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"Vaterliebe muss Distanz überwinden"


„Vaterliebe muss Distanz überwinden“Bild: simonthon.com-photocase.de

Vaterliebe, Mutterliebe, Familienliebe - was das ist und wie es zusammengehört, beschreibt der Tübinger Familiencoach Reinhard Winter in seinem neuen Buch. Ralf Ruhl sprach mit ihm über Sinnlichkeit, robuste Körperkontakte und den unmöglichen Anspruch dauerhafter Harmonie.

Wenn Väter ihr Herz öffnen


Vaterliebe - was ist das eigentlich?

Noch vor 30 Jahren wurden die Liebe des Vaters und die der Mutter als sehr unterschiedlich gesehen. Das wird z.B. in dem berühmten Buch von Erich Fromm "Die Kunst des Liebens" so beschrieben. Inzwischen sind sie - vor allem im praktischen Tun - fast ausgeglichen. Dennoch gibt es grundlegende Unterschiede: Die Mutter erlebt durch die Schwangerschaft, die Verbundenheit über die Nabelschnur, die Geburt, das Stillen die Liebe sehr stark körperlich. Ihre Aufgabe ist es, sich aus dieser starken körperlichen Verbindung nach und nach zu lösen. Beim Vater ist das eher umgekehrt. Seine Liebe muss eine gewisse Distanz überwinden. Er muss sich in die Beziehung hineinbegeben und sein Herz öffnen. Daraus folgt, dass Väter oft fordernder sind, den Kindern mehr zumuten, auch mal robuster spielen, eher mit den Kindern raufen und weniger ängstlich sind .

Männern wird oft nachgesagt, sie könnten Gefühle nicht so zeigen...

Ist das so? Das erlebe ich ganz anders. Männer können das schon, aber ob sie das immer wollen, ist eine andere Frage. Allerdings denken sie oft anders darüber als Frauen und reden auch anders darüber. Manchen fällt es schwer, Gefühle in Begriffe zu packen. Sie wachsen in einer Kultur auf, die stärker auf Konkurrenz basiert, daher geben sie sich offensiver. Sie benutzen eher Sätze, die nicht so differenziert oder feingliedrig gebaut sind.

Ist das Kindern gegenüber anders?

Väter erleben und lernen durch das Tun, beim Wickeln, Spazierenfahren im Kinderwagen, beim Herumrollen auf dem Teppich. Sie spüren dabei "jetzt bin ich in einer Beziehung und ich gestalte sie". Da taucht die Liebe in ihrer ganzen Sinnlichkeit auf: mit dem Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Streicheln und natürlich auch mit Geräuschen, wie z.B. dem Prusten auf dem Bauch des Babys.

Das Kind gemeinsam lieben


Wie verändert ein Kind die Liebe zwischen Mann und Frau?

Die Liebe erlangt eine neue Dimension. Mann und Frau lieben ein Kind, ihr Kind gemeinsam, das ist etwas ganz Neues. Es kommt ein Generationensprung hinzu. Auch die Auseinandersetzungen über die Erziehung zeigen, dass man gemeinsam emotional verbunden ist. Wie diese Streits ausgetragen werden - zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen den Eltern und dem Kind - zeigt dass und wie die Liebe in der Familie schwingt.

Zeigt ein Vater seine Liebe, dringt er in den klassisch mütterlichen Bereich ein. Viele Frauen reagieren darauf nicht positiv.

Wenn eine Frau ihr Frausein stark über die Mutterschaft definiert, kann die Vaterliebe sie in ihrer Weiblichkeit bedrohen. Sie will ihn also aus ihrem Revier draußen halten. Es ist dann oft schwerer für den Vater, seine Liebe praktisch zu zeigen und zu entwickeln. Wichtig ist, dass er sich nicht zurückzieht, sondern in den Konflikt geht und sich behauptet. Dass er nicht den bequemen Weg geht und sich heraushält, sondern seine Liebe aktiv ins Spiel bringt.

Kann das auch nach einer Trennung gelingen?

Das ist eine der größten Herausforderungen für Eltern überhaupt. Es gibt gute Elternbeziehungen nach der Trennung. Allerdings ist klar, dass diese Beziehung nicht mehr gemeinsam mit der Mutter gelebt wird. Das ist sehr schmerzhaft, vor allem auch für die Kinder. Eine Elternbeziehung nach der Trennung ist dann tragfähig, wenn die Struktur der Familie weiterhin existiert.
Liebe ist auch Streit

Gibt es eine eigenständige Familienliebe?

Normalerweise sehen wir als Liebe eine Ich-Du-Beziehung an. In der Familie ist es aber eine Wir-Beziehung. Das wird spürbar im Zusammengehörigkeitsgefühl: Das Paar ist erweitert, jetzt sind es mindestens drei Personen. Die Liebe erstreckt sich über zwei Generationen; das ist die besondere Potenz, die in der Familie existiert.

Ist Liebe dann dauerhafte Harmonie?

Ganz gewiss nicht. Gerade die Belastungen junger Familien oder die unterschiedlichen Auffassungen über die praktische Erziehung führen zu Ärger, Enttäuschung und auch Wut. Diese starken Emotionen signalisieren aber, dass man herzlich miteinander verbunden ist. Wenn Väter hier Verantwortung für ihre Gefühle übernehmen zeigen sie, dass die Familie der Ort ist, wo diese hingehören. Da sollten Väter selbstbewusst sein und klar machen, dass und wie sie darin ihre Liebe zeigen. In der klassischen Familie ist die Versorgung, das Geldverdienen, durchaus ein Teil der väterlichen Liebe. Aber auch darüber hinaus können sich Väter noch viel stärker einbringen. Wenn sie nicht nur nachplappern, was die Mutter unter Liebe versteht, sondern sich selbst mit ihrer Auffassung von Liebe aktiv einbringen, kann das für die Frauen durchaus attraktiv sein.

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