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Vater von über 100 Kindern


Samenspender - Vater von über 100 KindernBild: © fotoliaxrender - Fotolia

Martin Bühler, geboren 1973, arbeitet als Kaufmann in der Lebensmittelbranche. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter an der deutsch-dänischen Grenze. "Nebenberuflich” war er 15 Jahre lang privater Samenspender.

Samenspende als Verdienstmöglichkeit


Wie sind Sie "privater Samenspender” geworden?

Anfangs hatte das rein finanzielle Gründe. Ich habe mir mein Studium dadurch finanziert. Und ich habe dann in kurzer Zeit gemerkt, dass anonyme Spenden nichts für mich sind. Bei einer dänischen Samenbank habe ich ein lesbisches Pärchen kennen gelernt, die dort versucht haben, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. So kam es erstmalig zu einer privaten Spende.

In welcher Umgebung findet eine private Samenspende statt?

Das ist ganz unterschiedlich. Bei mir war es grundsätzlich in einem Hotel. Nur anfangs habe ich das ein paar Mal auch in Privatwohnungen gemacht. Eine gewisse Distanz sollte gewahrt bleiben.

Hat Samenspenden für Sie etwas mit Männlichkeit zu tun?

Das muss ich Sie enttäuschen, nein. Meine Hauptzielgruppe waren lesbische Paare, die von den Samenbanken abgewiesen wurden. Inzwischen gibt es auch immer mehr Singlefrauen, die Samenspender suchen. Aber ich finde nicht, dass Männlichkeit so viel mit dem Kinderwunsch zu tun hat. Der Kinderwunsch ist eher ein Urinstinkt von Frauen.

Sex ist tabu

Wie funktioniert denn die Befruchtung? Sex ist offenbar in jedem Fall tabu?

Genau, Sex war bei mir immer tabu. Die Frauen sind im gleichen Hotel wie ich, das muss alles in kurzer zeitlicher Distanz vonstatten gehen. Man hat mehrere Vorgespräche, trifft sich in einem Hotel, der Spender produziert das Sperma und übergibt es sofort. Die Empfängerin geht dann in ihr Zimmer, und macht dort die Inseminationsspritze.

Sie haben schon einige Empfängerinnen-Gruppen benannt: Singlemütter, lesbische Paare. Am heikelsten stelle ich mir vor: Frauen, deren Partner zeugungsunfähig sind.

Ja absolut. Heterosexuelle Paare haben auch nie zu meiner Hauptzielgruppe gehört - aus dem Grund, dass das Problem meist bei den Männern liegt. Oft muss der Spender, bevor es zur Spende kommt, mit den Partnern der Frauen sprechen. Für mich ist derjenige, der ein Kind erzieht oder versorgt, der Vater. Man sollte nicht so großen Wert auf die genetische Herkunft legen.

Wie groß ist der Bedarf an dieser Dienstleistung Samenspende?

Ich habe jährlich zwischen 10 000 und 15 000 E-Mails beantwortet. Von denen waren 8000 bis 10 000, manchmal 12 000 direkte Anfragen. Ich hatte immer einen Hauptjob, aber zehn bis zwanzig Spenden im Jahr waren es meist schon.

Aber nicht jedes Mal entsteht ein Kind?

Wenn ich das hochrechne auf 15 Jahre, kommt ja einiges zusammen. Bis der Erfolg da ist, braucht es in der Regel zwischen sechs und zehn Versuchen. Man kann davon ausgehen, dass es ein Jahr dauert, bis die Befruchtung funktioniert hat. Oft sind große Entfernungen zurückzulegen, man muss sich auf den Zyklus der Frau einstellen, zur Eisprungzeit am richtigen Ort sein.
Das heißt, Sie haben sechs bis zehn Mal dieselbe Kundin?

Ja, oft über Jahre. Es gibt Frauen, die mal ein Jahr pausieren und es dann wieder versuchen. Wenn Sie mit einem Spender zufrieden waren, wechseln die Frauen in der Regel nicht. Und es gibt Empfängerinnen, die sagen, ich möchte ein Geschwisterchen, und das zweite Kind will ich vom gleichen Spender, nicht von einem anderen Erzeuger.

Was kostet eine Samenspende?

Zwischen 50 und 150 Euro. Das ist der Satz, den jede Samenbank auch zahlen würde. Was aber viel mehr kostet, sind Anreise, Hotel und die Gesundheitsatteste, also HIV, Hepatitis und so weiter. Irgendwann können Sie auch 200 Euro nehmen, und wenn Sie dann Ihre fünf, sechs, sieben Empfängerinnen haben und Sie machen das zwei- oder dreimal die Woche, dann kann das zum Hauptjob werden. Das wird ganz normal versteuert als Zusatzeinkommen. Steuerfrei sind Samenspenden nur, wenn Sie an eine Samenbank spenden.

