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Vätermonate - und danach?


Vätermonate – und danach?Bild: photocase-kallejipp

Sind die Vätermonate nur eine Medienhype oder führen sie zu einer tiefen gesellschaftlichen Veränderung? Thomas Gesterkamp spricht von einem "Kulturbruch" und fordert eine väterfreundliche Personalpolitik.

Was auf Männer, Frauen und Betriebe zukommt

Seit die Babypause nicht mehr mit einem Taschengeld, sondern mit einer Lohnersatzleistung honoriert wird, ist die Beteiligung der Männer deutlich gestiegen. Was aber passiert nach Papas Auszeit zu Hause? Beginnt die "Retraditionalisierung” der Geschlechterrollen, von der Forscher sprechen, einfach ein paar Monate später? Kehren Männer und Frauen dann zurück zur althergebrachten Arbeitsteilung, vielleicht mit ein paar modernen Elementen? Sind Familienbildungsstätten, Kindergärten oder Schulen überhaupt vorbereitet auf engagierte Väter? Und was tut sich in den Unternehmen, verstehen diese "familienbewusste” auch als "väterbewusste” Personalpolitk?

Männer sind pragmatisch

Neue Männer, alte Muster: Kritische Kommentare und Berichte zum "Väter-Hype” monieren stets, dass die Mehrheit von ihnen nur ein paar Wochen aussetze. Das Ziel, Rollenzuschreibungen aufzubrechen, werde verfehlt. Im Gegensatz dazu lautet meine These: Die hohe Akzeptanz der Väterzeit ist kein reiner "Mitnahmeeffekt”, sondern markiert einen Kulturbruch in der geschlechterpolitischen Debatte. Sie belegt, dass Politik Verhalten beeinflussen oder gar steuern kann. Männer können Wesentliches zum Familieneinkommen beitragen, ohne ihre Versorgerrolle ganz aufzugeben. Dabei sind sie bereit zu monetärem Pragmatismus: Leichter als frühere Vätergenerationen können sie ertragen, zeitweise weniger zu verdienen als ihre (oft genauso gut ausgebildeten) Partnerinnen.

Die Debatte um neue Männerrollen beschränkt sich bisher weitgehend auf die Phase rund um die Familiengründung. Die Quoten der Väter in der Babypause wurden anfangs präsentiert wie boomende Börsenkurse, dann ebbte das Interesse ab. Umso mehr sollte man die Aufmerksamkeit auf die Zeit danach richten. Die Absolventen der Papamonate wissen, dass Kinderaufziehen nicht nur ein paar Wochen oder Monate, sondern zwanzig Jahre dauert - manchmal sogar noch länger. Eine Welle der "aktiven Vaterschaft” - von Männern, die andere Erfahrungen gemacht haben als die Männer früherer Generationen - rollt seither auf die gesellschaftlichen Institutionen zu, die sich mit dem Nachwuchs beschäftigen. Auf diesen "sozialisatorischen Domino-Effekt”, wie ihn Karin Jurczyk und Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut nennen, müssen sich die Anbieter der Familienbildung, Krippen, Kindertagesstätten, Ämter, Beratungsstellen und Schulen einstellen.

Väter wollen gefragt werden


Innovative Konzepte sind gefragt. Es reicht nicht mehr, Väter zum kostengünstigen Renovieren der Gruppenräume einzuspannen oder sie beim Sommerfest an den Grill zu stellen, sonst aber zu ignorieren. Sitzungen des Elternrates oder Aufführungen des Kindertheaters, früher schon wegen ihres Zeitpunktes reine Frauentreffpunkte, müssen zu einem Termin stattfinden, den auch voll erwerbstätige Väter und Mütter wahrnehmen können. Männer, die zeitweise allein für ihr Kind verantwortlich waren, wollen von Erzieherinnen, Beraterinnen oder Lehrerinnen beachtet und ernst genommen werden. Schon in die Ausbildung dieser Berufsgruppen gehören deshalb Seminare und Bausteine, die sich mit Väterarbeit beschäftigen.

