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"Väter sind Eltern dritter Klasse"


„Väter sind Eltern dritter Klasse“Bild: © Rafael Ben-Ari - Fotolia.com

Ralf Bönt hat mit "Das entehrte Geschlecht" ein aufsehenerregendes Buch geschrieben. Trotz des kämpferischen Titels geht es vor allem um Selbstliebe, Anerkennung und Väterlichkeit.

väterzeit: Herr Bönt, Sie beginnen Ihr Buch mit einer Geschichte, in der ein Vater auf dem Spielplatz der Tochter die Strumpfhose hoch zieht, dafür böse Blicke von Müttern erntet und sich letztlich bei der Polizei rechtfertigen muss. Sind Väter Eltern zweiter Klasse?

Ralf Bönt: Vielleicht noch nicht einmal zweiter Klasse, sondern eher dritter oder gar vierter Klasse. Sie können das Sorgerecht nur erlangen, wenn die Mutter zustimmt. Wenn leibliche Väter keine Chance haben, das Sorgerecht zu bekommen, weil die Mutter mit einem anderen Mann verheiratet ist, dann sind sie "Eltern non grata".

Die Lebensplanung ändern


väterzeit: Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie dazu gebracht, sich mit den Themen "Männlichkeit" und "Väterlichkeit" zu beschäftigen?

Ralf Bönt: Das war mein sehr starker Wunsch nach Kindern, der sich schon sehr stark regte als ich 20 Jahre alt war. Als ich 30 war änderte ich meine Lebensplanung und setzte den beruflichen Erfolg an zweite Stelle und die familiären Wünsche an die erste. Doch das reichte nicht aus, um Vater zu sein. Ich arbeitete - und Mutter und Kind waren immer zusammen. An einem Sonntagmorgen kam ich in die Küche, meine Frau und mein Sohn saßen am Tisch und er sagte: "Papa soll wieder raus gehen". Diese Szene empfand ich als sehr symbolisch. Andere junge Väter berichteten mir, dass sie Ähnliches erlebt hätten. Sie fanden das normal, ich allerdings überhaupt nicht. So habe ich einen freien Tag mit meinem Sohn gefordert und durchgesetzt. Erst dadurch kam es zu einem Vater-Sohn-Verhältnis, das diesen Namen überhaupt verdient.


väterzeit: Wie können sich Väter heute besser und stärker in die Familie einbringen?

Ralf Bönt: Ich bin kein Ratgeber, das möchte ich betonen. Der Vater ist eindeutig nicht die Mutter. Männer können diese Andersartigkeit nutzen für das Verhältnis zu ihren Kindern. Aber sie müssen sich aktiv darum bemühen. Nach meiner Erfahrung erhält man dann eine persönliche Wertschätzung, die man auf keinem anderen Sektor des Lebens bekommen kann. In unserer Kultur versuchen Männer, den Lebenssinn in Dingen zu finden, die außerhalb ihrer selbst liegen. Das geschieht meist durch die Arbeitsleistung. Vom Liebesverhältnis zum Kind und zu ihrer Familie sind sie dadurch jedoch stark ausgeschlossen.

Lebenssinn und Familie


väterzeit: Ist das der wesentliche Unterschied zwischen Vätern und Müttern heute?

Ralf Bönt: Ja. Es gibt bei Müttern eine ganz andere Selbstverständlichkeit im Kontakt zum Kind, die überhaupt nicht infrage gestellt wird, auch rechtlich nicht. Das zieht sich vom Code Civil bis zur Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Man geht davon aus, dass es eine grundsätzlich andere Beziehung von der Mutter zum Kind gibt. Das gilt aber auch auf der persönlichen Ebene. Die Frau hat ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Körper als der Mann, der ihn immer noch sehr mechanisch sieht und als ein Instrument, das immer einsatzbereit sein muss.

väterzeit: Was bedeutet für Sie Väterlichkeit?

Ralf Bönt: Da fallen mir zuerst Sorge und Fürsorge ein, aber auch das klassisch patriarchale Beschützende. Außerdem Geborgenheit. Und dass man sich um das aufgeschlagene Knie kümmert, zum Arzt fährt und sich in diesen fürchterlichen verkeimten Wartezimmern aufhält. Dafür wird ein halber Arbeitstag aufgegeben und nach relativ kurzer Zeit sieht man, dass ein anderer Kollege Abteilungsleiter wird und nicht man selbst. Wenn man aktiver Vater ist, macht man eben bestimmte Karriereschritte nicht. Damit muss man zurechtkommen, das braucht auch eine gewisse Härte - und sollte anerkannt werden.