Nichts anderes als eine Blutspende

Was wollen die Empfängerinnen vorher von Ihnen wissen?

Beim Erstkontakt habe ich den Frauen eine Kopie des Personalausweises zukommen lassen. Damit ist klar, ich bin eine reale Person und kein Pseudonym aus dem Internet. Dann die aktuellen Atteste. Worum es den Frauen am wenigsten geht, ist das Aussehen. Eher Zuverlässigkeit, Sympathie, familiäre Umstände des Spenders, geordnete Verhältnisse, hat er studiert, einen geregelten Job? Das sind die Auswahlkriterien.

Wie viele Kinder sind mit Ihrer Mithilfe entstanden?

Das ist die einzige Frage, die ich nicht konkret beantworten möchte. Sie können aber davon ausgehen, dass es im unteren dreistelligen Bereich ist.

Was ist das für ein Gefühl, der leibliche Vater so vieler Kinder zu sein, diese aber nicht aufwachsen zu sehen?

Eine Samenspende ist für mich nichts anderes als eine Blutspende, auch wenn die Auswirkungen und die Verantwortung natürlich viel größer sind. Aber im Prinzip ist es ein Sekret, das man abgibt, und damit anderen zum Wunschkind verhilft. Wichtig ist, dass die Empfängerinnen damit von Anfang an offen umgehen. Es ist kein Problem, wenn man Kindern von vornherein erzählt, dass sie durch eine Samenspende auf die Welt gekommen sind.
Rechtliche Grauzone

Haben Sie Kontakt zu den Kindern und/oder zu Ihren Müttern?

"Professionelle” Samenspender machen oft Schwangerschaftsbegleitung, manche sind auch bei der Entbindung dabei. Und es ist immer gut, wenn man später ein Gespräch mit den Kindern hat, damit sie einmal ihren Erzeuger kennen lernen. Ich habe bei solchen Kontakten festgestellt, dass Kinder damit völlig normal umgehen, wenn man sie nicht anlügt.

Befindet sich das Phänomen Samenspende in einer rechtlichen Grauzone?

Das ist ein sehr ungeregelter Bereich. Da ist die Politik seit langem gefordert, durch Urteile wie vom Oberlandesgericht in Hamm mit dem Spenderkind Sarah P. ist das auf der Tagesordnung.

Da geht es um das Recht, den Vater kennen zu lernen.
Genauso ist es, da gibt es Klärungsbedarf, vor allem bei eingetragenen gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften. Ich finde nicht, dass der Staat sagen kann, nur die Frau hat ein Recht auf ein Kind, deren sexuelle Orientierung der Norm entspricht. Ich lebe hier im deutsch-dänischen Grenzgebiet und erlebe tagtäglich Schwangerschaftstourismus: Lesbische Paare müssen monatelang jeden Monat zur Einsprungszeit nach Dänemark reisen, und das in einem vereinigten Europa!

Fürchten Sie Unterhaltsverpflichtungen?

Die sind per Vertrag ausgeschlossen. Grundvoraussetzung ist, dass ein Vertrag gemacht wird, der wird von einem Anwalt auf beiden Seiten durchgeschaut. Man kann keinen Vertrag machen zum Nachteil eines noch nicht geborenen Kindes. Sollte ein Kind klagen, würden die Elternteile dem Spender gegenüber haften. Ich hatte da noch nie ein Problem, und finde die aktuellen Urteile sehr vernünftig. Das Kindeswohl muss an oberster Stelle stehen.

Hohe emotionale Belastung

Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu, und weiß Ihre Tochter davon?

Meine Frau weiß es. Wir haben uns kennen gelernt, als ich bereits Spender war. Sie weiß natürlich auch, dass das Spenden zu hundert Prozent sexfrei ist, daher war das bei uns nie ein Thema. Und meine Tochter ist "aufgeklärt” und sie hat absolut kein Problem damit.

Warum haben Sie aufgehört mit dem Samenspenden?

Es ist eine wahnsinnige emotionale Belastung. Man muss wirklich schauen, dass man die Distanz wahrt. Es sind damit Schicksale verbunden, teilweise Tragödien. Und nach so vielen Jahren ist dann irgendwann der Punkt gekommen, wo ich gesagt habe, es reicht. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe und trotzdem möchte ich weiter darüber reden!

Interview: Thomas Gesterkamp

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