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Postpartale Depressionen: Tränen im Wochenbett


Bild: Benjamin Thorn - Fotolia.com

Gehören Sie auch zu den Männern, die nur schwer mit weinenden Frauen umgehen können? Dann machen Sie sich auf etwas gefasst - denn fast jede Frau leidet einige Tage nach der Geburt unter dem sogenannten "Baby-Blues". Väterzeit erklärt, was hinter den Tränen steckt und wie Sie damit umgehen sollten. Falls Sie nicht selbst an einer postpartalen Stimmungskrise leiden.

Warum weint Mama denn?


Eigentlich sollte doch jetzt das Glück beginnen - aber das Gegenteil ist der Fall. Viele Frauen leiden wenige Tage nach der Geburt unter einem Stimmungstief, das so gar nicht zu dem eigentlich freudigen Ereignis passt. Trotz Neugeborenem im Arm ist die Frau dann, gelinde gesagt, öfter mal schlecht drauf. Jetzt fließen die Tränen und der Mann steht vor einem Rätsel: hat er etwas falsch gemacht?

Nein - und die Frau auch nicht, wie Betriebspädagogin Sandra Varnhorn aus Bad Vilbel erklärt. Die ehemals selbst Betroffene arbeitet mittlerweile ehrenamtlich bei der Selbsthilfe-Organisation "Blues Sisters Frankfurt" und berät junge Mütter, die unter dem so genannten Postpartalen Stimmungstief leiden. "Der Grund für das, was man despektierlich als ‚Heultage’ bezeichnet, ist der sich verändernde Hormonhaushalt der Mutter. Das beginnt meist am dritten Tag nach der Geburt und trifft zwischen 50 und 80 Prozent aller Mütter. In der Regel dauert diese Phase zwei Tage".

Die horrormonelle Umstellung


Der Grund für den durcheinander gewirbelten Hormonhaushalt und die daraus entstehenden Stimmungsschwankungen ist der fehlende Mutterkuchen - das, was dem Baby kurze Zeit nach der Entbindung als Nachgeburt folgt. Dieser sorgt nicht nur für die Versorgung des Babys im Mutterbauch, er produziert auch fleißig Hormone. Und die fehlen jetzt, wo das Kind in Mamas Armen liegt. Nur wenige Tage nach der Geburt sind diese Hormone dann endgültig aus dem Körper geschwemmt, gleichzeitig produziert der Körper verstärkt neue Hormone, um den Milchfluss anzuregen - kurz gesagt, der Hormonhaushalt spielt verrückt.

Die Folge sind Stimmungsschwankungen, die aus einer eben noch strahlenden Mutter eine weinende Frau machen und umgekehrt. Dies gilt es zwei bis drei Tage durchzuhalten, dann sollte der Normalzustand wieder hergestellt sein - doch was wenn nicht? "Wenn sich das Stimmungstief nicht legt und die Frau nicht aufhört zu weinen, dann spricht man von einer postpartalen Depression (kurz: PPD) und sollte sich Hilfe suchen". Denn in diesem Fall ist die Ursache für die Tränen nicht mehr nur in der körperlichen Veränderung der jungen Mutter zu suchen. Dann spielen auch psychische Faktoren eine Rolle.

Niemand ist perfekt


Die psychischen Probleme sind weitaus vielfältiger und können jeden treffen, weiß nicht nur Sandra Varnhorn, sondern auch Nadin Rühl zu berichten. Die 35jährige Krankenschwester ist bei "Schatten und Licht e.V." tätig, der deutschlandweit größten Selbsthilfe-Organisation für Frauen mit postpartalen Depressionen. "Man kann nicht sagen, es trifft die oder die Frau. Es heißt zwar, dass Frauen mit psychischen Vorerkrankungen häufiger betroffen sind, aber ich selbst hatte nie eine solche Krankheit. Trotzdem hat es mich bei beiden meiner Kinder getroffen". Viele Frauen fühlen sich mit der neuen Rolle als Mutter plötzlich überfordert, sind von sich selbst oder gar ihrem Kind enttäuscht.

Denn plötzlich läuft nichts so, wie die Eltern es sich noch vor der Geburt erträumt haben, so Rühle. "Man stellt sich das rosarot vor, aber so ist es nicht". Das Stillen bereitet Schmerzen oder klappt anfangs gar nicht, das Baby schreit und niemand weiß warum, dazu die Gewissheit, dass nichts mehr so ist wie zuvor - weder privat, noch beruflich. Verstärkt wird das Ganze noch durch den Schlafmangel. Dabei brauchen die Wöchnerinnen eigentlich viel Ruhe. Für viele Frauen ist das dann verständlicherweise einfach zu viel, sie ziehen sich in sich selbst zurück. Dabei sind nicht nur diese Zweifel, sondern die ganze veränderte Situation, mit all ihren Problemen oft völlig harmlos, meint Sandra Varnhorn, die täglich mit derlei Sorgen konfrontiert ist. "Vielen Frauen hilft es da, wenn ich Ihnen einfach mal sage, dass sie gar nicht perfekt sein müssen".

