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Vater werden in China


Schwanger sein in PekingBild: CaptainE@photocase.com

Als Europäer bin ich mit einer Chinesin verheiratet. Sie erwartet jetzt ein Kind. Ich hätte nie gedacht, was man in "anderen Umständen" in Peking erlebt. Ungefragte Ratschläge sind das Mindeste. Traditionen verhindern aber auch manch alltäglichen Einkauf...


Meine Frau kommt aus der Provinz Sichuan in Zentral-China. Sie ist in der 28. Woche schwanger. Als wir von der Schwangerschaft erfuhren, waren wir sehr glücklich - aber schon kurze Zeit später begannen die unerwarteten Überraschungen. Denn das chinesische Volk hat einen mehr oder minder starren Verhaltenskodex, was das Verhalten einer Schwangeren betrifft. Ein Verstoß dagegen wird, so erführen wir am eigenen Leib, unter keinen Umständen geduldet.

Der chinesische Verhaltenskodex für Schwangere


Huan, die Schwägerin meiner Frau, war die Erste, die mit Enthusiasmus in dieses Spielchen einstieg - und sie entpuppte sich als wahre Expertin auf dem Gebiet. Von nun an sollte meine Frau
  • nicht mehr an Hochzeiten oder Beerdigungen teilnehmen, denn sie könnte Gefahr laufen, zu emotional zu reagieren (und das könnte einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Fötus nehmen).
  • unter keinen Umständen Freunde besuchen, die gerade Eltern eines kleinen Jungen geworden sind (Huan glaubt: Neugeborene Babys übertragen eine sehr starke Yang-Energie, die dem ungeborenen Kind schadet).
  • keine Möbel in unserem Appartement verrücken - vor allem nicht im Schlafzimmer - , und sie sollte nicht stricken, nicht nähen, keine Scheren benutzen oder Nägel in Wände hämmern (dies alles könnte sonst dem Gott der ungeborenen Babys, Taishen, einen Grund geben, den Fötus zu schädigen oder gar eine Fehlgeburt auslösen.
Eine ganz besondere Hiobsbotschaft kam von meiner Frau: kein Sex mehr! Laut den alten chinesischen Lehren wollte sie mir sogar verbieten, das Schlafzimmer zu betreten: "Du bist im Jahr des Tigers geboren. Tiger sind für Menschen gefährlich, du könntest einen tödlichen Einfluss auf den Fötus haben."

Doch damit nicht genug: "Von nun an", sagte meine Frau, "gibt es kein spätes Heimkommen von einem Abend mit Freunden mehr. Wir Chinesen glauben, dass böse Geister nach Mitternacht erscheinen, denn sie bevorzugen die Dunkelheit." Von nun an wollte meine Frau dunkle Schatten von Bäumen meiden, weil dies die bevorzugten Verstecke der Geister seien.

Doch auch in China wird nicht alles so heiß gegessen, wie es im Reiskocher gekocht wird. Bisher haben weder unser Sexualleben noch unser Sozialleben zu sehr gelitten ...

Wie man mit der Nahrung das Geschlecht bestimmt


Alle mischen sich ein


In China kümmern sich die meisten Menschen ausschließlich um ihre eigenen Angelegenheiten. Nie mischen sie sich in das Leben von völlig Fremden ein. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Schwangere. Wildfremde Menschen sehen es als ihre Pflicht und ihr Recht, meiner Frau zu sagen, was sie essen sollte und was nicht, welche Kleidung und Schuhe sie tragen sollte etc. Neulich weigerte sich eine Verkäuferin, meiner Frau Nagellack zu verkaufen. Sie glaubte, dieser könne ungesund für das Baby sein. Das gleiche erlebte meine Frau letzte Woche beim Kauf von Medizin und Unterwäsche.

Unter normalen Umständen sind junge Chinesinnen sehr weltoffen, modisch und auf ihr Äußeres bedacht. Die inoffizielle Uniform für schwangere Chinesinnen dagegen scheint aus überdimensionierten Overalls mit Teddybären auf der Vorderseite und einem Kurzhaarschnitt zu bestehen. Wer sich dagegen entscheidet, wird schief angesehen.

Meine Frau hat von Beginn an zu Teddybären und kurzen Haaren "Nein" gesagt - und geriet unter Beschuss. Denn sie trug Kleidung, die im Westen für Schwangere üblich ist und die den wachsenden Bauch eher betont als versteckt. Für diesen Stil erntete sie eine Menge böse Blicke und laute Kommentare.
Wenn fremde Kulturen aufeinanderprallenBild: Grassi@photocase.com

Junge oder Mädchen?


Seit sich der Bauch meiner Frau rundet, bestimmt jeder, den wir kennen, mit einem hohen Grad an Autorität und Überzeugung das Geschlecht des Babys. "Dein Bauch ist spitz - es wird ein Junge" sagte unsere Putzfrau. "Schön, dass es zuerst ein Mädchen wird, dann kann es später auf den Jungen aufpassen, der dann als Nummer zwei kommt",meinte der Obst- und Gemüsehändler.

Eines Abends bei einem Spaziergang sagte ein alter grauhaariger Chinese: "Sie werden einen Jungen bekommen. Herzlichen Glückwunsch!". Er fügte noch hinzu: "Fragen Sie nicht warum, ich weiß es. Und ich habe mich noch nie geirrt." Dann setzte er seinen Weg fort und ließ uns sprachlos stehen.

