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Die Geburt meiner Tochter Nora - Reise zum Mittelpunkt der Welt


Wo fängt eine Geburtsgeschichte an? Ich erinnere mich an die Nacht, als Nora zu uns kam. Meine Freundin Hanna und ich, wir dachten beide, dass es jetzt soweit ist und wir ein Kind empfangen würden. Erst zwei Wochen später haben wir den Schwangerschaftstest gemacht. Positiv. Ein tiefes Durchatmen. Es war keine Überraschung. Nun würde ich Vater werden. Mit der Frau an meiner Seite auf ewig verbunden. An vielen Tagen in dieser ersten Zeit habe ich meine Hand für 10 oder 20 Minuten auf Hannas Bauch gelegt und gespürt was dort geschieht. Ich wollte dieses neue Leben willkommen heißen.

Das erste Ultraschallbild hat mich verbunden

Für mich wurde es dann noch einmal viel konkreter, als ich das erste Ultraschallbild sah. Ich sah etwas ganz Kleines, in dem ein Herz lebenslustig schon seinen eigenen Rhythmus schlug. Danach fühlte ich mich so verbunden, dass ich sicher war, bereits die winzigen Bewegungen unter der Bauchdecke wahrnehmen zu können.

Ich habe angefangen meine Frau zu malen. Ich habe sie angesehen und berührt und all die kleinen Veränderungen an ihrem Körper wahrgenommen. In dieser Zeit habe ich Hanna bei den Fragen nach Sicherheit, Nestbau, zu Hause und bei all den Zukunftsängsten begleitet. Für mich kamen diese Fragen viel später.

Die Treffen mit unserer Hebamme und auch der Geburtsvorbereitungskurs boten wenig Raum für diese Ängste. Hier war ich der Begleiter und Unterstützer meiner Frau. Sie stand im Mittelpunkt. Das war auch eine Entlastung für mich, denn so war ich nicht länger der einzige Ansprechpartner für sie bei den Hochs und Tiefs dieser Schwangerschaft.

Mir die Geburt vorzustellen war schwierig

Ich habe manchmal versucht mir eine Geburt vorzustellen. Ich konnte mir aber nicht sehr gut ein Bild davon machen, was mich erwartete. Einmal habe ich im Internet gesucht und tatsächlich einige Videos von Klinikgeburten gefunden. Die waren ganz schrecklich. Und bei der Vorstellung an die Geburt meines Kindes ist mir schwarz von Augen geworden. Da war es heilsam, als wir im Geburtsvorbereitungskurs in sehr geschütztem Rahmen gemeinsam Bilder von schöneren Geburten angeschaut haben.

Eines wurde mir dabei klar: Ich würde bei der Geburt der beste Unterstützer sein, wenn ich nur dafür sorgen könnte, dass es mir selbst gut geht. Mit dieser Vorstellung habe ich mich dann auf die Geburt meines Kindes vorbereitet. Ich habe geübt bei mir zu bleiben, in Kontakt mit dem was ich fühle und brauche.

Wenn ich dazu in der Lage bin das zu spüren, dann kann ich bei der Geburt unseres Kindes mit meiner Frau sein und auch für sie da sein ohne dabei selbst ihre Schmerzen zu spüren. Das war meine Vorstellung. Die anderen Väter waren bei der Geburtsvorbereitung in Gedanken mehr als ich mit ihren Frauen beschäftigt. Wir haben leider nie über unsere eigenen Freuden und Ängste gesprochen. Doch es tat gut zu sehen, wie auch sie unsicher und mit Neugierde in diese neue Lebensphase gingen.

Ein Ritual zur Vorbereitung

Einmal habe ich mit einem Freund einen Tag im Wald verbracht. Das war ein richtiges Ritual. Er hat mich begleitet und mich darin unterstützt zu erforschen, ob da noch etwas verborgen liegt, dem ich begegnen muss, bevor ich selbst Vater werde. Es war ein schöner Tag. Am Abend war ich mir sicher, dass ich bereit war. Ich hatte gelernt für mich selbst zu sorgen. Und ich fühlte mich bereit dafür nun für einen anderen Menschen zu sorgen. Mehr noch, ich fühlte förmlich, wie die Lust für Andere da zu sein, aus mir hervorsprudelte.