Zupacken statt Zuschauen


Doch wie kann der Mann bei der Wochenbettdepression helfen? "Wichtig ist, dass die Männer wissen, es kann passieren", betont Rühle. Denn nur so kann der Mann richtig auf die weinende Mutter reagieren und vermeidet den vielleicht größten Fehler, den man in dieser Situation zu seiner Partnerin machen kann. Zu sagen: Reiß dich zusammen! "Das ist das Schlimmste was man machen kann", warnt Varnhorn. Man merkt der Betriebspädagogin an, dass Frauen sich bei ihr schon häufiger über diesen Satz beklagt haben. Verärgert meint sie weiter. "Die junge Mutter kann das doch nicht steuern, das ist eine Krankheit!"
Doch neben verbaler Behutsamkeit kann der Mann auch durch kräftiges Zupacken zur Überwindung des Stimmungstiefs beitragen. An vorderster Stelle stehen hierbei die Entlastung im Haushalt und das Versorgen des Kindes, meint Nadin Rühle. "Viele Frauen die hier anrufen, sagen mir: ‚Ich würde nur gerne einmal eine Sache zu Ende bringen’". Es sei am Partner, das Kind zeitweise zu versorgen, damit die Frau in Ruhe ein Bad nehmen kann. Und selbstverständlich müssen beide auch miteinander über ihre jeweiligen Gefühle reden und sich im Zweifelsfall Hilfe suchen.

Gefahr für Mutter und Kind


Tut man nichts, kann sich eine Wochenbett-Depression im schlimmsten Fall zu einer Psychose steigern. Dann muss schnell gehandelt werden, "sonst besteht Gefahr für Mutter und Kind", warnt Varnhorn. Eine von tausend Müttern fällt unter dieses Krankheitsbild, bei dem professionelle Hilfe unabdingbar ist. "Das geht dann bis zu Wahnvorstellungen. Die Frauen haben ständig Angst, sind panisch, versuchen die Babys zum Beispiel ständig abzuwaschen aus Angst vor Bakterien", sagt Rühle.

Aber auch schon bei einer Depression ist die Hilfe von Psychologen zu empfehlen. Inzwischen gibt es auch einige Mutter-Kind-Kliniken, in denen sich beide unter Aufsicht aneinander gewöhnen können und die ärztliche Versorgung sichergestellt ist. Denn nicht immer lässt sich die Postpartale Depression ohne Antidepressiva bewältigen. Auch Nadin Rühle musste damals Medikamente nehmen. Jetzt kann sie den verzweifelten Frauen, die sie anrufen, aus eigener Erfahrung sagen, dass man auch bei einer ausgeprägten Wochenbett-Depression wieder vollkommen gesunden kann.

Auch Männer dürfen weinen


Noch rufen Männer eher wegen ihrer Frauen bei Nadin Rühle und Sandra Varnhorn an, selten geht es um ihre eigenen Sorgen. Wahrscheinlich ist es vielen unangenehm einzugestehen, dass auch sie in einem Stimmungstief nach der Geburt festhängen. Laut einer US-Studie von James Paulson und Sharnail Bazemore von der Eastern Virginia Medical School durchlebt bis zu jeder vierte Vater in den Monaten nach der Geburt eine Depression. Die Gründe sind hier, anders als bei den Müttern, rein psychisch, deswegen aber nicht weniger ernst zu nehmen.

Auch Papas leiden an Versagensängsten, haben Angst ein schlechter Vater und Versorger zu sein. Persönlich outen sich wenige, aber in der Anonymität der Internetforen geben viele ihre Gefühle preis. Sie zeigen sich besorgt darüber, ob sie genug Geld für die Versorgung der nun gewachsenen Familien verdienen. Manche trauern auch ihrer jetzt für immer verlorenen Jugend nach oder zweifeln darüber, ob ihre Partnerin wirklich die Frau fürs Leben ist - eine Trennung fällt jetzt immerhin deutlich schwerer. Wiederum andere wissen nicht so recht, was von ihnen als Vater erwartet wird. Nadin Rühle, Sandra Varnhorn und die vielen Ehrenamtlichen am PPD-Notruf würden sich auch diese Sorgen anhören und wertvolle Tipps geben - und sich vielleicht irgendwann über männlich Verstärkung am Telefon freuen.

Karsten Frei

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