Mädchen wiederholen ihre Super-Verkleidungs-Show, sie wollen ja wieder gelobt werden. Und das werden sie auch wieder. Womit sich dieses Verhalten als „typisch weiblich“ verfestigt.

An dieser Stelle haben Jungen Defizite. Selbstverständlich werden sie auch gelobt, selbstverständlich auch von der Mutter und den Erzieherinnen. Es sind ja auch nur Frauen um sie herum. Die nehmen sie aber schon sehr früh als Angehörige eines anderen Geschlechts wahr, als Gegenüber. Sich mit ihnen identifizieren – geht nicht. Auch das Lob der Frauen fällt entsprechend aus: Gelobt werden die Bauwerke, die Objekte. Vielleicht noch der Weg dahin – toll gemacht. Aber nicht das Sein, ihr Männlich-Sein. Männlichkeit ist demzufolge immer mit dem Tun verbunden; der ergebnis- und lösungsorientierte Macher eben.

Eine Kita ohne Bau- und Puppenecke


Die typische Geschlechteraufteilung – Mädchen in die Puppenecke, Jungen in die Bauecke – herrscht in deutschen Kindergärten fast noch flächendeckend vor. Einen solchen Kindergarten in Regensburg suchten sich Daniela Mayer und ihre Kollegen vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München aus. Sie wollten wissen, ob es auch anders geht. Also räumten sie um und legten die Bau- und die Puppenecke zusammen. Sie beobachteten die Kinder einmal vor dieser Phase und einmal, nachdem sich die Kinder ein paar Monate lang an das neue Ambiente gewöhnt hatten.

Das Experiment war erfolgreich. Zwei Monate nach der Auflösung der getrennten Spielbereiche war das geschlechtstypische Spielverhalten kaum noch vorhanden. Es gab keine Jungen- und Mädchengruppen mehr, auch abwertende Bemerkungen über das andere Geschlecht waren kaum noch zu hören. Jungen und Mädchen waren meist gemeinsam aktiv – und zwar mit Bausteinen und Autos, mit Puppen und Kuscheltieren.

Es geht auch ohne Geschlechterklischees!


In Tests und Auswertungen der Spielsituationen zeigte sich: Die Mädchen verbesserten ihr räumliches Vorstellungsvermögen. Sie hatten sich monatelang mit Bauwerken beschäftigt, hatten geübt, wie Autos in Garagen fahren und wie Stockwerke übereinander gesetzt werden. Die Jungen profitierten ebenfalls. Denn die Mädchen hatten Fantasie- und Rollenspiele mit eingebracht. Dies übernahmen die Jungen, verbesserten so ihre sprachlichen Fähigkeiten, lernten, ihre Gefühle besser auszudrücken und sich in andere hineinzuversetzen.

Das zeigt: Es kann völlig egal sein, ob ein Junge oder ein Mädchen mit dem Ball spielt. Denn „ein Ball hat kein Geschlecht“, so Annette Drüner. Es kommt auf die Umgebung an, in der dieses Spielzeug auf den Rasen fliegt. Welche Zuschreibungen von außen an den Ball und damit an die Kinder, die damit spielen, herangetragen werden. Da das bereits sofort nach der Geburt beginnt, kann man nicht früh genug anfangen zu zeigen, dass der Ball für Jungen und Mädchen gleichermaßen da ist.

Ralf Ruhl

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