In China dürfen die Ärzte das Geschlecht des Babys nicht verraten, um zu verhindern, dass die Eltern abtreiben, wenn es kein Junge wird. Unsere Putzfrau kommt aus der ländlichen Provinz Anhui. Dort, erzählte uns, sei es üblich, den Arzt zu bestechen, damit er das Geschlecht des Kindes preisgibt - jedenfalls wenn man das Geld hat. Ist das erste Kind ein Mädchen, entscheiden sich die meisten Eltern für eine Abtreibung. Auf dem Land ist es immer noch sehr wichtig, seinen Familiennamen und die damit verbundenen Verpflichtungen weiterzugeben. Das soll die Versorgung der Eltern im Alter sichern - und traditionsgemäß muss das vom Sohn übernommen werden.

Wir konnten die Spannung nicht mehr aushalten. Meine Frau wird in einer Privatklinik in Peking entbinden. Da fragte sie einfach bei der letzten Untersuchung, was es nun wird. Die Antwort war: "Ein Junge!"

Wie man mit der Nahrung das Geschlecht bestimmt


Wir hätten das Geschlecht unseres Kindes auch selbst bestimmen können. O-Ton Huan: "Willst du einen Jungen, iss Tofu, Pilze, Nudeln und Salat. Willst Du ein Mädchen - iss sauer eingelegtes Gemüse, Fleisch und Fisch!" Auch ein Grund für eine Schwangere, auf ihre Ernährung zu achten...

Eines abends, als wir vor unserem Tor standen, fuhr die ortsansässige "Katzen-Frau" mit dem Rad vorbei und bemerkte: "Denke daran, jetzt Walnüsse zu essen. Jetzt kommt die Zeit, in der dem Kind die Haare wachsen." Bevor wir uns umdrehen konnten, war sie auch schon verschwunden. Walnüsse sehen aus wie das menschliche Gehirn, deshalb sagt man, sie sind gut für die Entwicklung der kleinen grauen Zellen und, laut der Katzen-Frau, ebenso für die Haare.

In Sichuan, der Heimatprovinz meiner Frau, sind Hasenköpfe eine große Delikatesse. Seit sie schwanger ist, sind sie Tabu: auf Anweisung ihrer Mutter. Denn sie behauptet: Isst man Hasen während der Schwangerschaft, kommt das Kind mit einer "Hasenscharte" zur Welt. Tintenfisch verbietet sie ebenfalls. Denn der bewirke, dass der Uterus zusammenklebt. Bei Krabben könne das Kind später bösartig sein.

Chinesischer Schwangerschaftskalender


Die Sache mit dem Schwimmbad


Die meisten Chinesen sind sich darüber einig, dass man sich während der Schwangerschaft nicht bewegen sollte. Meine Frau entschied sich, wenigstens einmal in der Woche Schwimmen zu gehen - wie in westlichen Ländern üblich. Oder es wenigstens zu versuchen, denn bis jetzt hatte sie keinen wirklichen Erfolg. Beim ersten Mal schwamm sie genau eineinhalb Bahnen, bevor drei Rettungsschwimmer mit furchteinflößenden Blicken auf sie zustürmten. Sie wurde aufgefordert, sofort das Wasser zu verlassen. "Schwimmen während der Schwangerschaft ist sehr gefährlich. Niemand hier will die Verantwortung dafür tragen.". Zwei Angestellte begleiteten meine Frau in die Dusche.

Später teilte ihr der Manager des Bades mit, sie möge in Zukunft bitte vorher anrufen, wenn sie unbedingt schwimmen wolle. Er würde dafür sorgen, dass dann niemand im Pool sei. Meine Frau verstand jedoch genau, dass er einen zweiten Versuch auf keinen Fall dulden werde. Jetzt macht sie einen Yogakurs. Dabei gab es glücklicherweise bisher keine Einmischungen.

Der Geburtstermin rückt näher


Inzwischen erreichen uns viele Geschenke von Freunden und Bekannten. Das wirft die Frage auf: "Was sollten wir uns vor der Geburt anschaffen"? Eine brisante Frage, denn Chinesen sagen: Babysachen im Haus - vor der Geburt - bringen Unglück. Auch den Kinderwagen sollten wir nicht im Haus haben, bevor das Kind geboren ist. Außerdem sollte meine Frau ihren Bauch nicht mehr streicheln. Die Folge wäre ein behindertes Kind. Die Liste ist endlos; sie wird noch länger, wenn unser Sohn erst geboren ist. Ich mag gar nicht daran denken.

Ich merke schon: so ganz kann ich mich dem Einfluss dieser Ratschläge nicht entziehen. Nur wenige sind messbar oder gar zu beweisen, aber wer kann schon sicher sagen, was einfach Aberglaube ist und was gesunder Menschenverstand? Oft bin mir selbst nicht sicher und denke, es kann nicht schaden, auf einige gute Ratschläge zu hören, selbst wenn sie von wildfremden Menschen kommen. Warum ein Risiko eingehen? Ich will auf der sicheren Seite sein, schließlich ist mein Sohn "made in China"
Chinesischer SchwangerschafstkalenderBild: Klicken Sie auf das Bild!

Chinesischer Schwangerschaftskalender


Übrigens hätten wir alle Prophezeiungen in den Wind schlagen können. Wir hätten nicht mal den Arzt fragen müssen. Denn die Chinesen habe eine ganz sichere Methode, mit der man "ausrechnen" kann, ob es Junge oder Mädchen wird. Und die gibt es seit 700 Jahren.

Der "Chinesische Schwangerschaftskalender" enthüllt das Geschlecht des Babys. Man muss nur wissen, wann es gezeugt wurde und wie alt die Mutter ist. Ein kurzer Blick auf die Tabelle hätte uns verraten, was wir schon wissen: Es wird ein Junge! Mein Sohn wurde gezeugt im Januar. Meine Frau ist 37. Versuchen Sie es selbst!

Simon Ron Gjeroe

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