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Fehlende Freude aufs Vater-Sein


Fehlende Freude aufs Vater-SeinBild: © BildPix.de - Fotolia.com

"Du wirst Vater!" - oft beflügelt diese Nachricht, lässt bisher ungekannte Gefühle zu und gibt einem Mann die Kraft und die Lust in ein neues Leben aufzubrechen. Aber was ist, wenn die Freude aufs Vater-Werden fehlt? Eine persönliche Geschichte.

"Ich bin schwanger", hat meine Verlobte zu mir gesagt. Bevor diese drei Worte gefallen sind, habe ich mir immer vorgestellt, ich würde einen Luftsprung machen. Ich habe stattdessen gefragt: "Wirklich? Bist du sicher?" Dann habe ich sie gebeten, einen zweiten und dritten Schwangerschaftstest zu machen. Nicht, dass ich das Kind nicht wollte. Aber vielleicht würde ich den Kick erst spüren, wenn mein Gehirn alle Zweifel aus der Welt geräumt sah. War aber nicht so.

Ultraschall und Laminat


Vielleicht kommt die Papa-Power ja beim Ultraschall. Den ersten habe ich verpasst, weil ich mich nicht traute, meinen Chef um einen freien Tag zu bitten. Als ich beim zweiten Frauenarzttermin dieses schwarz-weiße-Geblubbere auf dem Monitor sah, sendete mein Gehirn die Frage ans Herz: "Na? Fühlst du es?" Nein, vielleicht ein bisschen. Aber so richtig gezündet hat es nicht.

Vielleicht würde ich mich mehr wie ein Vater fühlen, wenn ich aktiv würde. Also riss ich Teppichboden raus (wer weiß was die Vormieter hier verschüttet haben - und das Baby soll doch hier krabbeln) und verlegte Laminat in unserer voll eingerichteten Wohnung. Es hat auch tatsächlich Klick gemacht - allerdings nur beim Verlegen der Bodendielen.

Ich räumte mein Arbeitszimmer, zum Glück gibt es in unserer Wohnung eine geräumige Flur-Ausbuchtung, in der Schreibtisch, Bücherschränke und Stuhl ihren Platz fanden. Mein ehemaliges Arbeitszimmer war nun das Babyzimmer. Eigentlich bleibt es damit ein Arbeitszimmer, denn hier soll gewickelt, gefüttert, geschlafen werden. Als alles fix und fertig war, mich eingeschlossen und meine Verlobte mich umarmte - da kitzelte es kurz, irgendwo in meinem Inneren.

Ich will Dauer-Energie


Dreimal hatte ich sie schon gespürt, die Power. Als ich es meiner Mutter sagte und im Hintergrund mein Vater brüllte "Wahnsinn! Ich werd Opa!!" Das zweite Mal, als ich mein Baby im Bauch seiner Mutter treten fühlte: da überkam mich dieses Gefühl von Wärme, Sprachlosigkeit, Bewunderung. Mein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, meine Partnerin strahlte, weil ich strahlte. Dann war es wieder weg. Und als ich mit ihr das Geburtshaus ansah, in dem das größte Erlebnis meines Lebens in wenigen Monaten stattfinden sollte. Aber kurz darauf war es wieder verflogen.

Dabei hatte ich doch alles getan, was die Bücher und die diversen Internet-Foren mir geraten hatten. Ich umhegte und umsorgte die werdende Mutter meines Kindes. Entlastete sie im Haushalt. Sorgte für kleine Aufmerksamkeiten, keine Blumen, sondern Süßigkeiten. Das kam derzeit besser an. Ich hatte mich handwerklich betätigt, mein Büro geopfert. Wo ist meine Energie?

10 Gründe für´s Glücklich-Sein


Die Liste


Tage später saß ich in meinem Flur-Büro, und grübelte über Ursachen und Lösungen des Problems nach. Da ich schon einmal am Schreibtisch saß, überlegte ich mir zehn Gründe, warum ich glücklich sein sollte:
  • Ich kann Leben spenden, ich bin fruchtbar. Die Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln können mich mal.
  • Ich bin dem Trieb meiner Spezies gefolgt und habe mich fortgepflanzt. Irgendwie fühle ich eine Naturverbundenheit, ich bin Teil von etwas Größerem.
  • Meine Verlobte wollte ein Kind von mir. Keine Frau hat mir jemals einen sichtbareren Beweis der Liebe erbracht und mir gezeigt, dass ich als Mann wertvoll bin.
  • Ich werde irgendwann Opa sein und im dicken Ohrensessel meine Enkel beim Spielen beobachten.
  • Ich habe den letzten Schritt zur Emanzipation getan: Von jetzt an müssen mich meine Eltern und Schwiegereltern als Gleichen akzeptieren.
  • Ich werde Vater - das kenne ich noch nicht, das ist neu, ein Abenteuer.
  • Ich bin immer da. Selbst wenn ich sterbe, bleibt etwas von mir auf dieser Welt zurück.
  • Ich kann den ersten Freund meiner Tochter einschüchtern. Oder meinem Sohn Flirt-Tipps geben, die er mit auf Durchzug gestellten Ohren erträgt.
  • Ich werde mich nie wieder ungebraucht fühlen - ich bin jetzt ein Versorger, erfülle einen Sinn in dieser scheinbar sinnentleerten Welt.
  • Ich mache meine Eltern zu Oma und Opa - ein berauschendes Gefühl.
Jetzt fühlte ich sie wieder, die mir zustehende Energie. Warum hatte sie so lange auf sich warten lassen? Mir wurde klar, dass es dafür einen wesentlichen Grund gab: Ich war der einzige werdende Vater in meinem Freundeskreis. Ich hatte zwei gute Freundinnen, die Mütter waren, aber beide allein erziehend. Kein Vater, mit dem ich meine Gefühle teilen, mit dem ich mich hochputschen konnte. Und dennoch hatte ich es geschafft, ohne äußeren Impuls, das euphorische Gefühl des "Vater-Werdens" in mir zu wecken.

Nicht euphorisch, aber standhaft


Ich war stets ein Zweifler, ein Planer, ein bisschen unspontan, ein wenig unflexibel - kein Wunder, dass meine Emotionsskala rote Zahlen ausweist, wenn ich an die ungewisse Zukunft denke. Aber die Power ist da, sie gleicht diese emotionale Schieflage aus, macht aus dem fetten Minus eine schwarze Null. Verhindert, dass ich aus Angst und Sorge um mein Geld, meine Freiheit, meine Pläne auch nur einen Gedanken an Flucht hege. Dass ich der Verantwortung nicht euphorisch, aber standhaft ins Gesicht sehen kann.

Wenn ich weiterhin diese Power spüren will, muss ich sie nicht suchen, sondern muss Sorgen und Ängsten entgegen treten. Nicht allein. Mit Verbündeten: Ich habe meine Verlobte. Ich habe meine Liste. Und ich werde in dem bald beginnenden Schwangerschaftskurs bestimmt weitere Bündnispartner gewinnen. Sogar Männer.

Karsten Frei

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