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Erfolgsmodell Väterzeit - eine Bilanz nach vier Jahren


Erfolgsmodell Väterzeit - eine Bilanz nach vier JahrenBild: Wladimir Wetzel - Fotolia.com

Das Elterngeld koste Milliarden, verfehle aber die von der Bundesregierung gesteckten Ziele, behauptet der "Spiegel”. Buchautor und Väterforscher Thomas Gesterkamp widerspricht.

Im Jahr 2007 führte die frühere Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) gegen Widerstände im eigenen konservativen Lager das Elterngeld und die Vätermonate ein. Von "Windelvolontariat” sprach damals abschätzig ein CSU-Politiker, ZDF-Moderator Klaus Kleber fantasierte von der "3600 Euro-Peitsche”, mit der die Männer nach Hause getrieben werden sollten.

Die Erregung älterer Herren über "Zwangsverpflichtung” und "Freiheitsberaubung” konnte den Erfolg der neuen Regelung nicht aufhalten. Seit die Familienauszeit mit einer lukrativen Lohnersatzleistung honoriert wird, hat sich die Beteiligung der Männer mehr als versechsfacht. Nach den jüngsten Auswertungen des Statistischen Bundesamtes bezog im ersten Halbjahr 2009 fast jeder vierte frischgebackene Papa (23 Prozent) Elterngeld. Vor dem Start des Instrumentes im Januar 2007 waren es nur 3,5 Prozent; in den Jahren zuvor dümpelte die Männerquote um 1,5 Prozent.

Immerhin ein Viertel der Väter pausiert nach den letzten Zahlen länger als zwei Monate. Es handelt sich keineswegs um reine "Mitnahmeeffekte”, wie Kritikerinnen notorisch behaupten, sondern um einen grundlegenden kulturellen Wandel. Die hohe Akzeptanz der Väterzeit liefert zudem den Beweis, dass Politik Verhalten beeinflussen oder gar steuern kann. Mit bis zu 1800 Euro Unterstützung im Monat (von der vor allem Gutverdienende profitieren) wird Männern seither ein finanziell attraktives Angebot gemacht. Sie werden nicht mehr mit maximal 300 Euro abgespeist, sondern tragen trotz Babypause Wesentliches zum Familieneinkommen bei. Sie müssen ihre Versorgerrolle nicht vollständig aufgeben - und sind dabei zu monetärem Pragmatismus: Leichter als frühere Vätergenerationen können sie ertragen, zeitweise weniger zu verdienen als ihre Partnerinnen.

Einkommensunterschiede bei Mann und Frau


Wegen der Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen förderte das frühere Erziehungsgeld traditionelle Geschlechterrollen. "Ich verdiene einfach mehr” aus väterlicher oder auch "Mein Mann verdient einfach mehr” aus mütterlicher Sicht lauteten die gängigen Argumente für die althergebrachte Arbeitsteilung in den Familien. Verstärkt durch niedrige Verdienstgrenzen funktionierte der Zuschuss als "Herdprämie” für Frauen. Für gut qualifizierte Eltern stellte das Erziehungsgeld meist keine attraktive Alternative zur Berufstätigkeit dar. Mit der Reform von 2007 änderte sich das grundlegend - und führte zu einer nie dagewesenen Beteiligung der Väter.

"Neue Männer - altes Muster” titelte dennoch die Zeitschrift Brigitte. Auf Frauentagungen kursiert weiterhin die verstaubte und nicht mehr besonders witzige Floskel von der "verbalen Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre” (der Männer, selbstverständlich). Das Bonmot des Soziologen Ulrich Beck stammt von 1986, ist also ein Vierteljahrhundert alt!

"Vier von fünf Papas stellen gar keinen Antrag auf Elterngeld”


"Vier von fünf Papas stellen gar keinen Antrag auf Elterngeld”, monierte auch der Spiegel kürzlich in einer äußerst platten Bilanz der Gesetzesreform von 2007. Der Satz erinnert an den absurden Streit darum, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Umgekehrt und positiv formuliert könnte man genauso feststellen: Viel mehr Männer als früher engagieren sich schon in der Säuglingszeit und sind bereit, dafür beruflich zeitweise zurückzustecken.
Die Geburtenrate, deren ausbleibende Steigerung die Zeitungskommentatoren beklagen ("Ziel verfehlt”), liegt in Deutschland schon seit über dreißig Jahren bei rund 1,35 Kindern pro Frau. Die absolute Zahl der Geburten sinkt nur deshalb, weil die heutige Elterngeneration bereits nach dem "Pillenknick” geboren wurde. Diesen langfristigen demografischen Trend kann man jedoch nicht dem Elterngeld und erst recht nicht allein den potenziellen Erzeugern anlasten.