Einmal habe ich mit Hanna zusammen die Geburtsräume einen Krankenhauses angeschaut. Für mich war es dabei wichtig, von meinen Wunschträumen von einer schönen Geburt Abstand zu nehmen. Auch wenn die Geburt dramatisch verlaufen sollte, es wäre trotzdem das einmalige Ereignis der Geburt meines Kindes.

Wir hatten uns gemeinsam für eine Entbindung im Geburtshaus entschieden. Die Hebammen dort haben uns sehr liebevoll durch die Schwangerschaft begleitet. Mir war das Geburtshaus auch deshalb recht, weil es für mich sicherlich weniger Arbeit bedeuten würde als eine Hausgeburt. Trotzdem hatte ich mit meiner Schwester lange vorher verabredet, dass sie in der Woche nach der Geburt einmal am Tag für uns kochen und aufräumen würde. Ein befreundetes Paar hatte uns dazu geraten. "Besorgt euch Engel", haben sie gesagt. "Damit ihr nichts zu tun habt als im Bett zu bleiben und euer Baby anzuschauen."

Schon vor der Geburt hatte ich kleine Babys im Arm

In den Monaten vor der Geburt war ich von kleinen Kindern fasziniert. Überall zogen sie meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Kinder haben das gespürt und sind immer gern zu mir gekommen. Und die Mütter der ganz kleinen Babys waren angetan von diesem interessierten werdenden Vater. So habe ich auch ganz kleine Babys in den Armen gehalten, noch bevor mein Kind geboren wurde.

Einige Tage vor der Geburt schaukelte ich ein zwei Monate altes Kind und fühlte mich gut dabei. Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, so ein kleines Wesen durch Lachen und Tränen und durch Tage und Nächte zu begleiten.

Am Mittag eines Sommertages saßen wir mit wenigen engen Freunden im Freien. Wir aßen ein Fondue. Und alle haben mit Weißwein angestoßen. Der Geburtstermin war bereits eine Woche zuvor. Das war eine sehr ruhige Zeit. Denn ich nahm mir nichts mehr vor, als mein Kind zu empfangen und mich auf die großen Veränderungen in meinem Leben einzustellen.

Beim Nachtisch begann es zu regnen. Wir beendeten unser Mittagessen unter großen blauen Regenschirmen. Bald schüttete es wie aus Kübeln. Ein Gewitter zog heran. Jetzt begannen die ersten leichten Wehen von Anfang an ganz regelmäßig im 10 Minuten Rhythmus. Sie waren für meine Frau zuerst noch kaum wahrnehmbar und wurden langsam und kontinuierlich stärker. Wir blieben im Bett, kuschelten uns zusammen und sahen den Gewalten des Gewitters zu.
Ich spielte für Hanna auf dem Monocord

Als das Gewitter abzog, spiele ich für Hanna auf dem Monochord. Als der Regen aufhörte rief ich zum ersten Mal unsere Hebamme an. Dann ging ich noch einmal in den Garten. Ich pflückte die ersten gelben Augustäpfel und sammelte Blumen in einen großen Korb. Ich kam in der Abenddämmerung zurück. Jetzt waren die Wehen schon so stark, dass Hanna froh war nicht länger allein zu sein.

Ich rief unsere Hebamme an und bat sie bald zu kommen. Hanna war wie im Rausch. Ich lag mit ihr im Bett und ich atmete mit ihr durch die Wehen. Als sie stärker wurden wurde sie manchmal wütend darüber. Ich habe genauso weiter gemacht. Einmal versuchte ich noch das Monochord zu spielen. Wir hatten das so besprochen. Sie stellte sich den Klang als gute Unterstützung während der Geburt vor.

Doch nun schlug sie mir das Instrument aus der Hand. Unsere Hebamme war mittlerweile angekommen. Hanna und ich lagen im Bett und atmeten. Von Zeit zu Zeit ging ich durch das Zimmer und aß einen der duftenden Äpfel. Nach Gewittern kommen viele Kinder auf die Welt. Und der schöne große Geburtsraum im Geburtshaus war tatsächlich schon belegt.

Wir mussten uns entscheiden. Die Entscheidung zu Hause zu bleiben fiel leicht. Zu schön war es dort an diesem Abend. Ich fand es trotzdem gut, dass sowohl die Hebamme als auch Hanna mich noch einmal fragten, ob das für mich auch wirklich OK sei.

