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Papa Präsident


Vaterfigur - PräsidentBild: @ bajabandito - fotolia.com

Präsidenten stellen sich gern als Vater dar, Kanzler ebenfalls. Überhaupt spielen Vaterfiguren in der Politik eine wichtige Rolle. Besonders glaubhaft ist diese Selbstinszenierung als Vater der Nation jedoch nicht.

Der Präsident als Familienmensch


"Immer, wenn er abends heimkommt, egal wie spät, und egal, wo er vorher war: Er geht zu den Kindern und zu mir, zieht die Bettdecke zurecht, hebt vielleicht ein heruntergefallenes Kissen auf und streicht uns übers Haar." Der Mann, von dem hier die Rede ist, ist Barack Obama, bis 2016 Präsident der USA. Seine Frau, die ehemalige first lady Michelle Obama, betont in Interviews das liebevolle Kümmern des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Offensichtlich ist es ihr wichtig, dass der "Leader of the free world" auch ein Familienmensch ist, der neben und trotz seiner wichtigen Staatsgeschäfte nicht müde wird, sich um Frau und Kinder zu sorgen.

"Die Männlichkeitskonstruktion des früheren US-Präsidenten ist sehr vielschichtig", sagt Heike Paul, Lehrstuhlinhaberin für Amerikanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen. Wir erinnern uns an das Cowboy-Image Ronald Reagans, der vor seiner politischen Karriere ein Hollywoodstar war, und natürlich an George W. Bush, der sich nach 9/11 im Kampfanzug an die Nation wandte und versprach, alle Schurken aus ihren Löchern zu ziehen. Wladimir Putin demonstriert häufig eine ähnliche Ästhetik. Obama schließlich hat auch in seiner letzten Rede an die Nation wieder klar gesagt, dass es vom Volk abhänge, ob es dem Land gut geht oder nicht. Der nachdenkliche Mahner wirkt wie ein Vater, der möchte, dass die Seinen Verantwortung übernehmen; im familiären Leben ebenso wie in nationalen Belangen.

Vater der Nation


Nicht nur das Volk als Familie, auch die echte first family steht im Rampenlicht - vor einiger Zeit gab es im Newseum in Washington sogar eine Ausstellung über die first dogs, also die Hunde der US-Präsidenten, die sich großer Beliebtheit erfreut hat. Man schätzt es, dass Mr. President gut mit Hunden kann, doch wie er sich als Familienvater macht, das ist von weitaus größerer Bedeutung: Einer, der sich gut um Frau und Kinder kümmert, wird sich auch gut um Land und Menschen kümmern.

Ähnlich denkt man über Deutschlands parlamentarische Demokratie: Obwohl der Kanzler - oder die Kanzlerin - hierzulande nicht denselben ikonischen Status genießt wie der US-Präsident, ließ sich etwa Helmut Kohl alljährlich in den Ferien am Wolfgangssee ablichten, und natürlich waren neben Ehefrau Hannelore auch seine beiden Söhne mit auf dem Foto. Dass Kohl nüchtern betrachtet aber kein sonderlich guter Vater war, ist spätestens seit dem Buch "Leben oder gelebt werden" seines Sohnes der Öffentlichkeit bekannt: "Ein Vater habe als Vater beurteilt zu werden und nicht als Bundeskanzler", beschreibt Walter Kohl die schwierige Beziehung zu seinem Vater.

Vaterqualitäten im Wahlkampf


Ähnliches wird von Willy Brandt berichtet, der sich zwar sehr bemühte, ein guter Vater für seine Tochter und seine drei Söhne zu sein. Doch geprägt durch Erfahrungen im Krieg und im Exil tat er sich dabei ganz schön schwer - Brandt blieb ein bemühter Vater. Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der BRD, ließ sich gerne "Papa Heuss" nennen. Sie alle wollten gut sein als "Vater der Deutschen".

Es ist erstaunlich, dass Vaterqualitäten in Wahlkämpfen von solch großer Bedeutung waren und sind. Ob Wählerinnen gerne ihr Kreuzchen bei einem Staatsvater machen? Vor allem dann, wenn es im Land nach Krise riecht? Wenn es also darum geht, dass jemand ein schlingerndes Boot durch den Sturm führt, Verantwortung übernimmt, gar Machtworte spricht? Und wie ist das mit dem Bedürfnis nach moderner, gleichberechtigter Vaterschaft in Elternbeziehungen zu vereinbaren? Wäre es dann auch akzeptabel, dass ein Staatsoberhaupt in Teilzeit geht, um die Betreuung seines Kindes zu gewährleisten?

Intrigant, tyrannisch, kinderlos


Angela Merkel kann im Vergleich nicht mal mit mütterlichen Qualitäten aufwarten, und doch ist es ihr gelungen, die Bundesrepublik im Laufe ihrer Amtszeit auch durch schwierige Situationen zu führen, bis hin zur aktuellen Flüchtlingssituation. Bislang haben die mit den unterschiedlichsten Vater-Skills ausgestatteten Politiker an ihrer Seite sie zwar viel und nicht immer positiv kommentiert, sie haben sie aber dennoch machen lassen: Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer etwa, manchmal überraschend als "Opfer" bezeichnet, weil er auch Vater eines unehelichen Kindes ist, das nicht bei ihm aufwächst. Oder der ehemalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, dessen Wunsch, seine Tochter wenigstens einmal pro Woche von der Kita abzuholen, in seiner Zeit als Minister belächelt und bejubelt zugleich wurde.

Gehen wir noch einmal zurück in die Vereinigten Staaten: "Wir haben eine zynische Vorstellung davon, was gegenwärtig realistisch ist. Wir glauben, dass wir dann besonders nah an die Realität herankommen, wenn wir nicht mehr an ungebrochene Heldenfiguren glauben, sondern stattdessen an Leute, die mit niederträchtigen Motiven zu beliebigen Mitteln greifen, zu Mord und Vergewaltigung bereit sind, um ihre ganz unerheblichen politischen Zielen zu greifen." So erklärt der Medienkulturwissenschaftler Stephan Packard die Begeisterung des internationalen Publikums für Serien wie "House of Cards", in der es um einen fiktiven Präsidenten der Vereinigten Staaten geht: Frank Underwood, meisterhaft gespielt vom zweifachen Oscarpreisträger Kevin Spacey, ist intrigant, tyrannisch und kinderlos - und bedauert nichts davon. Und so wird die Abschaffung des verantwortungsvollen Vaters gleichzeitig mit der Abschaffung des integren Staatsoberhaupts gezeigt.

Geht mir weg mit dem Politikbetrieb, schimpfen viele in den USA, die die Nase voll haben von den Machenschaften des Establishments in Washington. Damit punktet auch der Multimilliardär und Politik-Quereinsteiger Donald Trump, der übrigens Vater von fünf Kindern ist. Jetzt ist er US-Präsident. Ob er im Weißen Haus seinen Kindern die Bettdecke zurechtziehen wird? Das bleibt bei seinen Pöbelauftritten gegen Männer, die nicht dem traditionellen Bild des harten Mannes, dessen Aufgabe es ist, Geld zu machen, zu bezweifeln.

Barbara Streidl

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