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Angst vor Terror und Katastrophen: Mit Kindern sprechen


Angst vor Terror und KatastrophenBild: S_Smileus@fotolia.com

Naturkatastrophen, Terroranschläge, Unfälle: Die Bilder und Nachrichten verunsichern Kinder und verängstigen sie. Wie können Eltern und insbesondere Väter mit ihnen darüber sprechen und ihnen helfen, diese Bilder zu verarbeiten? Ralf Ruhl sprach darüber mit der Systemischen Familientherapeutin Brigitte Schellhorn.

Angst vor Terror: Kinder nehmen die Angst der Eltern auf


väterzeit: Terroranschläge, Unglücke, Katastrophen - wie sind Kinder davon betroffen?
Brigitte Schellhorn: Kinder bekommen wichtige und emotional aufwühlende Nachrichten mit – über Medien, vor allem das Fernsehen oder soziale Netzwerke. Es wird aber auch in der Schule oder in der Kita darüber gesprochen, auf der Straße, im Bus. Sie bekommen Unterhaltungsfetzen mit aus Gesprächen zwischen Erwachsenen. Die enthalten vielleicht Sätze, die nicht für die Kinder bestimmt sind, zum Beispiel „bald können wir gar nicht mehr sicher sein“ oder „wann trifft es uns?“ Ohne einen Zusammenhang können Kinder das gar nicht einordnen.

väterzeit: Was macht das mit den Kindern?
Schellhorn: Das verunsichert sie, und Verunsicherung produziert oft Angst. Sie nehmen aber auch die Angst der Eltern und der Erwachsenen auf: „Die Großen haben Angst …, dann muss es wirklich gefährlich sein.“ Gleichzeitig können sie die Situation nicht einschätzen. Eltern versuchen ja oft, Kinder von allem fernzuhalten, was nicht gut ist, was Angst macht. Auf diese Weise können Kinder allerdings keine Erfahrung mit kritischen Situationen machen. Es gärt in ihnen, ohne dass sie einschätzen können, was los ist.

Der beste Schutz: darüber reden


väterzeit: Es ist also gar nicht gut, dass die Eltern ihre Kinder dauernd beschützen wollen?
Schellhorn: Eltern sind dazu da, um ihre Kinder zu beschützen, das ist ihre wichtigste Aufgabe. Allerdings sollten sie keine Käseglocke über sie stülpen, die keinen Schimmer von Negativität durchlässt. Denn dann machen Kinder keine adäquaten Erfahrungen. Der beste Schutz in dem Fall ist: darüber reden, Worte finden, nicht sie davon fernhalten. Dem Kind wird ja auch erklärt, wie es über die Straße kommt, worauf es im Verkehr achten muss. Es wird ja nicht von allen Straßen ferngehalten.

väterzeit: Das ist beim Thema Terrorismus etwas schwieriger.
Schellhorn: Darüber reden heißt: es zum Thema machen. Es ist die Aufgabe der Eltern, mit den Kindern zu sprechen, bevor sich Halb- oder Viertelinformationen im Gehirn festsetzen und zu diffusen und unüberbrückbaren Ängsten führen. Es sollten sich keine Zerrbilder aus verschiedenen Versatzstücken zusammensetzen.

Terrorangst: Auf die Signale der Kinder achten


väterzeit: Wie spricht man mit Kindern, die nicht von sich aus fragen?
Schellhorn: Das eine ist, auf Signale zu achten, die das Kind aussendet. Ist es stiller, wirkt es bedrückt, traut es sich nicht mehr auf die Straße? Und natürlich auch, indem die Erwachsenen das Thema von sich aus ansprechen. Egal, ob beim Frühstück oder beim Abendessen, auf jeden Fall in einer normalen Alltagssituation. Nicht „komm, wir müssen mal über etwas reden“, denn das macht noch mehr Angst. Solche Gespräche suchen Erwachsene, wenn es wirklich ernst ist und sie mit dem Zeigefinger drohen. Dann kann man sagen „da ist etwas ganz schlimmes passiert“ und man sollte klare Informationen geben: „Das nennt man Attentat, das sind Terroristen, die versuchen, Angst und Schrecken zu verbreiten, die haben viele Menschen umgebracht und viel Schaden angerichtet.“ Genauso wichtig ist es zu sagen, den Terroristen gelingt nicht alles, die sind auch gescheitert, die wollten z.B. noch viel mehr Menschen umbringen.

väterzeit: Wie soll man Terroristen beschreiben?
Schellhorn: Ich denke, „verrückt“ ist ein gutes Wort. Das kennen Kinder, damit können sie etwas anfangen. Es bedeutet, man kann nicht alles nachvollziehen, was diese Menschen denken und tun. Damit bleibt man relativ nah an der Erfahrungswelt des Kindes, sachlich und dem Entwicklungsstand des Kindes angemessen.

väterzeit: Was heißt das?
Schellhorn: Einem Vierjährigen gegenüber gebrauche ich andere Worte als einem Zehnjährigen gegenüber. In jedem Fall geht es darum, den Hergang zu schildern, wer war das, was ist passiert, was hatten die vor, was wollen die? Und selbstverständlich auch, dass wir Angst haben.