Aktive Väter wollen mit Kindern "ihr eigenes Ding machen”. Doch trotz der Erfolgsmeldungen beim Elterngeld haben Väter oft Schwierigkeiten, Gleichgesinnte zu finden. Treffpunkte für Mütter gibt es selbst in kleinen Gemeinden, für Väter fehlen sie weitgehend. In einigen Großstädten gibt es inzwischen eigene Väterzentren als Alternative zur herkömmlichen Familienbildung und als neues Element von Gemeinwesenarbeit.

Parallel dazu erreicht die Welle der engagierten Väter die Unternehmen - und damit jene "ernste Arbeit, die den ganzen Mann ausfüllt”, wie Kurt Tucholsky einst ironisch formulierte. Fakten setzen die Firmen dort unter Druck. Die Zahl der Väter in Elternzeit ist in vielen Betrieben deutlich gestiegen. Bei der Fraport AG zum Beispiel gingen nach Einführung der Papamonate plötzlich nicht mehr nur drei, sondern gleich 50 männliche Mitarbeiter in die Babypause - was am Boden des Frankfurter Flughafens besonders in der sommerlichen Hochsaison unerwartete logistische Probleme aufwarf.
Notwendig: eine neue Arbeitskultur in den Betrieben

In den Betrieben entscheidet sich, ob Lebensentwürfe langfristig individuell gestaltet werden können. Die "familienfreundliche” Erwerbswelt, die die Beraterszene predigt, erweist sich vielerorts als Mogelpackung. Tatsächlich gibt es eine Reihe von großen wie kleinen Unternehmen, die Eltern (oder auch Mitarbeitern, die ältere Angehörige pflegen) entgegenkommen. Sie wollen weniger unverbindlich "freundlich” sein als mit einer "familienbewussten” Personalstrategie vorausschauend dem befürchteten Fachkräftemangel begegnen. Vor allem qualifizierte Mütter möchten die Firmen nicht verlieren. Sie machen ihnen Angebote in Form mehr oder weniger attraktiver Teilzeitstellen. "Väterfreundlichkeit” ist deutlich weniger verbreitet: Männer sollen weiter voll einsatzfähig sein; Frauen gesteht man eine Nische zu, aus der heraus eine Karriere allerdings schwierig wird.

Die Wirtschaftspresse schreibt ständig über "Work-Life-Balance”, weil die Personalverantwortlichen das Umdenken in ihrer Belegschaft spüren. Zumindest ein Teil des umworbenen männlichen Nachwuchses erwartet nicht nur tolle Büros und schicke Dienstwagen, sondern auch Angebote zur Vereinbarkeit für Väter. Sie suchen betriebliche Partner für einen alternativen Karriereweg, der ruhig ein bisschen langsamer sein darf, der private Umwege akzeptiert und das Sammeln von Erfahrungen auch jenseits des Berufes positiv bewertet. Nur wenige Firmen haben schon überzeugende Konzepte vorgelegt, die Beschäftigte mit Fürsorgeaufgaben (dazu zählt auch die Pflege älterer oder behinderter Menschen) wirklich entlasten. Diese Vorzeigebeispiele prägen aber den öffentlichen Diskurs auf Tagungen, in Wettbewerben oder Zertifizierungsverfahren. Sie erwecken den Eindruck, es handele sich um einen allgemeinen Trend.

Die Unternehmen bieten gerade Berufsanfängern nur prekäre oder befristete Beschäftigung - und erwarten ständige Verfügbarkeit, sobald potenzielle Väter einen festen Job bekommen haben. Von den Hochglanzbroschüren unberührt dominiert eine Betriebskultur, die durch geringe Zeitsouveränität, regelmäßige Überstunden und Anwesenheitspflicht geprägt ist. Die Flexibilisierung im Firmeninteresse und die Ausweitung von Servicezeiten deckt sich keineswegs mit den Wünschen von Eltern oder pflegenden Angehörigen. Daran schrittweise etwas zu ändern ist die entscheidende Gestaltungsaufgabe der Zukunft

Thomas Gesterkamp

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