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Väter in Japan: der Ikumen-Hype


Väter in JapanBild: © sunabesyou - Fotolia.com

In Japan werden in der Familie engagierte Männer erfolgreich mit speziellen Väterprodukten umworben. Das könnte doch auch in Deutschland funktionieren, oder?

Väter in Japan: infarktgefärdete Übererfüller?


Japan galt bisher nicht als eine Hochburg der aktiven Väterlichkeit. Das Bild vom japanischen Mann prägt in Europa eher der infarktgefährdete Übererfüller am Arbeitsplatz, der in der Familie eine distanzierte und randständige Position einnimmt. Über achtzig Prozent der Mütter, aber nur zwei Prozent der Väter gehen in Japan in Elternzeit. Allerdings ist das auch eine Frage der Perspektive: Vor zehn Jahren lag die Väterquote noch bei unter 0,5 Prozent, in Deutschland bei 1,5 Prozent.

Selbst in der privat sehr traditionell orientierten japanischen Gesellschaft gibt es Veränderungen bei den Vätern. An dem westlichen Klischee, das das Land bei der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung als rückständig verortet, ist dennoch etwas dran. Ethnologen schildern die irritierende Beobachtung, dass japanische Mütter auf Spielplätzen die Höhe der Gehälter ihrer Ehemänner vergleichen - ein eindrücklicher Beleg für die Bedeutung des männlichen Ernährermodells. Jetzt aber weht von Fernost plötzlich eine frische väterpolitische Brise: Die Ikumen sind da!

Das japanische Wort "Iku” bedeutet frei übersetzt "fürsorglich". Der Begriff steht für eine Marketingoffensive, an der neben den Herstellern von Konsumartikeln auch Medien und sogar die Regierung beteiligt sind. Populär geworden und in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen sind dabei nicht nur die Ikumen selbst, die neuen Väter also, sondern auch weitere Sprachschöpfungen wie etwa der Ikuboss. Das ist ein Vorgesetzter, der Verständnis hat für die Nöte junger Eltern und eine familienbewusste Personalpolitik betreibt. Er bildet mithin das Gegenteil zum britischen "Dinosaur Dad”, jener langsam aussterbenden Spezies älterer Chefs, deren Frau ihnen zu Hause die gesamte Sorgearbeit abnimmt, die aber von
männlichen Nachwuchskräften vollständige Verfügbarkeit für das Unternehmen erwartet.

Geburtsvorbereitung im Supermarkt


Vor allem die japanische Version der Zeitschrift FQ profiliert sich, bei einer Auflage von immerhin 50.000 Exemplaren, als Magazin für die Ikumen. Diese Ausrichtung drückt sich nicht nur in der Themenwahl, sondern auch in den geschalteten Anzeigen aus. Angepriesen werden "Ikumen-Goods”, Produkte, die sich gezielt an aktive Väter richten. Besonders spektakulär wirkt das bei genauem Hinsehen nicht. Das "Ikumen-Bike” zum Beispiel ist schlicht ein bequemes Stadtfahrrad mit Kindersitz. Das Shampoo "Papa Furo” soll die Vater-Kind-Beziehung in der Badewanne verbessern. Und spätestens beim Tragegurt im olivgrünen Military-Look, der sich in Design und Farbgestaltung an vermuteten männlichen Wünschen orientiert, beginnt das Stereotyp.

Witzig - und vielleicht sogar nachahmenswert - ist auf jeden Fall der Supermarkt, der japanische Männer nach einem langen Arbeitstag zur "Pre-Papa Night Tour” einlädt. Werdende Väter können sich nach dem Absolvieren ihrer Überstunden dort spätabends über die üppige Auswahl an Windeln, Milchfläschchen und Babyspielzeug informieren. Doch ändert diese ungewöhnliche Art von Geburtsvorbereitung die Einstellung der japanischen Männer zur Vaterschaft? Der Ikumen-Hype ist bislang weniger Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels als ein Marketingtrick.

Frauen im Familienvan


Ein Trick, der immerhin funktioniert, im Gegensatz zur Situation hierzulande. Die Zahl der deutschen Männer in der Babypause mag sich verzehnfacht haben, eine kommerzielle Ansprache von Vätern als Konsumenten aber findet kaum statt. Selbst die Familien-Vans in den Elternzeitschriften werden nicht von autobegeisterten Männern, sondern von Frauen illustriert - weil Mütter nach Ansicht der Werber letztlich die Konsumentscheidungen treffen. An engagierte Väter adressierte Zeitschriften wie "paps” konnten sich wegen der ausbleibenden Finanzierung durch Anzeigen nicht durchsetzen - nach gut zehn Jahren wurde das Experiment beendet und die Zeitschrift eingestellt.

Der Marketingexperte Florian Kohlbacher, der lange in Japan gelebt hat und jetzt an einer International Business School im chinesischen Suzhou unterrichtet, erklärt diesen Unterschied mit der größeren Bedeutung von Printerzeugnissen auf dem japanischen Medienmarkt. Die Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften liegen dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich höher als in Europa, nicht nur dank der zahllosen Manga-Titel. Kohlbacher zufolge gab es deshalb trotz starker Konkurrenz eine Nische für die Ikumen-Kampagne.

Sogar die japanische Regierung ist auf den Trend aufgesprungen. In Onlineauftritten und Anzeigen sowie einem "WLB Hand Book”, einem Ratgeber zur Work-Life-Balance, wirbt sie angesichts sinkender Geburtenzahlen für eine stärkere Beteiligung der Männer. Unternehmen der Privatwirtschaft unterstützen die Initiative "Fathering Japan", schulen Arbeitgeber in väterbewusster Personalpolitik und gründeten die "Ikuboss Company Alliance”.

Japanische Männer verbringen weniger Zeit mit ihren Kindern als ihre westlichen Pendants, sie leben weiterhin familienferner als die meisten europäischen Väter. Der Ikumen-Hype enthält viel heiße Luft, ist mehr Werbung als Realität. Nachahmenswert aber ist die Idee, das Phänomen der aktiven Vaterschaft mit einem eingängigen Label zu versehen. Leider fehlt für das Wörtchen "Iku” bisher das passende deutsche Äquivalent. "IQ" wäre sicherlich unpassend...

Thomas Gesterkamp

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