Manchen Papas mag es immer noch ganz recht sein, wenn sie im Familienalltag randständig bleiben und zur Arbeit "fliehen” können. Doch auch Vollzeitarbeiter können gute Väter sein, und Erwerbsarbeit verstehen sie als eine männliche Form der Sorge. Sicher sind nur Minderheiten unter den Männern bereit zu einschneidenden Rollenexperimenten. Das liegt auch an ihren Partnerinnen: Die traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist keineswegs eine Geheimverschwörung männlicher Workaholics.

Väter brauchen Mütter, die ihnen vertrauen, was die Qualität ihrer Leistung in der Haus- und Fürsorgearbeit angeht. Wenn Frauen ihren Partner blockieren statt ihn zu ermuntern, kommt die männliche Emanzipation nicht voran. Die weiblichen Ansprüche an den Mann als Vater sind stark gestiegen, die Ansprüche an den Ernährer nicht bei allen Müttern in gleichem Maße gesunken. Am besten, Männer verdienen 10.000 Euro im Monat und kommen trotzdem schon mittags nach Hause. In einem weniger überspitzten Szenario sollten sie zumindest noch beim Supermarkt vorbeigefahren sein, bevor sie ein schreiendes Baby in die Hand gedrückt bekommen oder beim Rechnen mit Zehnerüberschreitung als Nachhilfelehrer agieren.

Vatersein muss in Öffentlichkeit wahrgenommen werden


Die geplante Ausweitung der bezahlten Väterzeit, die die amtierende Ministerin Kristina Schröder von ihrer Vorgängerin übernahm, war eine gute Idee. Sie fiel ohne große Proteste den Sparbeschlüssen der schwarzgelben Koalition zum Opfer. Hintergrund sind die hohen Kosten: Geschlechterpolitisch ist das Elterngeld ein großer Fortschritt, für die Verwalter des Bundeshaushalts allerdings eine Belastung. Fast 4,5 Milliarden Euro wurden im Jahr 2010 ausgezahlt, seit der Einführung 2007 summieren sich die Ausgaben auf knapp 15 Milliarden Euro. Das sind rund zwei Drittel des Gesamtbudgets des Familienministeriums. Ausgerechnet die erwünschte stärkere Beteiligung der Väter erweist sich als "Kostentreiber”. Die letzten Daten der belegen, dass Väter im Schnitt ein deutlich höheres Elterngeld beziehen als Mütter. Die bisher garantierten 67 Prozent des letzten Nettoeinkommens (die auf 65 Prozent sinken sollen fallen bei den Männern mehr ins Gewicht, weil sie vorher meist mehr verdienten als ihre Partnerinnen. Durch die Kürzungen will die Bundesregierung jetzt 630 Millionen Euro beim Elterngeld einsparen.

Mit der Diskussion um die Papamonate ist es erstmals gelungen, das Thema "aktive Väterlichkeit” in der breiten Öffentlichkeit zu verankern. Endlich rückte ins Blickfeld, dass Kinder die ersten zehn Jahre ihres Lebens im privaten wie im öffentlichen Raum fast ausschließlich von weiblichen Bezugspersonen umgeben sind. Die intensive pädagogischen Debatte um die "kleinen Helden in Not” deutet an, dass frühe Schwierigkeiten von Jungen später zu einer "Krise der Kerle” am Arbeitsmarkt führen können. Der "Vaterentbehrung” mit finanziellen Anreizen entgegen zu wirken, liegt so besehen nicht nur im familien- und gleichstellungspolitischen, sondern auch im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse.

Die Debatte um die "neuen Väter” war in den letzten Jahren sehr auf die Phase direkt nach der Geburt fixiert. Kinder aufziehen dauert jedoch zwanzig Jahre und nicht nur ein paar Monate. Noch wichtiger als finanzielle Unterstützung bei der Familiengründung wäre eine Unternehmenskultur, die sich verabschiedet von Anwesenheitszwang und beliebiger Verfügbarkeit. Viele Männer haben Ernüchterndes über ihre beruflichen Zwänge zu berichten. Zwar werden die Papamonate in den meisten Betrieben "durchgewunken”, wie eine Art verlängerter Urlaub behandelt. Doch weiter gehende Wünsche von Männern nach langfristig reduzierten Arbeitszeiten werten nicht wenige Vorgesetzte als Signal der Verweigerung.- bis hin zu Fällen, wo dann gleich mit Kündigung gedroht wird.

Immerhin lässt der erwartete Fachkräftemangel, der sich in einigen Berufsfeldern bereits auswirkt, so manchen Personalchef umdenken. Aufmerksame Chefs haben verstanden: Mitarbeiter lassen sich heute nicht allein mit teuren Dienstwagen oder Luxushotels ködern. Auch Männer suchen ein berufliches Umfeld, das Freiraum bietet für private Interessen und Verpflichtungen. Und wenn Väter dennoch manchmal zu spät nach Hause kommen für die Gute-Nacht-Geschichte, ist das keineswegs Absicht, sondern Ausdruck eines schwierigen Balanceakts - zwischen Kind und Karriere.

Dr. Thomas Gesterkamp

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