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Liebe und der eigene Vater


Die Grenzen der Leistungsfähigkeit


väterzeit: Also ist der aktive Vater ein Weichei, das sich im Haifischbecken der Karriere nicht richtig durchbeißen kann?

Ralf Bönt: Wenn Ralf Rangnick seinen Job als Fußballtrainer kündigt wegen eines Burnouts, dann ist er kein Weichei, das ist extrem hart und mutig. Da zeigt er Verletzlichkeit - etwas, das sonst nur Frauen zugestanden wird. Er erfindet keine Geschichte, etwa die einer Erkrankung, sondern er zeigt sich, wie sich ein Fußballer nicht zeigen darf: an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Damit sinkt sein Marktwert auf Dauer. Aber er macht so deutlich, dass es mehr im Leben gibt als ständig über die Grenzen seines Körpers zu gehen. Ein Grund für seinen Burnout war ja auch, dass er seinen alten Vater gepflegt hat.

väterzeit: Ihr Buch heißt "Das entehrte Geschlecht". Worin sehen Sie die Ehre des Mannes - jenseits alter soldatischer Tugenden?

Ralf Bönt: Sicher nicht im Machismo, an den man üblicherweise zuerst dabei denkt, an den jungen Mann, der mit quietschenden Reifen um die Ecke fährt und damit seine Männlichkeit zu beweisen sucht. Der ist ja eher ein Muttersöhnchen, der keine echte Männlichkeit vorgelebt bekommen hat. So wird er zu einem Poser, der durch Angabe Respekt finden will. Was er eigentlich will, ist aber Liebe. Darin zeigt sich auch, dass der "typische Mann" eher neben sich steht und eben nicht immer über sich hinausgeht, wie das Simone de Beauvoir und viele andere Feministinnen formuliert haben. In der Regel steht der Mann neben sich und versucht, sich auf den Absturz vorzubereiten, auf den Jobverlust, auf einen der hinteren Plätze im Beruf oder im Sport. Heute würde ich mein Buch lieber "Das ungeliebte Geschlecht" nennen.

Liebe und der eigene Vater


väterzeit: Lieben sich Männer also selbst nicht?

Ralf Bönt: Sie lieben sich viel zu wenig. Die Asiaten können das besser als wir Europäer, sie haben kein so distanziertes Verhältnis zu sich selbst. Asiatische Verehrungsrituale sind dafür ein wunderbares Bild. Sie gehen davon aus, dass jeder Mensch grundsätzlich ein Recht hat, da zu sein, es sich nicht erst erwerben muss. Ich kann nur jedem Mann wünschen, das einmal zu erleben.

väterzeit: Die Männer unserer Generation haben eine hohe Sehnsucht nach ihren meist als abwesend erlebten Vätern. Wie können Väter und Söhne sich heute versöhnen?

Ralf Bönt: Das geht nur über Loslassen und Vergeben. Die Generation meines Vaters hatte nicht die Chance zu wählen, ob sie sich lieber stärker in der Familie engagieren oder wegen der Arbeit abwesend sein wollen. Männer aus dieser Generation reagieren oft neidisch, wenn sie sehen, wie ihre Enkel freudig zu ihrem Vater laufen und mit ihm spielen. Wenn man sie am Ende ihres Lebens fragt, was sie am meisten bereuen, sagen sie "dass ich zu wenig Zeit mit meinen Kindern verbracht habe". Nach der Pensionierung sind Männer oft ein Störfaktor im Haushalt. Die Herzinfarktrate geht hoch, weil ihnen der Lebenssinn abhanden gekommen ist und sie sich nicht in die neue Situation einfinden können. Da fehlen Wertschätzung und Selbstbestätigung. Auch die Frau muss sich damit auseinandersetzen, was es bedeutet, wenn der Mann den ganzen Tag zuhause sitzt.

väterzeit: Werden Sie weiter am Thema "Männlichkeit" arbeiten?

Ralf Bönt: Das ist schon mein Hauptthema, auch in meinen Romanen. Ich bin froh, dass jetzt eine offene Diskussion über dieses Thema herrscht. Das war vor zwei Jahren noch unmöglich. Ich hoffe, dass Männer weiter an gesetzgeberischen Initiativen engagiert sind, damit das Sorgerecht endlich von Anfang selbstverständlich zum Vatersein gehört.

Interview: Ralf Ruhl

TEIL 2

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