Manchmal wurde Hanna wütend auf mich

Dann wurde es richtig Nacht. Unser Garten unter dem Fenster am Bett verschwand in der Dunkelheit. Und ich wusste, dass diese Nacht mein ganzes Leben verändern würde. Hier würde etwas ganz Neues beginnen. Dabei war ich ganz ruhig. Ich fühlte mich bereit dafür. Und wenn Hanna die Wehen kaum mehr veratmen konnte und dabei schrie, konnte ich einfach bei ihr sein und mit ihr atmen.

Darüber, dass ich mit atmete wurde sie noch immer von Zeit zu Zeit wütend. Ich machte mir nichts daraus. "Hanna ist jetzt woanders", sagte unsere Hebamme, als die Wehen stärker wurden. Das klang nach einem oft gesprochenen Satz. Er schien mir hier nicht zu passen. Jedenfalls glaubte ich auch jetzt gut zu wissen wo Hanna war.

Ich war fast ein bisschen enttäuscht wie unspektakulär es bei der Geburt zuging. Vorher hatte ich viel von kreativen Geburtspositionen gehört. Doch schon ganz zu Anfang musste ich Hanna versprechen, dass sie einfach liegen bleiben darf und sich keinen Zentimeter von der Stelle rühren muss. Ganz früh schon haben wir Handtücher untergelegt und den Fruchtblasensprung erwartet. Doch die Fruchtblase sprang erst, als unsere Tochter sich schließlich auf den Weg in unsere Welt machte.
"Ihr schlaft ja" lachte Hanna

Bei den Wehen war Hanna dann richtig laut. In den Pausen wurde es wieder nachtstill. Nur die wenigen Nachtvögel waren dann noch zu hören. Mein Platz war noch immer im Bett bei meiner Frau. Ab und zu stand ich auf um einen Apfel zu essen oder ein Stück Holz auf das Feuer im Eisenofen zu werfen. Es war bereits nach Mitternacht. Genauso wie der Hebamme fielen auch mir in jeder Wehenpause die Augen zu. "Ihr schlaft ja", stellte Hanna belustigt fest. Ich spürte, dass etwas Großes und Wichtiges passierte. Ich war müde, erschöpft, gleichzeitig aufgeregt und ganz sicher bei mir.

Hanna kniete auf einem Fell vor unserem Bett als es dann soweit war. Unser Kind kam mit der rechten Hand zuerst und zusammen mit dem Fruchtwasser in einem Stück zur Welt. Plötzlich ging es ganz schnell. Ich saß dabei neben Hanna auf der Bettkante. Das Neugeborene glitt, von der Hand der Hebamme ein wenig gebremst, auf das Geburtsfell.

Alles war nass, glitschig und blutig. Hanna sank zurück in den Fersensitz. Die Hebammen waren jetzt zu zweit. Ich hatte die andere zwar begrüßt, doch eigentlich kaum bemerkt. Dann saß ich neben Hanna. Und vor uns lag das Neugeborene, das wir zusammen behutsam aufhoben. Es war ganz sauber und wohlriechend, obgleich alles andere in Blut und Fruchtwasser schwamm.

Hanna drückte das Kleine an die Brust. Wir schauten in das runzlige kleine Gesicht. Unser Baby war von der schnellen Geburt erschrocken. Es schrie lauthals in die Nacht. Ich war überrascht. Fühlte ich mich doch mit dem Ungeborenen schon so sehr vertraut, hatte ich wohl unbewusst auch erwartet jetzt ein vertrautes Gesicht zu sehen.

Ich sah ein Gesicht, das ich nie zuvor gesehen hatte

Doch ich schaute in ein Gesicht, das ich nie zuvor gesehen hatte. So nah, so vertraut und doch auch so fremd war mir dieses kleine Wesen. Es hatte riesige Hände und riesige Füße. Nie hatte ich ein Wesen mit so großen Händen und so großen Füßen gesehen.

"Willkommen auf diesem Planeten", flüsterte ich ihm zu. Erst nach vielen Minuten des Staunens schauten wir zwischen die winzigen Beine und erkannten, dass wir eine Tochter geboren haben. Ich wollte es vor der Geburt noch nicht wissen. Hanna ließ sich überzeigen, dass es schön wäre dieses Geheimnis zu bewahren.

Ich legte das winzige Mädchen dann auf meinen Bauch. Und ich legte meine Hand auf ihren Kopf. Hanna wurde bei Kerzenlicht genäht. Die Kleine hatte mehr getan als ich und sie war auch noch viel erschöpfter als ich. Sie atmete jetzt ruhig und schlief. Dann schloss auch ich die Augen und schlief mit meinem Baby auf dem Bauch ein.