Liebe und der eigene Vater


Die Grenzen der Leistungsfähigkeit


väterzeit: Also ist der aktive Vater ein Weichei, das sich im Haifischbecken der Karriere nicht richtig durchbeißen kann?

Ralf Bönt: Wenn Ralf Rangnick seinen Job als Fußballtrainer kündigt wegen eines Burnouts, dann ist er kein Weichei, das ist extrem hart und mutig. Da zeigt er Verletzlichkeit - etwas, das sonst nur Frauen zugestanden wird. Er erfindet keine Geschichte, etwa die einer Erkrankung, sondern er zeigt sich, wie sich ein Fußballer nicht zeigen darf: an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Damit sinkt sein Marktwert auf Dauer. Aber er macht so deutlich, dass es mehr im Leben gibt als ständig über die Grenzen seines Körpers zu gehen. Ein Grund für seinen Burnout war ja auch, dass er seinen alten Vater gepflegt hat.

väterzeit: Ihr Buch heißt "Das entehrte Geschlecht". Worin sehen Sie die Ehre des Mannes - jenseits alter soldatischer Tugenden?

Ralf Bönt: Sicher nicht im Machismo, an den man üblicherweise zuerst dabei denkt, an den jungen Mann, der mit quietschenden Reifen um die Ecke fährt und damit seine Männlichkeit zu beweisen sucht. Der ist ja eher ein Muttersöhnchen, der keine echte Männlichkeit vorgelebt bekommen hat. So wird er zu einem Poser, der durch Angabe Respekt finden will. Was er eigentlich will, ist aber Liebe. Darin zeigt sich auch, dass der "typische Mann" eher neben sich steht und eben nicht immer über sich hinausgeht, wie das Simone de Beauvoir und viele andere Feministinnen formuliert haben. In der Regel steht der Mann neben sich und versucht, sich auf den Absturz vorzubereiten, auf den Jobverlust, auf einen der hinteren Plätze im Beruf oder im Sport. Heute würde ich mein Buch lieber "Das ungeliebte Geschlecht" nennen.

Liebe und der eigene Vater


väterzeit: Lieben sich Männer also selbst nicht?

Ralf Bönt: Sie lieben sich viel zu wenig. Die Asiaten können das besser als wir Europäer, sie haben kein so distanziertes Verhältnis zu sich selbst. Asiatische Verehrungsrituale sind dafür ein wunderbares Bild. Sie gehen davon aus, dass jeder Mensch grundsätzlich ein Recht hat, da zu sein, es sich nicht erst erwerben muss. Ich kann nur jedem Mann wünschen, das einmal zu erleben.

väterzeit: Die Männer unserer Generation haben eine hohe Sehnsucht nach ihren meist als abwesend erlebten Vätern. Wie können Väter und Söhne sich heute versöhnen?

Ralf Bönt: Das geht nur über Loslassen und Vergeben. Die Generation meines Vaters hatte nicht die Chance zu wählen, ob sie sich lieber stärker in der Familie engagieren oder wegen der Arbeit abwesend sein wollen. Männer aus dieser Generation reagieren oft neidisch, wenn sie sehen, wie ihre Enkel freudig zu ihrem Vater laufen und mit ihm spielen. Wenn man sie am Ende ihres Lebens fragt, was sie am meisten bereuen, sagen sie "dass ich zu wenig Zeit mit meinen Kindern verbracht habe". Nach der Pensionierung sind Männer oft ein Störfaktor im Haushalt. Die Herzinfarktrate geht hoch, weil ihnen der Lebenssinn abhanden gekommen ist und sie sich nicht in die neue Situation einfinden können. Da fehlen Wertschätzung und Selbstbestätigung. Auch die Frau muss sich damit auseinandersetzen, was es bedeutet, wenn der Mann den ganzen Tag zuhause sitzt.

väterzeit: Werden Sie weiter am Thema "Männlichkeit" arbeiten?

Ralf Bönt: Das ist schon mein Hauptthema, auch in meinen Romanen. Ich bin froh, dass jetzt eine offene Diskussion über dieses Thema herrscht. Das war vor zwei Jahren noch unmöglich. Ich hoffe, dass Männer weiter an gesetzgeberischen Initiativen engagiert sind, damit das Sorgerecht endlich von Anfang selbstverständlich zum Vatersein gehört.

Interview: Ralf Ruhl

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