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"Väter müssen Orientierung geben"


„Väter müssen Orientierung geben“Bild: © Fotowerk - Fotolia.com

Vater-Sein bedeutet mehr als ein Kind zu zeugen. Zur gelebten Väterlichkeit gehört, auch unangenehme Dinge von seinem Kind zu verlangen und sich damit gegenüber der Partnerin durchzusetzen. Denn Väterlichkeit hat mit Autorität zu tun, so der Theologe und psychologische Berater Dr. Matthias Stiehler.

Väterlichkeit


Herr Dr. Stiehler, in Ihrem Buch "Väterlos" geht es um Väterlichkeit. Was bedeutet das eigentlich?

Väterlichkeit hat seinen Ursprung in der frühen Elternschaft und den dort gegebenen grundlegenden biologischen Unterschieden. Ein Kind wächst im Bauch der Mutter heran, sie nährt, schützt und ist zumindest in der Schwangerschaft selbstverständlich gegeben. Somit besteht eine enge Mutter-Kind-Symbiose, eine einzigartige und nicht-ersetzbare Einheit. Mütterlichkeit ist daher mit Fürsorge und Behüten assoziiert, sie wird allgemein als angenehm empfunden. Übertrieben kann sie jedoch zu eng werden und so die Entwicklung des Kindes zur Selbstständigkeit beeinträchtigen.

Und die Väterlichkeit?

Der Vater ist der Dritte, der Hinzukommende, der nicht Selbstverständliche. Er bietet eine Welt neben der Mutter-Kind-Beziehung und lockert damit die ursprüngliche Symbiose. Das ermöglicht dem Kind Beziehungsvielfalt und die Entwicklung eines eigenständigen, stabilen Selbst. Indem er den behüteten, selbstverständlich gegebenen Raum aufbricht, eröffnet er dem Kind die "Entdeckung der Welt". Das entspricht der normalen Neugier, kann aber auch Angst machen. Väterlichkeit bedeutet daher als Prinzip vor allem Orientierung zu geben. Dazu gehören selbstverständlich auch Begrenzung, Strukturierung, Anleitung und Führung, aber auch das Zumuten von Unangenehmem.

Autorität


Das klingt ein wenig nach dem alten autoritären Vaterbild.

Autorität - ja, brutales Durchsetzen - ganz klar nein. In der Beratung erlebe ich oft Paare, die dem Kind zu viel Entscheidungsspielraum geben, die es völlig ins Zentrum ihrer Partnerschaft stellen. Das ist für das Kind eine Überforderung. Ein Zweijähriges kann nicht entscheiden, wann es ins Bett gehen soll. Das ist Sache der Eltern, das müssen sie durchsetzen. Und genau das ist das väterliche Prinzip.

Das können doch aber auch Frauen leisten.

Ja sicher. Das machen ja auch viele. Oft allerdings kollidiert das mit dem Selbstbild der fürsorglichen Mutter. Tendenziell sind Mütter schneller mit dem Kind identifiziert und haben Angst, ihm zu viel zuzumuten. Väter trauen ihren Kindern oft mehr zu, sei es im Spiel, sei es bei Begrenzungen und Regeln. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Mütter die Kontrolle über die Kindererziehung behalten wollen, es ihnen also ihrerseits schwer fällt, die frühe Mutter-Kind-Symbiose aufzulösen. Dann nehmen sie eine Art "Pförtnerfunktion" ein und machen Vorschriften, wie es zu laufen hat. Das beobachte ich heutzutage bei vielen Familien. Die Väter aber müssen ihrerseits bereit sein, ihre eigenständige Verantwortung wahrzunehmen. Auch das fällt vielen schwer. Sie sehen sich dann eher als eine zweite Mutter oder als Spielkamerad der Kinder. Das Ziel ist also auch in der Kindererziehung eine gleichberechtigte Partnerschaft, in der Mütterlichkeit und Väterlichkeit ihren eigenständigen Platz haben.

Autorität


Wie kann eine dem Kind zugewandte Väterlichkeit heute aussehen?

Meine Generation litt zumeist an einem abwesenden Vater - entweder weil er fast nur mit seinem Beruf befasst war oder weil es ihm gar nicht möglich war, die Bedürfnisse und manchmal auch Nöte seines Kindes wahrzunehmen. Die heutige Vätergeneration möchte ihre Vaterschaft zunehmend aktiv wahrnehmen, also den "abwesenden Vater" überwinden. Doch es fehlt eine eigenständige väterliche Identität. Positive Väterlichkeit wird heutzutage eher mit mütterlichen Eigenschaften wie Fürsorge beschrieben. Und natürlich muss ein Vater auch fürsorglich sein. Aber Zuwendung zu seinem Kind heißt eben auch, Führung zu übernehmen, dem Kind Orientierung und Struktur zu geben, ihm die manchmal ja auch sehr unangenehme Realtität zuzumuten. Das wird heutzutage oft mit "Vorbildsein" beschrieben. Aber das ist mir noch zu schwach. Väter sollten Lebenslehrer und auch Gewissensbildner für ihre Kinder sein. Und das kommt auch in der heutigen Generation zu kurz. Die mütterliche Zuwendung dem Kind gegenüber überwiegt bei beiden Eltern. Das fühlt sich dann vielleicht im ersten Moment so an, dass man dem Kind zugewandter ist. Aber es nimmt das Kind mit seinen Bedürfnissen nicht wirklich ernst.

Männlichkeit mit Leben füllen


Wie können Männer diese väterlichen Qualitäten erlangen?

Indem sie sich mit ihrem eigenen Vater und ihrem Vaterbild auseinandersetzen. Wie habe ich Väterlichkeit erlebt, positiv oder negativ, in der Hauptsache einengend oder vor allem gewährend? Welche väterliche Orientierung habe ich erlebt, wo fehlte es mir an Begrenzung? Und dann entwickelt sich Väterlichkeit im konkreten Leben mit dem Kind, in der konkreten Auseinandersetzung: Wo stehe ich in der Gefahr, einfach nur gedankenlos nachzugeben und das Kind die Familienentscheidungen treffen zu lassen? Die Frage sollte dann nicht sein: "Warum nicht das tun, was das Kind möchte?", sondern "Warum?" Also schon auf das Kind hören, aber eben nicht die Verantwortung abgeben. Die Entscheidung muss bei den Eltern liegen und wem das schwerfällt, ist gefordert, sich damit aktiv auseinanderzusetzen. Doch natürlich gilt auch: Kein Mann wird es schaffen, ein perfekter Vater zu sein. Entscheidend ist nicht die Fehlerfreiheit, sondern die Annahme der Herausforderung.

Was bedeutet das auf gesellschaftlicher und politischer Ebene?

Wenn wir den autoritären, brutalen - und damit übrigens den innerlich schwachen -Vater ablehnen, dann lehnen wir auch totalitäre Gesellschaftsordnungen wie den Nationalsozialismus und den Kommunismus ab, die in ihrem Kern ebenfalls schwach sind. In unserer Gesellschaft aber sind die autoritären Väter eine Randerscheinung. Häufiger treffen wir auf den "unväterlichen Vater". Das hat überall dort sehr problematische Konsequenzen, wo auch auf gesellschaftlicher Ebene Strukturierung und Begrenzung notwendig ist. Es gibt nach meiner Einschätzung allgemein zu wenig Bereitschaft, auch Unangenehmes zu tragen und Verantwortung zu übernehmen. Ich führe in meinem Buch zahlreiche Beispiele an und es ist schon erschreckend, wie "väterlos" unser gesellschaftliches Zusammenleben mittlerweile ist.

Interview: Ralf Ruhl

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