Als die Hebammen Hanna versorgt haben und ein bisschen gewischt und aufgeräumt haben, verabschieden sie sich erschöpft von Müdigkeit im ersten Hauch von Morgendämmerung. Die Kleine hatte jetzt schon das erste Mal an der Brust genuckelt. Und die Vögel begannen schon ihr Morgenlied. Wir kuschelten uns zu dritt ins Bett und schliefen ein.
Nun hatte ich viel zu tun

An diesem Tag und an den folgenden Sommertagen hatte ich allerhand zu tun. Alles aufräumen, alles sauber und schön machen und dreimal am Tag musste ich ein vollwertiges warmes Essen servieren. Hanna hatte bei der Geburt viel Blut verloren. Am ersten Tag konnte sie sich nicht aufsetzen, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Und erst am vierten Tag nach der Geburt konnte sie vorsichtig aufstehen. In der ersten Zeit habe ich das Kind gewickelt und geschaukelt und vor allem Hanna versorgt.

Zum Glück war meine Schwester da. Sonst hätte ich kaum Zeit gefunden mit meiner Frau im Bett zu liegen und mit ihr stundenlang unsere Tochter anzuschauen. Dank der Hilfe im Haushalt fand ich sogar Zeit für eine abendliche Stunde Yogapraxis im Garten. Das war wichtig für mich. Denn in dieser Zeit mit mir allein konnte ich mich spüren und die Veränderungen auf mich wirken lassen.

Meine Tochter hatte in den ersten Tagen noch keinen Namen. Eine Rosa war es jedenfalls nicht. Das passte überhaupt nicht zu ihr. Sie hatte von Anfang an etwas sehr Klares und Direktes. Da war nichts Zögerliches. In einem Rutsch und mit einem lauten Schrei war sie zur Welt gekommen. Sie trank bis sie satt war. Danach würde sie sich von der Brust abdocken und sie nicht wieder in den Mund nehmen.

Ihren Namen bekam meine Tochter erst später

Der Name Nora war dann einfach da. Kurz und klar. Das passte gut zu ihr. Ich habe sie schon am ersten Tag mit vor die Tür genommen. In den Tagen nach der Geburt ging ich mit ihr in der Natur spazieren. Zuerst nur für ganz kurze Zeit. Ich habe mich dabei immer genau mit Hanna abgesprochen. Denn für sie war es gar nicht leicht räumlich von dem Kind getrennt zu sein, das sie so lange in ihrem Bauch getragen hatte.

Ich konnte das verstehen und war immer auf die Minute pünktlich zur verabredeten Zeit zurück. Für mich war es sehr schön diese Zeit allein mit meiner Tochter zu haben. Das waren ganz besondere Stunden. Und jedes Mal brachte ich Blumen mit, die ich dann auf das Fensterbrett am Bett stellte.

Es war leicht für mich diesen Ort zum Mittelpunkt der Welt zu erklären. Was konnte interessanter sein, als das was jetzt hier passierte. Und es passiert so viel. Noch heute sehe ich, wie sich Nora jeden Tag verändert und wächst und die Welt entdeckt.
Vieles veränderte sich nach der Geburt

In unserem kleinen Familienuniversum musste sich in dieser ersten Zeit vieles neu finden. Zusammen mit Hanna lernte ich nun was es bedeutet Eltern zu sein. Und als wir das gelernt hatten, mussten wir von neuem lernen und uns erinnern auch wieder ein Liebespaar zu sein. Ich glaube die Schwangerschaft dauert viel länger als 9 Monate. Und die Geburt ist nur der Höhepunkt. In Wirklichkeit waren es mindestens 18 Monate der intensiven Veränderungen.

Die vielen Besuche die wir in den Wochen nach der Geburt bekamen, waren manchmal anstrengend für mich. Denn natürlich war es mein Job Telefonanrufe zu beantworten, Gäste zu bewirten und zu empfangen oder freundlich auszuladen, wenn es zu viel wurde. Für mich war dieser Kontakt mit der Außenwelt aber gleichzeitig total wichtig. Denn bei all den Veränderungen und in der neuen Rolle, in die ich Schritt für Schritt hineinfand, hatte ich die Unterstützung und Aufmerksamkeit von vielen Freunde und Verwandten.

Jens Henniges war 26, als seine Tochter geboren wurde. Er lebte als Student in Göttingen.

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