Gefühl der grundsätzlichen Sicherheit vermitteln


väterzeit: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Wie kann ich meinem Kind trotzdem ein Gefühl von Sicherheit vermitteln?
Schellhorn: Da ist es wichtig, auch Wahrscheinlichkeiten darzustellen. Es ist wahrscheinlicher, dass terroristische Aktionen große Städte und große, symbolträchtige Veranstaltungen treffen, nicht das Fest der freiwilligen Feuerwehr auf dem Dorf. Und man muss ihnen zeigen, wie die Eltern selbst mit ihrer Angst umgehen und wie sie sie regulieren. Das geht über Realitätssinn, Einfachheit und Optimismus. Und man muss es einreihen in einen Zusammenhang. Das ist etwas geschehen, das ist schrecklich, aber es ist viel wahrscheinlicher, von einem Hai angegriffen oder von einem Blitz getroffen zu werden. Damit fällt es in die Kategorie „Unfall“. Obwohl ich weiß, dass jeden Tag Menschen im Straßenverkehr sterben, laufe ich nicht ständig in einer Rüstung umher. Mit solchen Gefahren haben Kinder gelernt zu leben.

väterzeit: Im Fernsehen werden oft Bilder kollektiver Trauer gezeigt. Blumen werden niedergelegt, Teddys und Briefe. Sollen Kinder daran teilnehmen?
Schellhorn: Wenn es ein Ausdruck ihrer Anteilnahme ist, warum nicht? In der Regel kennen die Kinder die Menschen nicht, die da umgekommen sind. Sie nehmen Anteil, aber sie kommen nicht in einen Trauerprozess wie um einen Menschen, der ihnen nahe stand. Man sollte also den Unterschied vermitteln zum Tod der eigenen Großmutter. Anteilnahme ist aber ein wichtiges Phänomen, damit man nicht abgebrüht wird oder eine „Egal-Haltung“ entwickelt. Kinder mitzunehmen zu solchen Orten – da würde ich sie fragen, ob sie das wirklich wollen. Es ist ein Zeichen, aber man zwingt sie auch in eine bestimmte Form von Ritual. Da muss man fein schauen, ob es dem Kind dabei gut geht. Anteilnahme heißt nicht, sich damit zu identifizieren.

Sich nicht mit der Angst, sondern mit der Bewältigung identifizieren


väterzeit: Klassischerweise steht der Vater für den Schutz des Kindes in der Außenwelt. Katastrophen oder Terror können Väter aber nicht steuern. Kann das das innere Vaterbild des Kindes schädigen?
Schellhorn: Machtlos sein ist kein schönes Gefühl. Aber schädigend wäre es, in der Machtlosigkeit zu versinken. Wenn der Vater dem Kind zeigt und mit ihm gemeinsam erforscht, was man machen kann, wenn man Angst hat oder was man tun kann, damit man weniger Angst hat, dann ist das ein souveräner Umgang. Wo kann ich mir Hilfe holen, in welchem Zusammenhang steht das alles? Dadurch wird das Vaterbild nicht geschädigt, es wird im Gegenteil realistischer. Außerdem gibt es ja Polizei, Feuerwehr und andere Helden, die uns schützen.

väterzeit: Jungen wird immer noch abverlangt, Angst und Ohnmacht nicht zu zeigen. Wie können Eltern ihnen da Brücken bauen?
Schellhorn: Indem sie ihnen sagen, dass Angst haben normal ist, insbesondere bei solch schrecklichen Ereignissen. Angst ist ein ganz normales Gefühl, das habe ich auch. Wenn ich das in Sprache bringe, identifiziere ich mich nicht mit der Angst, sondern mit der Bewältigung. Und zeige so, wir machen nicht, was die wollen. Das ist auch gewaltfreier Widerstand, wir kämpfen nicht mit Waffen gegen die. Die meisten Menschen sind wohlwollend und liebevoll. Und es gibt Leute, die was gegen Verbrecher tun. Das gibt ein Gefühl von Aufgehobensein, auch bei Gefahr. Das gibt Kindern Orientierung. Information bietet Einordnungs- und Handlungskompetenz.

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