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Neues von Vater und Sohn


väterzeit Buchtipp - Vater Sohn Comic

Sie sind wieder da! Die Cartoons von Vater und Sohn, den berühmten Comic-Helden von Erich Ohser alias e.o.plauen, erleben eine Fortsetzung. Fast 80 Jahre nach ihrem Verschwinden 1937 steigen sie von den Sternen herunter. Frisch gezeichnet vom preisgekrönten Oberhausener Illustrator Ulf K.

Vater ohne Wampe


Doch, sie haben sich ein wenig verändert. Abgespeckt hat der Papa, schließlich steht Fitness heutzutage hoch im Kurs. Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts hingegen war die gediegene Wampe das Zeichen eines reifen und gewichtigen Mannes. Das würde heute nicht mehr passen. Auch der Sohn wurde modernisiert: Er ist etwas älter geworden, geht offenbar zur Schule, achtet auf seine Frisur und trägt statt Hemd einen Hoodie.

Ansonsten sind sich die Charaktere treu geblieben. Einander zugewandt in einer exklusiven Beziehung erleben sie Höhen und Tiefen des Alltags ihrer Mini-Familie. Immer ist ihnen das spielerische Miteinader wichtiger als die Fertigstellung eines Produkts: Da fallen dem Vater in der Küche die Erbsen herunter. Statt sie einfach aufzusammeln und ins heiße Wasser zu werfen werden sie zum gemeinsamen Spielzeug. Schließlich lassen sich Erbsen wunderbar als Murmeln verwenden...

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Frische Farben und frecher Sohn


Selbstverständlich gibt es auch Momente, in denen der Vater sich über seinen Sprössling ärgert und den erzieherischen Zeigefinger hebt. Nur den Zeigefinger, denn das Popo-Klatschen, das in Erich Ohsers Original durchaus noch Platz fand, ist heute als Gewalt gegen Kinder verboten. Doch der gewitzte Sohn weiß den gut gemeinten und deutlich vorgetragenen Wünschen oder Anordnungen seines Vaters immer wieder zu entgehen: Draußen scheint die Sonne; statt im Zimmer auf der Konsole zu daddeln möge der Sohn doch lieber Fußball spielen, meint der Papa. Und das tut der Junge auch - setzt sich unter den Baum und lässt die Kicker auf der Konsole gegeneinander antreten.

Was die Neufassung außerdem vom Original unterscheidet: Eine zweite Farbe ist hinzugekommen. Schwarz-weiß-rot schauen uns die Zeichnungen entgegen - eine behutsame Auffrischung! Mehr Farben hätten völlig neue Charaktere geschaffen und würden vom Wesentlichen, der Beziehung der beiden zueinander, ablenken.

Revolutionär: ein allein erziehender Vater


Eine mutterlose Familie, wie Ohser sie zeichnet, war in der Realität Nazideutschlands schlicht undenkbar. Schließlich wurden Frauen, die dem Führer viele Kinder gebaren, mit dem Mutterkreuz geehrt. Diese Mütterzentriertheit der Gesellschaft ist heute immer noch präsent: wenn Väter bei den Themen Umgang und Unterhalt nach einer Trennung vor Gericht gleich behandelt werden wollen, wenn in den Medien Frauen und Kinder in einem Atemzug genannt werden, dem Vater aber kein Gedanke gewidmet wird.
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Dabei war Ohser selbst kein allein erziehender Vater. 1903 geboren absolvierte er in Plauen zunächst eine Schlosserlehre, bevor er sich ganz dem Zeichnen widmete. Darin war er so gut, dass er für sein Abendstudium an der Leipziger Akademie für grafische Künste sogar ein Stipendium erhielt. 1922 druckt Erich Knauf, Redakteur der sozialdemokratischen "Volkszeitung für das Vogtland", erste Illustrationen. So wird Erich Kästner auf ihn aufmerksam; die drei Erichs genießen das Boheme-Leben im Leipzig der späten 20er Jahre und später in Berlin. Ohser illustriert Gedichtbände von Kästner, was u.a. den Zorn konservativer Zeitungen erregt. Weshalb die beiden aus ihren Jobs fliegen.

Verbrannte Bücher und Arbeitsverbot


Ohser lernt seine Frau Marigard kennen, 1931 wird Sohn Christian geboren. Der ist gerade drei Jahre alt, als die "Berliner Illustrierte Zeitung" eine Bildgeschichte mit "stehender Figur" (also festen Personen) sucht. Angeregt vom eigenen Familienleben reicht Ohser erste Vater-Sohn-Ideen ein - sie werden akzeptiert. Insgesamt 157 dieser Cartoons erscheinen, zunächst wöchentlich in der Zeitung, später auch in Sammelbänden.

Alles scheint gut und erfolgreich zu laufen - wenn da die Nazis nicht wären. Schon im Mai 1933 werden Kästners Bücher mit Ohsers Illustrationen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ohser darf wegen seiner politischen Gesinnung nicht Mitglied der Reichskulturkammer werden und hat damit faktisch Arbeitsverbot. Da seine Vater-Sohn-Geschichten aber so populär sind, wird eine Ausnahmegenehmigung erteilt: unpolitisch und unter Pseudonym darf er veröffentlichen - e.o.plauen ist geboren.

Ungebrochene Popularität


Die Popularität seiner Bildergeschichten wollen auch die Nazis nutzen. Und Ohser muss sich anpassen. So zeichnet er 1936 eine Geschichte über Vater und Sohn bei den Olympischen Spielen und lässt seine Figuren fürs Winterhilfswerk werben. 1940 wird er zum Zeichner für Goebbels Renommier-Propaganda-Objekt "Das Reich". Trotz aller Anpassungen, erzwungen von den Lebens- und Arbeitsbedingungen in einer Diktatur, äußert er sich im privaten Kreis immer wieder abfällig über die Nazi-Herrschaft. Das zeigten seine Nachbarn Margarete und Bruno Schultz an, Ohser wurde im März 1944 von der Gestapo verhaftet. Um dem drohenden Todesurteil zuvorzukommen erhängte er sich am 6. April 1944 in seiner Zelle.

Ohsers Vater-Sohn-Geschichten blieben populär. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen sie im Südverlag in Konstanz, später in verschiedenen Lizenzausgaben. Auch in der DDR waren sie beliebt, der Eulenspiegel-Verlag besorgte einen Nachdruck. Und jetzt sind sie wiederauferstanden. Mit frischem Strich und alter Innigkeit. Mögen noch viele Geschichten folgen!

Ralf Ruhl

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